Prinz Harry im US-Fernsehen: Gut, dass die Queen das nicht mehr miterleben muss

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Der Tod seiner Mutter Diana, den er jahrelang für „getürkt“ hielt. Der unterkühlte Vater Charles, der sich nicht mal in der Trauer zu einer Umarmung überwinden konnte. Der lieblose Bruder, dessen Wut in einem körperlichen Angriff gipfelte: Wer meint, dass es kaum noch etwas gibt, das Prinz Harry nicht aus dem Nähkästchen geplaudert hat, der bekam am Sonntagabend bei dessen Interview mit Anderson Cooper bei dem einst respektablen Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ des Senders CBS noch einmal die ganze Packung verabreicht. In seiner Autobiografie „Spare“ spart der achtunddreißigjährige Prinz Harry nichts aus. Er legt das Familienleben der Royals in Trümmer.

Das Ersatzrad läuft heiß

Der Titel seines Buchs gibt bekanntlich den halboffiziellen Terminus für die „Ersatzräder“ der Monarchie wieder, also diejenigen, die nicht als „Heir“, als Thronfolger, gelten. Nachgeborene wie Harry, dem in der Thronfolge nach seinem Bruder William noch dessen drei Kinder voranstehen. Dafür läuft er sämtlichen anderen Royals in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit den Rang ab. Aber man wird auch mit Anderson Coopers Hilfe nicht schlau daraus, was Harry damit eigentlich bezweckt.

Nein, sagt Harry, mit der herabsetzenden Charakterisierung seines Bruders („altbekannter finsterer Blick“, „alarmierende Kahlköpfigkeit“), habe er nichts Böses im Sinn gehabt, er liebe William zutiefst. Auch dass er über seinen Vater, König Charles III., schreibt, der habe gerade mal die Hand auf Harrys Knie fallen lassen, als er ihm die Nachricht von Dianas Tod überbrachte, erscheint Harry offenbar nicht als schockierend persönliches Schilderung des schwersten Moments im Leben der Familie. All das dient ja, so rechtfertigen die Sussexes ihre Enthüllungen, der „Wahrheit“.

Medialer Frontalangriffe auf das Königshaus: Harry und Meghan im Interview mit Oprah Winfrey

Medialer Frontalangriffe auf das Königshaus: Harry und Meghan im Interview mit Oprah Winfrey : Bild: dpa

Gemeinsam mit seiner Frau Meghan saß Harry 2021 auf dem Beicht-Sofa von Oprah Winfrey, um das Zerwürfnis des Paares mit dem Hause Windsor über die Darstellung Meghans in der britischen Presse anzuprangern. Kürzlich breiteten die beiden in einem sechsteiligen Netflix-Selfie intimste Details ihrer Beziehung und der zum Palast aus, angeblich gegen 100 Millionen Dollar. In „Spare“ geizt Harry nun nicht mit Ausführungen, nach denen sich die vermeintlich so verhasste Klatschpresse die Finger leckt.

Er dachte, der Tod seiner Mutter sei inszeniert

Ein Großteil des Gesprächs dreht sich um die lähmende Trauer, von der Harry nach dem Tod seiner Mutter erfasst wurde. Er verstieg sich jahrelang zu der Vorstellung, seine Mutter habe sich mit einem inszenierten Tod der Öffentlichkeit entziehen wollen. Seine Gedanken kreisten um „Ungereimtheiten“ der polizeilichen Untersuchung des tödlichen Autounfalls seiner Mutter im Jahr 2006. Seine zehnjährige Militärzeit und sein Einsatz in Afghanistan hätten ihn „gerettet“, sagt Harry, weil er endlich raus aus dem Rampenlicht und unter Gleichgestellten gewesen sei.

Freilich machte Harry auch gerade mit Aussagen über diese Lebensphase Schlagzeilen, weil er sich rühmt, 25 Taliban getötet zu haben, die ihm „im Eifer des Gefechts nicht als Menschen, sondern als Schachfiguren, die vom Brett gefegt wurden“, erschienen. Anderson Cooper fragt nicht danach. Dabei liegt doch an solchen Punkten der Hund begraben: Der Prinz und seine Frau inszenieren sich als wohlmeinende Gutmenschen, die von den Windsors der Klatschpresse zum Fraß vorgeworfen worden seien. Vor dem Leben, der Würde oder der Privatsphäre anderer indes zeigen sie selbst keinen Respekt. Es sei denn, es handelt sich um „Opfer“ sozialer Ungerechtigkeit, denen sich die Sussexes medienwirksam als „Verbündete“ zur Seite stellen.

Coopers Aufgabe wäre es gewesen, auf diesen Widerspruch hinzuweisen, ihn zum Thema zu machen. Aber man hat sich scheinbar darauf verständigt, wie das Gespräch zu laufen hat. „Warum die Offenbarung von Gesprächen mit Ihrem Vater und Ihrem Bruder?“, fragt Cooper an einer Stelle, aber es ist bloß ein Wink. Kurz darauf sekundiert Anderson dem Prinzen, das königliche Motto „never complain, never explain“ werde durch die von Harry und Meghan beklagten „leaks“ des Palastes an die Presse unterlaufen, mit denen die Royals Gerüchte und Gemeinheiten verbreiteten. „Ich dagegen sitze hier“, sagt Harry „und spreche die Wahrheit mit den Worten, die aus meinem Mund kommen, anstatt eine anonyme Quelle der Klatschpresse Lügen oder Geschichten füttern zu lassen, einer Klatschpresse, die ihre Leserschaft dazu radikalisiert, meiner Familie meiner Frau, meinen Kindern etwas anzutun.“

Harry und seine Frau Meghan bei einem Auftritt im April in den Niederlanden.

Harry und seine Frau Meghan bei einem Auftritt im April in den Niederlanden. : Bild: AP

Dabei stellt ja niemand in Abrede, dass die Methoden der britischen Klatschpresse unhaltbar sind, oder dass die enormen Summen, die für Paparazzi-Fotos gezahlt werden, allen Anstandsgrenzen spotten. Die Frage an Harry muss indes lauten, wie wohl immer neue – und lukrativ vermarktete – Enthüllungen aus dem Leben seiner eigenen Familie zur Stärkung des Respekts für die Würde anderer beitragen sollen.

Erst als Harry gegen Ende des Gesprächs hofft, den Bruch mit seinem Vater und Bruder mit einer „konstruktiven Konversation im Privaten“ zu kitten, hakt Cooper endlich nach: Müssten die nicht fürchten, dass jedes Wort eines Zwiegesprächs in irgendeinem Interview von Harry öffentlich gemacht würde? Die haben angefangen, sagt Harry, und man möchte seufzen: Gut, dass die Queen das nicht mehr miterleben muss.

Einmal mehr darf man hier über die Unreflektiertheit eines nicht mehr ganz jungen Mannes mit enormen Privilegien staunen. Mehr noch aber irritiert, wie sich hier ein angesehener Journalist zum Stichwortgeber einer professionellen Selbstinszenierung macht und jemandem den Steigbügel hält, der sein angebliches Leid und das seiner Familienmitglieder verhökert.

Anderson Cooper, mag man sagen, war immer schon eine Art Oprah für Intellektuelle: Ein Nachrichtenmann aus bestem Haus (er ist der Sohn von Gloria Vanderbilt), der mit kultivierten Gefühlsbekenntnissen an dramatischen Schauplätzen seinem Sender CNN in die Infotainment-Welt half, ohne sein Ansehen preiszugeben. Hier ist es ihm verloren gegangen.

Source: faz.net