News: Europäische Union, Nato, Emmanuel Macron, Frankreich, Brasilien

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Schutzschirm

Die Europäische Union und die Nato werden heute in Brüssel eine gemeinsame Erklärung zur Zusammenarbeit unterzeichnen. Das passiert zum dritten Mal, ist also Routine. Auf den ersten Blick ist das eine gute Sache. Wer sollte die EU bei einem Angriff verteidigen, wenn nicht die Nato? Aber darin liegt ein Problem.

Weil sich die EU seit jeher auf die Nato verlässt, hat sie es versäumt, selbst für ihre Verteidigung zu sorgen. Sie ist abhängig von der Nato und damit von den USA, der Führungsmacht des transatlantischen Bündnisses, die als einzige einen atomaren Schutzschirm für das Territorium der EU gewährleisten kann.


Flaggen der Europäischen Union

Flaggen der Europäischen Union


Foto: Arne Immanuel Bänsch / dpa

So lange das Verhältnis zwischen der EU und den USA einigermaßen gut ist, wie im Moment, ist das ein kleines Problem. Mit einer möglichen zweiten Amtszeit von Donald Trump wäre es ein großes Problem, auch mit anderen Präsidenten, die sich mehr um Asien kümmern würden als um Europa. Deshalb sei an diesem Tag noch einmal gesagt, was schon hunderttausendmal gesagt wurde: Die EU muss sich langfristig selbst verteidigen können.

Gemeinwohl

Wenn Sie heute nicht zum Neujahrsempfang beim Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue eingeladen sind, so wie ich, bedeutet das gar nichts. Sie müssen sich nicht grämen. Zwar heißt es auf der präsidialen Website: Eingeladen sind »Bürgerinnen und Bürger aus allen Bundesländern, die sich um das Gemeinwohl besonders verdient gemacht haben«.


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Juni 2022)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Juni 2022)


Foto: Silas Stein / dpa

Nicht eingeladen zu sein, heißt aber nicht, dass man sich 2022 nicht um das Gemeinwohl verdient gemacht hat, sondern nur, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier davon nichts mitbekommen hat. Oder dass das Schloss Bellevue zu klein ist für alle Sich-am-Gemeinwohl-verdient-gemacht-Habenden. Lassen Sie sich also nicht entmutigen. Sich am Gemeinwohl verdient zu machen, ist ein guter Vorsatz für 2023.

Rentenfrage

In Frankreich wird Ministerpräsidentin Élisabeth Borne heute den Plan für eine Rentenreform vorstellen. Es geht vor allem darum, dass die Franzosen länger arbeiten. Bislang können sie mit 62 Jahren regulär in Rente gehen, manche weit früher. 64 oder 65 heißt wohl das neue Ziel.

Dies ist nicht der erste Versuch von Präsident Emmanuel Macron, seinen Landsleuten mehr Lebensarbeitszeit zuzumuten. Bislang ist er damit gescheitert. Auch diesmal wird mit heftigen Protesten gerechnet.


Emmanuel Macron (April 2022)

Emmanuel Macron (April 2022)


Foto: Ludovic Marin / dpa

In Deutschland, wo man bald mit 67 Jahren in den Ruhestand geschickt wird, läuft ebenfalls eine Rentendebatte. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer hat angeregt, das Eintrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung zu koppeln. 2061 könnte man so bei 69 Jahren landen.

Hat es Frankreich besser? Nicht unbedingt. Dort liegt die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit bei rund 1500 Stunden, in Deutschland bei rund 1350. Weniger Arbeitsstunden im Jahr oder weniger Arbeitsjahre, was wäre Ihnen lieber?

Fragezangen

Manchmal hilft ein einziger Satz, um endlich zu verstehen, was man so macht. In meinem Fall: was ich seit vierzig Jahren mache (die Rente liegt so fern nicht). Diesen einen genialen Satz fand ich kürzlich in dem Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil. Dort sieht sich der Gesprächspartner eines Journalisten »angefasst mit den Fragezangen einer beruflich auf das Wissenswerte geschulten Neugier«. Vom Gemeinwohl ist man da weit entfernt.


Robert Musil (undatierte Aufnahme)

Robert Musil (undatierte Aufnahme)


Foto:

Ullstein/ dpa


Seither denke ich bei jedem Interview mit leichtem Unbehagen daran, dass sich mein Gesprächspartner von den Fragezangen meiner beruflich auf das Wissenswerte geschulten Neugier angefasst fühlen könnte. Im Französischen gibt es dafür diesen Ausdruck: Déformation professionnelle. Comes with the job, sagt der Engländer.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • Die jüngsten Entwicklungen: In der schwer umkämpften Stadt Soledar sind laut Kiew »kaum noch intakte Wände übrig«. Und: Moskaus Menschenrechtsbeauftragte will ihren ukrainischen Kollegen treffen. Der Überblick.

  • Großbritannien erwägt Kampfpanzer-Lieferung an die Ukraine: Deutschland, Frankreich und die USA liefern der Ukraine Panzer, nun zieht womöglich ein weiterer Nato-Partner nach: Nach SPIEGEL-Informationen erwägt die Regierung in London, gut ein Dutzend Kampfpanzer vom Typ Challenger 2 abzugeben. 

  • Ukrainische Schule weist russische Behauptung über getötete Soldaten zurück: Moskau gibt an, in Kramatorsk 600 ukrainische Soldaten getötet zu haben. Laut Reportern gibt es dafür vor Ort keine Anzeichen. Auch die betroffene Schule weist Angaben über Opfer vehement zurück.

  • Olaf Scholz ist jetzt Kriegspartei: Mit der Marder-Lieferung hat der Kanzler ein Ziel definiert: Die Ukraine muss den Krieg gegen Russland gewinnen, sonst würde auch Deutschland verlieren.

Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz

Die Startfrage heute: 2019 beschloss der Bundestag das Gesetz »zur Rückführung des Solidaritätszuschlags 1995« – mit welchen Auswirkungen?

Verlierer des Tages…


Anhänger des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro auf dem Dach des Kongressgebäudes

Anhänger des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro auf dem Dach des Kongressgebäudes


Foto: Eraldo Peres / dpa

… ist ein kanariengelbes Hemd, bekannt geworden als Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft. Über Jahrzehnte war es Symbol der Schönheit, stand für eleganten, mitreißenden Fußball. Pelé hat dieses Trikot getragen, Zico, Ronaldo, Ronaldinho, Neymar. Dieses Trikot machte gute Laune, auch weil die brasilianischen Fans, die es trugen, so fröhlich feiern können. Man sah sie gern diese gelbe Welle, vor und in den Stadien.

Am Sonntag ist eine gelbe Welle über staatliche Institutionen in Brasília geschwappt, wütend, gewalttätig. Viele Fans des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro haben das Trikot der Nationalmannschaft zu ihrem Kostüm gemacht. Nun steht es auch für eine Attacke auf ein demokratisches Wahlergebnis, auf demokratische Institutionen. Vom Symbol der Schönheit bleibt nicht mehr viel.


Die jüngsten Meldungen aus der Nacht



Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Der Traum vom 15-Minuten-Arbeitsweg: Im Homeoffice quengeln die Kinder, die Firmenzentrale ist weit entfernt – der IT-Dienstleister Datev hat seine Mitarbeitenden deshalb nachbarschaftliche Co-Working-Spaces testen lassen. Macht das zufrieden und produktiv? 

  • Übernimmt sich die Lufthansa in Italien?: Abgesagte Flüge, verlorene Koffer, überforderte Service-Hotline: 2022 war ein chaotisches Jahr für die Lufthansa. Trotzdem will Konzernchef Spohr jetzt bei der italienischen Linie ITA einsteigen. Der Deal ist zu verlockend. 

  • Wie die Nazis mit der »Möbel-Aktion« jüdische Familien ausraubten: Nachttische, Geschirr, Nähmaschinen – mit der »Möbel-Aktion« bedienten sich die Nazis am Eigentum jüdischer Familien. Ihre Beute aus besetzten Gebieten verhökerten sie an deutsche Schnäppchenjäger. 

  • Astronaut im Abfall: Der Schriftsteller Arno Geiger berichtet in seiner Autobiografie von einer kuriosen Leidenschaft. Viele Jahre lang ist er regelmäßig kopfüber in Papiermüllcontainer getaucht – auf der Suche nach literarischen Anregungen. 

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit