Die Wiedergeburt des Soldatendramas

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Kann es zu viel „Star Wars“ geben? Mit der zweiten Staffel der Animationsserie „The Bad Batch“ bringt Disney Plus gleich zu Jahresbeginn die nächste Erzählungsreihe aus dem Universum nach Lucas – „The Mandalorian“, „Ahsoka“, „The Acolyte“ sowie „Skeleton Crew“ werden mindestens noch folgen.

Im Vorjahr gab es vier neue „Star Wars“-Serien auf dem Streamingportal. Doch das ist kein Overkill, sondern ein Segen. „The Bad Batch 2“ ist eine kluge und wichtige Serie, deutlich besser als die erste Staffel.

Nur mit dem Animationsstil, etwas videospielartiger als „The Clone Wars“, muss man zurechtkommen. Dann aber führt die Serie ganz tief in eines der Kernthemen der „Star Wars“-Mythologie: Den Loyalitätskonflikt.

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Es wird hier ein Genre wiederbelebt, dass lange ausgestorben schien – weil es durchaus heikel ist: Das Soldaten-Drama. In einem realen Setting, meist im Zweiten Weltkrieg, birgt diese Art von Filmen viele Fallstricke.

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Die „Steiner“-Serie ist ein gutes Beispiel dafür. Kann es gute Wehrmachtssoldaten gegeben haben, trotz der Verbrechen von Hitlers Armee? Heikel.

Mit der Übertragung in die Science-Fiction-Welt von „Star Wars“ werden solche Fragen umgangen. Es bleiben: Der in den Krieg Gezogene, Getriebene, sich dort Wohlfühlende, damit Hadernde, der zu seiner Pflicht Stehende, der Täter, das Opfer – alle in Uniform.

Die zwei atemberaubenden Wendungen

Die gesamte Saga, von Kino über TV bis Comic, wartete bislang mit zwei atemberaubenden Wendungen auf, in denen die Geschichte komplett von links auf rechts gedreht wird. In „Das Imperium schlägt zurück“, dem erscheinungschronologisch zweiten Teil, offenbarte Darth Vader, dass er der Vater des Haupthelden Luke Skywalker ist. Sofort veränderte sich die Figur – aus dem eindimensionalen Schurken wurde eine Figur mit einer Leidensgeschichte, mit mindestens gefühlt positiven Elementen.

Wie Vader wurde, was er war, davon handeln die drei Prequels. Doch deren erschütterndster Wendepunkt war die „Order 66“. Mit diesem programmierten Geheimbefehl setzte Sheev Palpatine die Klonarmee gegen die Jedi ein, von einer Sekunde auf die andere wurden aus Kampfgefährten erbitterte Feinde.

In der „Jedi Purge“ wurden fast alle Lichtkrieger vernichtet. Der Beginn des Imperiums, das der sich lange als Demokrat tarnende und die so braven wie schwachen Republikaner nasführende Palpatine nun als Imperator anführte.

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Wie Vaders Enthüllung bei seinem Sohn Luke einen grundlegenden Loyalitätskonflikt auslöste (der letztlich zur Erlösung seines Vaters führte), standen nicht alle, aber doch einige Truppenteile der Supersoldatenarmee nach der „Order 66“ vor einem moralischen Dilemma. Nach jahrelangem, gemeinsamen Krieg gegen einen Feind, den es nun nicht mehr gab (die Roboterarmee der Separatisten), sollten sie ihre ehemaligen Befehlshaber und Gefährten, die Jedi, verfolgen und töten.

Es ist das Soldatendilemma. So alt wie die Menschheit. Was gilt höher – der Befehl oder das eigene Gewissen? Die meisten Klone hinderte ein eingepflanzter Chip, diese Gedanken zu führen, aber nicht alle.

Omega and Wrecker in „The Bad Batch“
Omega and Wrecker in „The Bad Batch“
Quelle: Lucasfilm Ltd.

Davon handelt im Grunde „The Bad Batch“. Eine Fünfergruppe (mit einem Klonmädchen-Sidekick) Außenseiter-Klone, wird entchipt und desertiert vom Dienst des Imperiums. Bis auf ein Mitglied. Der eiskalte CT-9904 („Crosshair“) verrät seine Kameraden und bleibt (zumindest in den bisher angesehenen vier ersten Folgen) ganz seinem Diensteid (hier Programmierung) verpflichtet. Andere Klone, wie CC-2224 („Cody“) kämpfen noch mit sich und dem Gewissen.

Einer der entscheidenden Faktoren für den unglaublichen Erfolg von „Star Wars“ ist, dass man das Franchise leicht unterschätzen, als „Fantasy“ oder gar „Märchen“ abtun kann. Tatsächlich aber wird gerade in den TV-Erweiterungen Elementares verhandelt, das Science-Fiction-Setting ist nur (spektakuläre!) Kulisse – so wie es Richard Wagner im „Ring“ nie um eine Göttergeschichte ging, und sich sein Zyklus wunderbar in andere Sphären übertragen lässt.

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„Andor“, die vielleicht beste „Star Wars“-Variante aus dem vergangenen Jahr, hat dies eindrucksvoll bewiesen. Dort wurde komplett auf den mythologischen Hintergrund des Franchise verzichtet.

Keine Jedis, keine Macht, keine Lichtschwerter. Es ging um Alltags-Menschen, die sich plötzlich in einer Diktatur wiederfanden und den Moment, in dem sie ganz persönlich für sich entdeckten, dass sie gegen das Unrecht Widerstand leisten müssen.

„The Bad Batch 2“ spielt nun durch, wie sich der Wechsel des politischen Systems im militärischen Bereich auswirkt. Die Klone – in identischen Massen als Kriegsmaterial fabrizierte Menschen – sind dabei Stellvertreter für alle Soldaten dieser Welt. Sie sind ein Zwischending zwischen den Robotern der Separatisten und den rekrutierten Sturmtruppen des Imperiums.

Der Moment der Aufklärung

„Wissen sie, was uns von den Kampfdroiden unterscheidet“, fragt ein Klon einen zweiten, der sein Selbstverständnis auf „Wir sind Soldaten“ reduziert, und beantwortet seine Frage gleich selbst: „Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen. Und wir sind dafür verantwortlich.“

Für diese Art der Maschinenmenschen ist dies der Moment der Aufklärung. Auch die Fragen, was mit den hunderttausenden Klonen, die durch menschliche Soldaten ersetzt werden sollen, zu geschehen hat, warum das Imperium überhaupt auf ungeklonte Truppen setzt (Tipp: Follow the Money) und was von Kamino übrig blieb werden behandelt und weiter aufgeklärt.

Der Schlüssel zur inhaltlich total missratenen Snoke/Palpatine-Annahme der Sequels liegt in „The Bad Batch“ – die Serie wird am Ende mehr verknüpft und gerettet haben als „The Mandalorian“ oder „Kenobi“.

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Düster ist die Serie, brachial in ihrer Darstellung der Kämpfe und zynisch zuweilen auch. Gottlob hat Dave Filoni, dessen „The Book of Boba Fett“ zu Unrecht und aus Unkenntnis der Titelfigur als spektakelhafte Hommage an das „Star Wars“-Spielzeug der Kindheit diskreditiert wurde, die missionsartige Aufstellung der Episoden zugunsten längerer Handlungsstränge aufgegeben.

Rein-Raus gibt es nicht mehr in diesem erwachsenen Kriegsdrama, das vielleicht neben „Andor“ die am wenigsten für Kinder geeignete Verkörperung von „Star Wars“ ist. Wurden die Dialoge in den Filoni-Werken zuletzt häufig kritisiert, ist er hier wieder ganz auf der Höhe.

Mit nur wenigen Sätzen (die natürlich nicht verraten werden) zahlt er beispielsweise auf Palpatines manipulatorisches Genie ein, dem das Gute einfach nicht gewachsen ist, wie die Bad Batch feststellen muss.

Vor allem absolut „Star Wars“

Ab und zu erlaubt sich Filoni auch eine Spur Humor, in dem er in Folge zwei der berühmtesten Filmmonster der Geschichte quasi wiederauferstehen lässt. Und, ja, der Soundtrack, erinnert wohltuend an Vangelis’ „Blade Runner“-Geniestreich.

Vor allem aber ist „The Bad Batch“ absolut „Star Wars“. Die unzähligen Anspielungen an frühere Filme und Serien (ein Rennen, der Sternenzerstörer über Desix wie der über Jeddah in „Rogue One“ und die Rückkehr eines behaarten Bekannten – aber nicht der, an den Sie jetzt denken) machen die 18 Folgen zu einem Fest für die Fans, die in „Star Wars“ immer mehr gesehen haben, als es das „Es war einmal…“ im Titelscroll von „Krieg der Sterne“ vermuten ließ.

Source: welt.de