Wohnbedürfnisse: Die Gesetze des glücklichen Wohnens II

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Präambel: In der Erkenntnis, dass der Mensch wohnen muss und jeder Mensch – unabhängig von Alter oder Herkunft, von Geschlecht oder Gehalt – das Recht hat, glücklich zu wohnen, und in dem Bestreben, die Bedingungen für dieses Glück im Allgemeinen zu beschreiben, wurden 20 Gesetze formuliert in der Absicht, dass diese sowohl glückliches Wohnen fördern als auch jenen helfen, die dieses Glück einfordern

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Art. XI Kein Mensch darf Angst haben, seine Wohnung zu verlieren.

1. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Es zu befriedigen sollte für die Haushalte in Deutschland keine große Kraftanstrengung sein. Doch in den meisten Metropolen steigen die Mieten seit Jahren scheinbar unaufhaltsam. Haushalte geben inzwischen durchschnittlich 27,2 Prozent ihres Einkommens für das Wohnen aus, bei Singles ist es oft über die Hälfte des Einkommens. Die Forschung spricht deshalb bereits vom housing affordability stress – dem Stress, sich die Wohnung nicht leisten zu können. Der kann sogar krank machen.

2. Der Mensch kann aus eigener Kraft an fast allem sparen – an der Miete nicht. Die gibt der Wohnungsmarkt vor. Deshalb mehren sich in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt seit einiger Zeit die Rufe nach einem Mietendeckel. Bedeutet: Die Mieten werden bis auf Weiteres eingefroren oder sogar auf ein niedrigeres Niveau gesenkt. Einige sehen dies als neuen Eingriff in die Freiheit des Eigentums. Stimmt nicht: Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Europa Gesetze, die die zulässige Miethöhe begrenzten – in Großbritannien etwa bis 1957, in Westdeutschland bis 1964. Wenig überraschend: Nach deren Auslaufen stiegen die Mieten rasant, der Spiegel schrieb bereits Anfang der Siebzigerjahre vom “Mietenwahnsinn”.

Was sollte die Politik tun? Die Gesetze so ändern, dass kein Mietenstress entsteht – und kommunale Tauschbörsen aufbauen, wie sie die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen von Berlin seit 2018 anbieten. Die könnten auch Menschen helfen, die wegen einer krankheitsbedingten Behinderung ins Erdgeschoss ziehen wollen oder plötzlich ein Zimmer mehr brauchen, um eine Pflegekraft bei sich aufzunehmen.

Art. XII Glücklich ist, wer nicht allein wohnen muss.

In deutschen Großstädten machen Single-Wohnungen inzwischen gut die Hälfte aller Haushalte aus. Nicht alle leben aus freien Stücken allein, gerade Senioren fällt das oft schwer. Auch deshalb sind kluge Konzepte gefragt, wie sich das Wohnen mehrerer Generationen unter einem Dach fördern ließe. Im Wohnprojekt Sällbo im schwedischen Helsingborg zum Beispiel leben Menschen unter 25 Jahren und Rentner gemeinsam in einem Haus. Jeder dort verpflichtet sich, pro Woche zwei Stunden mit den anderen Hausbewohnern zu verbringen. Noch vor einigen Jahrzehnten klangen solche Konzepte für viele befremdlich. Inzwischen denken immer mehr Deutsche anders darüber: 60 Prozent zeigen sich heute offen für alternative Wohnformen.

Allerdings ist Alleinsein nicht ausschließlich eine Belastung. “Eine Frau braucht Geld und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Bücher schreiben möchte”, davon war die Schriftstellerin Virginia Woolf überzeugt. Alleinsein kann unsere Vorstellungskraft beflügeln, hat eine im Jahr 2020 erschienene Studie der McGill University in Montreal ergeben. Die me-time, die Zeit für sich, verschafft Menschen einen wichtigen Ausgleich zum Gewusel städtischen Lebens. Me-time kann es aber auch in klug geplanten Wohnprojekten geben, dazu bedarf es nicht zwingend eines Single-Haushalts.

Artikel XII: Allein zu wohnen kann schön und befreiend sein. Wer sich hingegen nach Gesellschaft sehnt, sollte diese finden.

Was kann ich tun? Wenn Sie in einem Mehrfamilienhaus wohnen, können Sie älteren Nachbarn bei Besorgungen helfen. Oder veranstalten Sie mit den anderen Bewohnern ein Fest, etwa eine Art Tag der offenen Tür (s. Art. XVII). Es könnte der erste Schritt zu einer Hausgemeinschaft sein, die nicht nebeneinanderher lebt, sondern das Haus wirklich gemeinsam bewohnt.

Art. XIII Alle haben das Recht, im Ungefähren zu leben.

Architektur ist aus einer Folge von Provisorien hervorgegangen: Aus Höhlen wurden Hütten und Häuser, dann kamen Fußbodenheizungen, Fensterglas, Fernseher. Der Beruf des Einrichtungsberaters (s. Art. XIX) und der Aufräumexpertin entstand. Doch in jeder Wohnung existiert immer auch das “Ich lass das jetzt so”. Da wächst im Flur der Stapel ungelesener Wochenzeitungen, oder ein zusammengerolltes Handtuch liegt monatelang an der Wohnungstür, weil es sonst so zieht. Provisorien haben eine lange Lebensdauer, und das macht sie zu Werkzeugen innerer Erkenntnis: Sie geben Hinweise darauf, was der Bewohnerin oder dem Bewohner wichtig ist, was so bleiben darf und was nicht – schließlich wird diese Entscheidung jeden Tag neu getroffen. Alle Menschen haben dabei ein Recht auf das Unfertige. Die Philosophie sagt sogar, dass das permanente Provisorium ein Zeichen unserer Gegenwart sei. Es gebe keine sicheren Pläne mehr, zu vieles sei erschüttert, und alle müssten damit fertigwerden, dass ihr Leben morgen gänzlich anders aussehen könne. Die Psychologie fügt hinzu, dass das Ungefähre helfen könne, mit alldem fertigzuwerden. Denn es rege dazu an, außerhalb der Norm zu denken. Jeder Mensch hat dabei das Recht, selbst zu entscheiden, wie viel Provisorium er haben möchte. Das “Homeoffice” auf dem Küchentisch gehört nicht dazu, das ist auf Dauer belastend.

Was sollte ich verändern? Hinterfragen Sie sich ehrlich: Was kann so bleiben und was nicht? Manchmal weiß man erst, was einen glücklich macht, wenn man provisorische Zustände beendet.

Und wenn ich es so lassen mag? Dann machen Sie endgültig Ihren Frieden damit. Provisorien (oder gebrauchte Möbel) sind übrigens gerade in Kinderzimmern gut: Es ist nicht so schlimm, wenn sie beim Spielen kaputtgehen.

Art. XIV Jeder Mensch sollte woanders Raum für sich haben.

In Deutschland fehlen Hunderttausende Wohnungen. Zehn Prozent der Bürger leben gar in überbelegten Wohnungen, zu kleine Wohnungen sind nach Untersuchungen des Soziologen Tobias Wolbring der häufigste Grund für einen Umzug. Allerdings hat sich die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf seit den Sechzigerjahren in etwa verdreifacht – auf 47,7 Quadratmeter. Doch einfach auf Wachstum zu setzen ist auch hier keine gute Idee. Denn sonst werden noch mehr Flächen in der Landschaft versiegelt. Immerhin gibt es laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in deutschen Städten und Gemeinden 55.000 Hektar Freiflächen, die bebaut werden könnten. Das entspräche einer halben bis einer Million Wohnungen.

Kleine Wohnungen müssen indes nicht mit wenig Raum einhergehen. Das Bauprojekt The Collective in London etwa hat ein Gebäude mit 550 Wohnungen und 10.000 Quadratmetern Gemeinschaftsflächen geschaffen, zu denen ein Garten, ein Café, ein Fitnessbereich und ein Co-Working-Space gehören. Der Wohnraum pro Kopf: im Durchschnitt elf Quadratmeter. Was bislang der eigene Garten oder das eigene Ess-, Wohn- oder Arbeitszimmer war, ist in die Gemeinschaftsflächen gewandert. Selbst in der berühmten, 1993 abgerissenen Walled City in Hongkong, in der einst rund 33.000 Menschen auf nur 2,7 Hektar wohnten, lebten die Bewohner trotz der Enge zufrieden. Denn sie nutzten die Dächer der Stadt als halböffentliche Räume.

Artikel XIV: Auch außerhalb des Zuhauses einen Wohlfühlort zu haben bereichert das Leben.

Was kann ich tun? Finden Sie einen eigenen Platz für sich außerhalb Ihrer Wohnung. Unter einem Baum im nächsten Park vielleicht, in der Kneipe, am Flussufer, in der Stadtbücherei. Wo immer Sie gerne sein mögen.

Was sollte die Politik tun? Sie könnte konsequent Dachgärten fördern, deren technische und rechtliche Grundlagen längst vorhanden sind, und damit halböffentliche Gemeinschaftsflächen im Freien schaffen. Guter Nebeneffekt: Dachgärten kühlen die Umgebung spürbar ab und reduzieren so den gesundheitsschädlichen Effekt der “städtischen Wärmeinseln”, der durch den Klimawandel in Zukunft noch vermehrt wird.

Art. XV Glücklich wohnt, wer leben lässt.

Ziehen zwei Menschen als Wohn- oder Zweckgemeinschaft oder als Paar zusammen, wird aus der Wohnung Verhandlungsmasse. Fortan soll sie schließlich die Grundbedürfnisse beider erfüllen. Da geht es zum Beispiel um Schutz, Außenwirkung oder Ästhetik. Außerdem soll die Wohnung unterschiedliche Rituale, Lebensrhythmen und Vorstellungen vom glücklichen Wohnen ermöglichen. Bei diesen Verhandlungen kommt es weniger auf die Größe der Wohnung an. Wichtiger ist, dass die dort Wohnenden ihre eigenen Bereiche bekommen (s. Art. XIV). Es bieten sich zwei Lösungen an. “Entweder hat jeder einen Raum, den er gestalten darf, und bei dem der andere nicht reinredet. Oder Paare setzen sich die Regel, dass nur in die Wohnung reinkommt, womit sich beide wohlfühlen”, sagt die Wohnpsychologin Barbara Perfahl. “Das ist ein langer Prozess, dazu muss man sich zunächst ansehen, was dem jeweils anderen gefällt – und das wertfrei.” Sich bei der gemeinsamen Wohnung anzunähern bedeutet immer auch, an der Beziehung oder Freundschaft zu arbeiten. Am Ende kommt ein Kompromiss heraus, vielleicht auch ein Provisorium (s. Art. XIII). Geglückte Verhandlungen kennen dabei keine Dogmen. Getrennte Schlafzimmer etwa müssen kein Zeichen mangelnder Nähe oder Verbundenheit sein (s. Art XVIII).

Artikel XV: Ziehen zwei Menschen zusammen, wird verhandelt. Dabei geht es um Grundbedürfnisse.

Worauf soll ich achten? Erkennen Sie, ob Sie Dauertypen oder Veränderungstypen sind. Für manche Menschen bedeutet schon die kleinste Veränderung Stress, andere räumen ständig alles um oder dekorieren neu. Apropos: Vorsicht bei neuen Dekos – sie können als Markierung eines Claims missverstanden werden. Wobei “Reviere” keine schlechte Idee sein müssen. Allein dass jemand auf seinem Lieblingsplatz auf der Couch sitzt, kann bedeuten “Sprich mich gerade bitte nicht an, ich brauche eine halbe Stunde Zeit für mich”. Der Lieblingsplatz hat im Idealfall seine eigene Lichtquelle.

Was soll ich vermeiden? Die jeweils eigenen Vorstellungen unbedingt durchsetzen zu wollen lässt alle Beteiligten unglücklich zurück. Idealerweise macht die Wohnung die Persönlichkeit beider sichtbar, lässt aber auch Raum für eine neue, gemeinsame Wohnidentität.

Art. XVI Der Mensch braucht es hell und bunt.

1. Die Farben der Natur stehen auch der Architektur gut. Zum Beispiel sind die sechs Gebäude des Studentenwohnheims I Praticelli nahe Pisa innen in jeweils einer Farbe des Regenbogens gehalten: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Ansonsten sehen die Häuser vollkommen gleich aus – und sind somit das perfekte Objekt, um die Wirkung von Farben zu erforschen. Also befragten Wissenschaftler der Universität Bologna und der Universität Pisa gut 400 Studierende nach ihren Vorlieben. Am wenigsten mochten sie das knallige Rot, danach kamen Gelb, Orange und Violett. Am wohlsten fühlten sich die Studierenden umgeben von den Farben des Himmels und der Weide: Blau war am beliebtesten, dicht gefolgt von Grün. Blau ist die häufigste Lieblingsfarbe des Menschen, wahrscheinlich weil es an wolkenlose Tage und sauberes Wasser erinnert. Nicht umsonst lassen sich viele Designerinnen und Innenarchitekten von Landschaften inspirieren.

2. Licht nährt Körper und Seele. Die Ergebnisse einer Übersichtsarbeit zur Helligkeit des Zuhauses sind eindeutig: Bewohnerinnen und Bewohner lichtdurchfluteter Wohnungen sind im Schnitt weniger ängstlich und depressiv als Menschen, die im Halbdunkel leben. In gut ausgeleuchteten Zimmern passieren zudem weniger Haushaltsunfälle. Sogar Infektionskrankheiten kann ein helles Zuhause in Schach halten. Das liegt vor allem am einfallenden Sonnenlicht – einerseits, weil Tageslicht das Immunsystem intakt hält, andererseits, weil UV-Strahlung Bakterien und Viren direkt abtötet. Der desinfizierende Effekt bleibt durch die Fensterscheibe hindurch erhalten.

Artikel XVI: Die Natur ist auch beim Wohnen ein Vorbild. Ihre Farben stehen der Architektur gut.

Was kann ich tun? Wer durch den Wald streift oder am Meer entlangspaziert, findet Anregungen für gelungene Farbkombinationen. Was das Licht betrifft: Vergessen Sie nicht die Helligkeit und Sättigung des Farbtons. Weiße Oberflächen reflektieren etwa 70 Prozent, Pastellfarben schicken im Schnitt noch die Hälfte des Lichts zurück, Grau hat einen mittleren Reflexionsgrad von 30 Prozent, dunkle Wände, Böden und Decken geben nur zehn Prozent des Lichts ab (s. Art. XIX).

Art. XVII Glücklich wohnt, wer Lärm machen kann.

Wo es laut ist, da ist Lebendigkeit. Dass etwa das Singen seinen Ursprung in der Freude hat, beschrieb schon der arabische Gelehrte Ibn Chaldun (1332 bis 1406). Beobachtet hatte er das in Badesälen, wo Gäste im heißen Wasser gelöst zu trällern begannen. Dass Menschen noch heute im Badezimmer singen, hat auch mit Physik zu tun: Geflieste Wände absorbieren kaum Schall, stattdessen springen die Schallwellen wie ein Pingpongball hin und her. Das verleiht der Stimme wohlklingenden Hall. Durch die Form etwa einer Duschkabine werden zudem Frequenzen um die 100 Hertz verstärkt, was den tieferen Tönen der menschlichen Stimme entspricht. Das lässt den Gesang unter der Dusche besonders voll und sonor klingen.

Wichtig ist: Der Mensch soll zu Hause singen, musizieren, turnen und springen können, ohne seine Nachbarn zu belästigen (s. Art. XVIII). Dafür muss die Beschaffenheit der Wohnung sorgen. Ein grundlegendes Problem in mehrgeschossigen Wohnanlagen ist jedoch bereits der Trittschall. Die wummernden Geräusche, die beim Gehen entstehen – besonders wenn Bewohner mit der Ferse auftreten –, heißen unter Fachleuten “Estrichdröhnen”. Damit niemand auf Zehenspitzen durch die Wohnung schleichen muss, sollte das Problem schon beim Bau mitbedacht werden. Die zuständige DIN-Norm 4109 (“Schallschutz im Hochbau”) setzt Mindestanforderungen für die Schallisolierung von Wohnräumen und fordert, dass Böden, Decken und Wände Trittgeräusche von maximal 45 Dezibel in die nächste Wohneinheit weiterleiten – ungefähr so laut wie das Brummen eines Kühlschranks.

Was können andere tun? Durch den Einbau weicherer Trittschalldämmplatten können Gehgeräusche in Richtung tiefer Frequenzen verschoben werden, die weniger stören.

Was kann ich selbst tun? Akustikpaneele aus Schaumstoff oder Holz lassen sich nachträglich an Wänden anbringen. Textilien wie Vorhänge und Wandbehänge absorbieren ebenfalls Schall – je schwerer das Gewebe, desto größer die Wirkung.

Art. XVIII Der Mensch braucht Schlaf.

Der richtige Schlafplatz bietet Schutz und Überblick. Psychologen der Ludwig-Maximilians-Universität München haben untersucht, wo das Bett dafür am besten steht. Dafür ließen sie Versuchspersonen Schlafzimmermöbel auf verschiedenen Grundrissen so anordnen, dass sie sich dort wohlfühlen würden. Die Probanden folgten dabei instinktiv drei evolutionär verwurzelten Regeln für einen sicheren Schlafplatz. Erstens: Die Tür muss vom Bett aus im Blickfeld sein. Zweitens: Das Bett muss auf der Seite des Zimmers stehen, auf der die Klinke an der Tür angebracht ist – denn so sieht man jemanden, der die Tür einen Spalt öffnet, sofort. Drittens: Das Bett muss in deutlichem Abstand zur Tür stehen. Nach diesen Richtlinien schläft es sich ruhiger, da mögliche Eindringlinge weit weg und schnell erkennbar sind. Die beste Matratze für tiefen Schlaf und gesunden Rücken ist derweil “mittelhart”, zu diesem Schluss kommt eine 2021 erschienene Auswertung von 39 Studien.

Gesunder Schlaf beginnt mit der richtigen Beleuchtung (s. Art. XVI). Um am Tage munter und abends pünktlich zur Schlafenszeit müde zu sein, braucht es die richtige Dosis Melatonin. Das ist ein Hormon, das im Gehirn gebildet wird. Tageslicht hemmt ein dafür nötiges Enzym und hält so zur richtigen Zeit wach, ab der Abenddämmerung wird es im Optimalfall verstärkt ausgeschüttet. Der Sonnenstand, der unter natürlichen Bedingungen den Schlaf-wach-Rhythmus regelt, lässt sich mit den richtigen Lampen imitieren. Dabei kommt es vor allem auf die Farbtemperatur an, die man in der Einheit Kelvin misst – je größer die Zahl, desto höher der kühle Blau-Anteil. Im Schlafzimmer sind gedimmte Leuchtmittel mit 2700 Kelvin ideal.

Was kann ich tun? Flexibel bleiben Sie mit LED-Birnen, die sich frei steuern lassen, zum Beispiel vom Smartphone aus per App (s. Art. XX). Ab 18 Uhr sollten Sie von hellem, kaltweißem Licht auf gedämpftes, warmweißes bis bernsteinfarbenes umschalten.

Art. XIX Besonders glücklich wohnt, wer Mathe kann.

1. Überall in der Wohnung verstecken sich mathematische Formeln und Verhältnisse. Selbst eine perfekte Treppenstufe lässt sich einfach berechnen: Die doppelte Stufenhöhe plus die Stufentiefe muss 63 Zentimeter ergeben (das ist das Schrittmaß eines Erwachsenen mit durchschnittlicher Körpergröße). Üblich sind 18 Zentimeter Höhe, das ergibt eine Tiefe der Treppe von 27 Zentimetern. Wer eine Wohnung einrichtet, sollte sich also mit Zahlen beschäftigen. Eine gute Quelle dafür ist das Buch Innendesign von Frida Ramstedt. Da steht zum Beispiel: Ein Sofa sollte nicht breiter sein als zwei Drittel der Wand, vor der es steht. Der dazugehörige Couchtisch sollte nicht breiter sein als zwei Drittel der Breite des Sofas. In der Küche sollte der Abstand von der Arbeitsplatte zum Hängeschrank mindestens 50 Zentimeter betragen, sonst wird man sich den Kopf anschlagen. Wer wissen möchte, wie viele Gäste an seinen Esstisch passen, sollte mit 60 mal 35 Zentimeter pro Person rechnen. Auch beim Dekorieren helfen Zahlen und die Geometrie: Bilder etwa sollten so aufgehängt werden, dass ihre Mitte 145 Zentimeter über dem Boden liegt (das wird von den meisten Menschen als angenehm empfunden). Eine ungerade Anzahl von Objekten sieht meistens interessanter aus als eine gerade. Werden Dreiecke gebildet (statt zum Beispiel Paare), steigert das die Wirkung noch.

2. Mathematik hilft, wenn es darum geht, einen Raum neu zu streichen. Eine Formel für die benötigte Menge Farbe lautet Länge x Breite des Raumes x 3, das ergibt die Quadratmeterfläche der Wände und der Decke eines Raums. Wer lediglich die Wände streichen möchte, rechnet (Länge + Breite) x 2 x die Höhe. Wer genau sein mag, zieht Flächen für Türen und Fenster ab, bei einer Standardtür sind das etwa 1,2 m2, bei einem Standardfenster rund 1,8 qm. Am Ende müssen die Quadratmeter noch mit 0,2 multipliziert werden. Das Ergebnis ist Literzahl für die Farbe für zwei Anstriche.

3. Bei der Wahl der Wandfarben hilft die 60/30/10+S-Regel: Angelehnt an die Proportionen des Goldenen Schnitts besagt diese, dass 60 Prozent des Zimmers aus ein bis zwei Hauptfarben bestehen sollten. 30 Prozent sollten aus Farben bestehen, die den Hauptfarben ähneln oder mit ihnen harmonieren. Zehn Prozent der Farben sollten Kontrastfarben sein. Und das “+S” steht für ein kleines schwarzes Detail, das heraussticht und die anderen Farben wirken lässt (s. Art. XVI).

Was kann mir helfen? Das Internet, natürlich. Schauen Sie zum Beispiel bei @bloom.your.room auf Instagram vorbei, hier gibt es gute Einrichtungstipps. Beim Aussortieren hilft, ebenfalls auf Instagram zu finden, der Account @ordnungswunder.ch. Und schöne Ideen zur Einrichtung finden sich zum Beispiel auf TikTok bei @ohjules_. Und probieren Sie Raumplaner-Apps wie Roomle 3D, Magicplan oder Homestyler aus.

Art. XX Jeder sollte moderne Zeiten in die Wohnung lassen.

Menschen, die auf der Höhe ihrer Zeit leben, fühlen sich besser und sind gesünder. Diese Erkenntnis ist nicht neu: Bereits 1979 nahm eine Gruppe von 70- bis 80-Jährigen an einem psychologischen Experiment teil, dessen Prämisse lautete: “Es ist das Jahr 1959, Sie sind 20 Jahre jünger.” Eine Woche lang lebten die Probanden in einem Fünfzigerjahre-Bau mit entsprechender Möblierung. Zeitungen oder TV-Nachrichten stammten von 1959, ihre Gespräche drehten sich um die damalige Zeit und Lebenssituation. Das Ergebnis: Die Senioren waren nach dem Experiment deutlich beweglicher und litten weniger an Arthritis, einige schnitten in Intelligenztests besser ab, alle sahen auf Fotos jünger aus als zuvor. Allein dass sie sich fühlten, als seien sie am Puls der Zeit, hatte ihr Wohlbefinden gesteigert. Eine Schlussfolgerung könnte lauten: Versuchen Sie, diesen Puls so lange wie möglich zu spüren. Lassen Sie die Moderne – und das heißt heute meist: ihre Technik – nicht zu lange vor der Tür warten. Das machen auch die meisten Deutschen nicht: Heute haben mehr als 90 Prozent einen Flachbildfernseher, vor zehn Jahren waren es weniger als die Hälfte. Fast jeder fünfte Haushalt hat Internetfernsehen, immerhin sechs Prozent der Verbraucher besitzen eine Virtual-Reality-Brille.

Was sollte ich vermeiden? Machen Sie den Wettlauf um Größe und Schärfe nicht mit. Lassen Sie sich nicht von Hypes beeinflussen. Mehr Bildschirmdiagonale und Pixel machen nicht glücklicher. Ihr Kühlschrank muss keine Milch nachbestellen können. Seien Sie smart, nicht unbedingt Ihr Heim. Und: Kaufen Sie keine Technik in der ersten Version, warten Sie auf die zweite.

Was könnte ich tun? Man kann neue Technik sehr komfortabel und preisgünstig mieten. Wenn die geliehene Digitalkamera nach einer Woche in der Ecke verstaubt, wird das mit der gekauften nicht anders sein.