Deutschland steckt im Stau – in diesen Städten ist es am schlimmsten

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Nach der für Pendler vergleichsweise entspannten Corona-Zeit stehen die Deutschen nun wieder länger im Stau. Waren in den Homeoffice-Jahren 2020 und 2021 noch deutlich weniger Pkw in den Stoßzeiten auf dem Weg in die Innenstadt, so hat sich die Lage im vergangenen Jahr wieder deutlich angespannt.

Das zeigt eine Auswertung der Verkehrsdaten-Analysefirma Inrix, die das Staugeschehen in mehr als 1000 Großstädten in 50 Ländern ausgewertet hat. Ergebnis für Deutschland: Die Dauer der Staus ist in acht der zehn staureichsten Städte im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr gestiegen – und sie liegt wieder über dem Niveau von 2019. Lediglich in München und Nürnberg können sich Autofahrer über leichte Rückgänge freuen.

Die bayerische Landeshauptstadt ist allerdings immer noch die Kommune mit den größten Zeitverlusten durch Staus in der Bundesrepublik: 74 Stunden verbrachten Pendler dort im vergangenen Jahr im Durchschnitt im Stau. In Berlin, Nummer zwei der Rangliste, waren es 71 Stunden, in Hamburg mussten Pkw-Pendler im vergangenen Jahr insgesamt 56 Stunden warten.

Besonders stark gestiegen sind die Staustunden in Potsdam und Freiburg: die Wartezeiten erhöhten sich dort auf 55 beziehungsweise 47 Stunden, ein Anstieg von jeweils mehr als 50 Prozent. Für Potsdam begründen die Verkehrsforscher diese Erhöhung unter anderem mit großen Baustellen in der Stadt, die den Autoverkehr deutlich ausgebremst haben.

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Eine wesentliche Ursache für die wieder deutlich längeren Stauzeiten im Vergleich zum Vorjahr ist das Verkehrsaufkommen insgesamt. Die Deutschen fahren wieder deutlich mehr Auto. Laut Inrix stieg die Zahl der Fahrzeugkilometer an Wochentagen um 21 Prozent im Vergleich zu 2021, sie „liegt damit sogar um acht Prozent über dem Niveau von 2019“, stellen die Analysten fest. Vor der Pandemie war also weniger los auf den Straßen – und mehr im öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV). „Busse und Bahnen tun sich dahingegen weiterhin schwer“, heißt es bei Inrix. „Ihr Fahrgastaufkommen lag im ersten Halbjahr 2022 immer noch gut ein Fünftel (21 Prozent) unter dem vom ersten Halbjahr 2019.“ Hält diese Verschiebung des sogenannten Modal Split weiter an, oder verstärkt sich noch, dann muss wohl mit noch mehr Staus gerechnet werden.

Quelle: Infografik WELT

Und zwar nicht nur zur Rushhour in der Stadt. Schon im vergangenen Sommer hatte der ADAC festgestellt, dass in Deutschland wieder fast so viel Auto gefahren wurde wie vor der Pandemie. Der Club zählte von 24. Juni bis 11. September auf Deutschlands Autobahnen 106.488 Staus mit einer Gesamtlänge von 178.483 Kilometern. Die Reisenden hätten 81.135 Stunden im Stau gestanden.

Die Ergebnisse spiegeln auch das Mobilitätsverhalten der Deutschen wider. Das Auto ist für die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung das Verkehrsmittel Nummer eins. In einer Umfrage des Center of Automotive Management gaben im vergangenen Sommer 42 Prozent der Befragten an, dass sie auf den privaten Pkw angewiesen seien, weiteren 27 Prozent ist das eigene Auto „sehr wichtig“. Im Vergleich zu einer ähnlichen Befragung im Jahr 2018 sind diese Werte nur leicht gesunken. Die geringste Pkw-Affinität hatten der aktuellen Umfrage zufolge junge Stadtbewohner (bis 34 Jahre) – in dieser Gruppe sagen 57 Prozent, ein privater Pkw sei ihnen „wichtig“ oder „sehr wichtig“.

Quelle: Infografik WELT

Wirtschaftlich führen die langen Staus zu enormen Schäden, durch den Zeitverlust für die Fahrer, aber auch zusätzlich verbrauchte Energie und höhere Emissionen. Allein für München beziffert Inrix die Staukosten des vergangenen Jahres auf 390 Millionen Euro, oder 746 Euro pro Pkw-Fahrer. In Berlin betragen die Kosten wegen der insgesamt größeren Zahl an Pkw demnach 963 Millionen Euro, pro Fahrer 714 Euro. Trotz der Entlastung der Autofahrer durch die Spritpreisbremse in den Sommermonaten seien die Kosten der Stauzeiten weiter gestiegen, schreiben die Analysten. „Dies hält aber anscheinend nur wenige Menschen vom Autofahren ab.“

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Auch die sehr niedrigen Geschwindigkeiten in den Innenstädten haben offenbar keine abschreckende Wirkung. In München kommen Pkw den Daten zufolge in der Innenstadt nur mit durchschnittlich 18 Stundenkilometer voran, in Berlin sind es 23 km/h und in Hamburg 24. Keine der zehn staureichsten Städte des Landes kommt demnach über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 Stundenkilometern hinaus.

Der schlimmste Stau-Schwerpunkt des Landes war wie schon im Vorjahr der Mittlere Ring in München, mit einem durchschnittlichen Zeitverlust von 13 Minuten in der Stoßzeit um 17 Uhr. Es folgen der Hamburger Elbtunnel (zehn Minuten um 16 Uhr) und die A3 und A59 beim Dreieck Köln-Heumar mit jeweils neun Minuten durchschnittlicher Wartezeit in der 16-Uhr-Rushhour.

Zeitaufwand und Kosten für das Pendeln sind in Deutschland noch relativ günstig

Im internationalen Vergleich sind diese Werte allerdings sehr gering. Sieht man sich die Stau-Stunden von Metropolen wie London, Chicago und Paris an, dann erscheint der Pkw-Verkehr in Deutschland vergleichsweise flüssig. In der britischen Hauptstadt standen Autofahrer im vergangenen Jahr im Durchschnitt 156 Stunden lang im Stau, in Chicago waren es 155 Stunden und in Paris 138. Alle drei Städte kommen nicht über das Münchener Durchschnittstempo von 18 Stundenkilometern hinaus, in London sind es sogar nur 16 km/h.

Zeitaufwand und Kosten für das Pendeln mit dem Auto sind in Deutschland noch vergleichsweise günstig. Vor allem sind die Kosten 2022 laut Inrix-Berechnungen hierzulande weniger stark gestiegen als in anderen Weltregionen. Während Autofahrer in Berlin im Schnitt 51 Euro mehr für Kraftstoff bezahlen mussten, wuchsen die Kosten für Pendler in London um 253 Euro und für Autofahrer in Los Angeles um 286 Euro.

Diese beiden Städte sind der Auswertung zufolge Spitzenreiter bei den jährlichen Kraftstoffausgaben für Pendler: Umgerechnet 1241 Euro bezahlte ein Pendler in LA 2021 für Kraftstoff, 1228 Euro waren es in London. Berliner und Hamburger kamen für 826 Euro, beziehungsweise 768 Euro in die Stadt. Im bundesweiten Durchschnitt mussten deutsche Autofahrer laut Inrix 2022 etwa 60 Euro mehr für den Arbeitsweg bezahlen als noch im Jahr 2021.

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Source: welt.de