Große Hoffnung der Europäer – doch der historische Satellitenstart scheitert

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Beim Start am Abend des 9. Januar sah alles noch vielversprechend aus. Die „Cosmic Girl“, eine umgebaute Boeing 747 startete wie geplant vom Spaceport Newquay in Cornwall. Sie hatte eine Rakete unter der Tragfläche, die auf 35.000 Fuß (10,67 km) Flughöhe abgeworfen wurde und nach der Zündung ihres Triebwerks den weiteren Aufstieg startete. Neun Satelliten sollten so ins All gebracht werden.

Doch kurz darauf war die Hoffnung auf den ersten erfolgreichen Satelliten-Launch in Europa wieder zunichte gemacht. Das zweite Triebwerk von LauncherOne, der mit den Satelliten bestückten Rakete, zündete nicht wie geplant.

„Wir scheinen mit einer Anomalie konfrontiert, die verhindert hat, dass wir die Umlaufbahn erreichen“, teilte Virgin Orbit, das Unternehmen hinter dem Weltraumprogramm, mit. „Wir werden die Informationen auswerten.“ Die Satelliten seien verloren. Gefahr drohe nicht, selbst falls sie zurück zur Erde stürzen sollten, geschehe das über dem Ozean.

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„Start me up“, so der Namen der Mission, sollte Geschichte schreiben. Nicht nur in Großbritannien ruhen erhebliche Hoffnungen auf dem Satelliten-Projekt. Für ganz Europa hätte ein Erfolg einen großen Schritt bedeutet für mehr eigene Startkapazität für Satelliten.

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Für Kommunikation, Verkehr, Forschung und Verteidigung werden seit einigen Jahren immer mehr dieser Trabanten in erdnahe Umlaufbahnen geschickt. Doch in Europa haben die dafür verfügbaren Raketen-Systeme nicht mit der Nachfrage Schritt gehalten. Hinzu kommt eine Reihe von Fehlschlägen.

Die immer wieder verschobene Ariane-6-Mission der europäischen Raumfahrtagentur ESA wird frühestens zum Jahresende starten. Ende Dezember hat auch Vega-C, ein Gemeinschaftsprojekt der ESA mit italienischen Kollegen, in Französisch-Guayana einen Fehlstart hingelegt und liegt während der Untersuchungen nun auf Eis. Den Zugang zu russischen Sojus-Raketen macht derweil der Krieg in der Ukraine unmöglich.

Der Weltraum ist kompliziert

„Wir haben viel Positives erreicht. Der Weltraum ist kompliziert. Wir wussten, dass das Risiko eines Misserfolgs besteht. Wir haben gezeigt, dass wir es können und wir werden es wieder versuchen“, sagte Matt Archer, Leiter des Launch-Programms bei der britischen Weltraumbehörde. Er sei natürlich enttäuscht, aber auch stolz, was die Mission alles erreicht habe.

Statt eines klassischen Raketensystems, das vertikal direkt ins All geschossen wird, nutzt die „Cosmic Girl“ einen sogenannten horizontalen Abschuss. Das System, das vor allem für kleinere Satelliten geeignet ist, hat Virgin Orbit in den vergangenen beiden Jahren bereits mehrfach erfolgreich in den USA durchgeführt.

Hinter dem börsennotierten Unternehmen mit Sitz in Kalifornien stehen unter anderem der milliardenschwere britische Unternehmer Richard Branson und Mubadala, ein Staatsfonds aus den Emiraten.

Die LauncherOne-Rakete von Virgin Orbit ist unter einer Tragfläche der „Cosmic Girl“ montiert
Die LauncherOne-Rakete von Virgin Orbit ist unter einer Tragfläche der „Cosmic Girl“ montiert
Quelle: REUTERS

Die Methode, die für den ersten Raketenstart über britischem Territorium zum Einsatz kam, zeigt, dass die Ära der Fast-Monopolstellung der großen Weltraumbahnhöfe wie Cape Canaveral in Florida, Baikonur in Kasachstan oder Kourou in Französisch-Guayana endet. Mit der Entwicklung von kleineren Raketen und Satelliten werden neue Startplätze und neue Starttechniken möglich.

Noch immer gilt, dass ein Startplatz in Äquatornähe für bestimmte Flugbahnen günstiger ist. Aber für sogenannte sonnensynchrone Umlaufbahnen, bei denen sich die Erde unter der Flugbahn der Satelliten dreht, sind auch andere Standplätze möglich.

Die Palette reicht von Alaska über Esrange in Schweden oder Andøya in Norwegen. Auch auf der Azoreninsel Santa Maria sollen künftig Raketen abheben.

Wettlauf um künftige Satelliten-Startplätze

Entmutigen lassen wollen sich die Beteiligten durch den Fehlstart nicht. „Wir werden unermüdlich daran arbeiten, die Ursache des Scheiterns zu verstehen, Korrekturen vorzunehmen und in den Orbit zurückkehren, sobald wir die Untersuchung und Prüfung der Anpassungen abgeschlossen haben“, sagte Dan Hart, Vorstandschef von Virgin Orbit.

Zwar hätten sie den Satelliten-Kunden nicht den versprochenen Service bieten können. Dennoch seien er und seine Kollegen sehr stolz auf die vielen Erfolge, die sie bereits erreicht hätten.

Im europäischen Wettlauf um künftige Satelliten-Startplätze sieht sich Großbritannien gut positioniert. „Die Raumfahrt schafft schon heute Zehntausende Jobs in Großbritannien, weltweit wächst die Industrie schnell und damit auch die künftigen Chancen“, sagte Hart.

Dan Hart ist Vorstandschef von Virgin Orbit
Dan Hart ist Vorstandschef von Virgin Orbit
Quelle: Getty Images/Hugh Hastings

47.000 Menschen sind im Land im weiteren Umfeld der Raumfahrt beschäftigt, die Branche erwirtschaftet 16,5 Milliarden Pfund (18,7 Milliarden Euro) im Jahr. Bei der Entwicklung von Satelliten liegt das Land auf dem zweiten Platz hinter den Vereinigten Staaten. Bisher werden sie stets aus den USA, Französisch-Guayana oder Kasachstan ins All geschickt.

Neben Newquay hat bereits ein halbes Dutzend weiterer Standorte im Land eine Zulassung für Satelliten-Launches beantragt. Noch im Laufe dieses Jahres sollen von zwei Abschussrampen im Norden Schottlands weitere Trabanten gestartet werden, dort mit klassischen Raketen. Doch der Vorlauf ist aufwendig. In Newquay musste der Start mehrmals verschoben werden, weil die nötigen Zulassungen der Aufsichtsbehörden nicht komplett waren.

Ein Überangebot drohe durch die neuen britischen Raumfahrt-Initiativen nicht, betonte Ian Annett, stellvertretender Chef der britischen Space Agency. Die Nachfrage vor allem für den Abschuss kleiner Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen lege rasch zu, dem stehe noch kein entsprechendes Angebot gegenüber. „Wir können unter Beweis stellen, dass wir Europas Haupt-Launch-Betreiber werden“, zeigte er sich zuversichtlich.

Erfolgreiche Raketenstarts über dem Pazifik

Virgin Orbit hofft, dass dabei das eigene System Schule macht. Statt einer maßgeschneiderten Infrastruktur werden dabei vorhandene Flugplätze genutzt. Der sogenannte Spaceport in Newquay, von dem „Cosmic Girl“ gestartet ist, ist der regionale Flughafen der Kleinstadt an der Küste im äußersten Westen von Cornwall.

Bisher ist die 20.000-Einwohner-Stadt vor allem als Paradies für Surfer bekannt. Nach Angaben von Virgin Orbit interessieren sich bereits Standorte in Australien, Japan und weiteren Staaten für die Möglichkeiten des horizontalen Starts.

Geeignet sind die Transporte vor allem für kleinere Satelliten in verhältnismäßig erdnahen Umlaufbahnen, wie sie etwa zur Sammlung von Verkehrs- oder Klimadaten eingesetzt werden. Die Aufträge für LauncherOne stammten unter anderem vom britischen Verteidigungsministerium, dem US-Marineforschungslabor, dem polnischen Satellitenentwickler SatRevolution und der Regierung von Oman.

Die „Cosmic Girl“ ist vom Flughafen der Kleinstadt Newquay an der Küste im äußersten Westen von Cornwall gestartet
Die „Cosmic Girl“ ist vom Flughafen der Kleinstadt Newquay an der Küste im äußersten Westen von Cornwall gestartet
Quelle: REUTERS

Auch britische Unternehmen gehören zu den Auftraggebern, etwa Space Forge aus Wales, die darauf setzen, mit Informationen aus dem All innovative Materialien und Komponenten zu entwickeln.

Auch wenn der britische Versuch missglückt ist, kann Virgin Orbit bereits auf vier erfolgreiche Raketenstarts über dem Pazifik verweisen. Die Flüge sind jeweils vom Mojave Air and Space Port nördlich von Los Angeles gestartet.

Grundsätzlich sei der Ablauf in Cornwall gleich gewesen, sagte Hart. „Nur das Wetter ist etwas anders als in Mojave.“

Deutschland zwei Raketenstart-Möglichkeiten

Deutschland ist beim Wettlauf um Satelliten-Launches ebenfalls dabei. Zwei nationale Raketenstart-Möglichkeiten zeichnen sich dabei ab, beide sind ungewöhnlich.

So gibt es die Idee für einen nationalen schwimmenden Startplatz auf einem Schiff. Im Bündnis GOSA (German Offshore Space Alliance) haben sich Firmen mit dem Ziel verbündet, von einem äußeren Zipfel deutschen Territoriums in der Nordsee, dem sogenannten Entenschnabel, Raketen zu starten.

Der Bundesverband der deutschen Industrie hat 2019 das Projekt angeregt. Erste Kunden haben unterschrieben und womöglich klappt ein erster Start noch in diesem Jahr.

Daneben gibt es praktisch ein deutsches Pendant zur LauncherOne-Rakete von Virgin Orbit. Alles nur kleiner, etwas anders und unmittelbar noch nicht startklar. Die Rakete (VALKYRIE) ist knapp zwölf Meter statt gut 20 Meter lang. Der Durchmesser beträgt 1,1 Meter. Damit passt sie sogar unter den Rumpf eines Airbus A320 und braucht keinen Jumbo-Jet.

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Hinter dem Projekt steht der Raumfahrtverein Gaia Aerospace, ein Netzwerk in der New Space-Szene. Für das Raketenprojekt soll eine eigene GmbH gegründet werden, sagt Gaia-Chef Kai Höfner. Ursprüngliche Erwartungen an einen Start 2025 seien wohl nicht mehr machbar. Es werde eher 2026/2027, sagt er auf Anfrage.

Das Projekt befinde sich derzeit in der Übergangsphase von Studien und Berechnungen zur Hardware-Produktion. Eine Besonderheit ist, dass die deutsche Rakete – im Unterschied zum Launcher One-Vehikel – wiederverwendbar wäre und dazu an Fallschirmen herabschweben soll. Die Rakete soll Kleinstsatelliten, sogenannte Nano- oder Mikro-Satelliten bis zu 100 Kilo in sehr niedrigen Umlaufbahnen in den Weltraum befördern.

Gaia Aerospace will auch nicht selbst ein Abwurfflugzeug für viel Geld umbauen und betreiben, sondern für den Zweck anmieten. Als Flugplätze für den Start kämen etwa die Flugplätze Nordholz oder Rostock-Laage infrage. Der eigentliche Start mit dem Abwurf der Rakete vom Flugzeug wäre dann wie bei der schwimmenden Plattform der nördlichen Zipfel des deutschen Territoriums über der Nordsee.

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Source: welt.de