Camilla Nylund singt aus dem „Great American Songbook“

Get real time updates directly on you device, subscribe now.

Der September ist der verlässlichste Schönwettermonat des Jahres, aber sobald er kommt, weiß man auch: Die Tage werden kürzer, jeder Moment ist kostbarer Aufschub vor Dunkelheit und Kälte. Kurt Weills „September Song“ aus dem Musical „Knickerbocker Holiday“, 1938 im amerikanischen Exil geschrieben, erzählt genau davon. Camilla Nylund, die dieses Lied jetzt aufgenommen hat, kostet den Aufschub bis zur letzten Millisekunde aus: In der Zeile „when you reach September“ verzögert sie das Wort „September“, dessen Eintreten jedes Mal etwas musikalisch Endgültiges markiert, so lange es nur geht, und dehnt das Wort dabei, so weit es das Metrum nur zulässt. Dann kommt die letzte Zeile: „these precious days I’ll spend with you“ – „diese kostbaren Tage will ich mit dir verbringen“. Und Nylund hat einen so langen Atem für das letzte „you“, dass dem Radiosinfonieorchester des ORF unter der Leitung von Marin Alsop Zeit für eine harmonisch ausgefeilte Schlusskadenz bleibt, die sich fast zur Coda auswächst, während der sanfte und warme Gesang langsam verweht.

Das Können von Camilla Nylund, das sich hier zeigt, ist immens, denn die Taktfreiheit, mit der sie singt, ist nicht das, was ihr als klassischer Opernsängerin für gewöhnlich abverlangt wird. Aber der große Atem, die Dehnung von Zeit, das Ermöglichen von Bedeutungswechseln eines einzelnen, lange gesungenen Tons durch mehrere Umschläge der Harmonik in der Begleitung dazu, das alles kann sie deshalb so gut, weil sie eben Erfahrung hat mit dem anderen berühmten „September“, nämlich dem zehn Jahre nach Weill komponierten aus den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss, wo es eine Stimme mit Wärme und Weite, mit großem Atem und Mut zum langen Segeln in großer Höhe braucht.

Nylund gehört derzeit zwischen Wien und New York zur Weltspitze der Strauss-Sängerinnen. Und bei der Arbeit an dessen „Rosenkavalier“ an der Berliner Staatsoper, wo sie die Marschallin sang, schlug sie 2020 den Regisseur André Heller so in Bann, dass er eine Huldigung an sie und ihre Stimme konzipierte: Er beauftragte mit Florian Sitzmann, Christof Unterberger und Leonard Eröd Musiker von großer Stilkenntnis und sicherem Geschmack damit, dreizehn Lieder aus dem „Great American Songbook“ eigens für Nylund und die Besonderheiten ihres Soprans neu zu arrangieren, um Stimme und Charisma der von ihm verehrten Sängerin auch einem Publikum zugänglich zu machen, das vielleicht weniger gern in die Oper geht.

Die Arrangements reichen vom Klaviersolo mit intimen Streichersoli in „Ev’ry Time We Say Goodbye“ von Cole Porter bis zu orchestraler Opulenz samt Orgel, Trompete und Wiener Sängerknaben in „The Book of Love“ von Stephin Merritt, dem musikalisch am ehesten entbehrlichen, weil arg übersüßten Stück innerhalb dieser sonst so exquisiten Auswahl. Bei dem hinreißenden Slowfox „I’ll Be Seeing You“ von Sammy Fain aus dem Jahr 1938 verwandelt das Arrangement mit Harfe, Klavier und Mundharmonika die Promenade zwischen Pariser Cafés unter den Kastanienbäumen, wovon der Text erzählt, in einen maritimen Molenspaziergang und sorgt so, zwischen Text und Musik, für eine reizvolle Überlagerung von beschriebener und empfundener Landschaft. Der „September Song“ hält sich in seiner verschwenderischen Orchestration an die durch russische Spätromantik erworbenen Gepflogenheiten der Exil-Arrangeure für amerikanische Radioorchester in den späten Dreißigerjahren, wie wir sie aus den Schlagern für Jo Stafford kennen. Immer wieder ist es die Tragfähigkeit und Ausdauer von Nylunds Stimme, die erstens langsame Tempi und zweitens innerhalb dieser Tempi eine reiche instrumentale Ausgestaltung ermöglicht.

Bild: Naxos

Nylund selbst schwebt sicher zwischen einem intimen Singen fürs Mikrofon und der opernhaften Projektion für den großen Raum, wo es sich jeweils anbietet. Ihre Crescendi ohne Vibratoausdehnung in Michel Legrands „What Are You Doing the Rest of Your Life“ und das superbe Decrescendo auf der Schluss-None über dem Mollakkord in der Zeile „all in my life is you“ verraten klassisch geschulte Finesse. Sie kann sich aber ebenso mit Vergnügen in die Synkopen von George Gershwins „They Can’t Take That Away From Me“ legen und über Takte hinweg off beat bleiben oder in Jerome Kerns „Can’t Help Lovin’ Dat Man“ die Blue Notes sinnlich vibrieren lassen.

Bei Friedrich Hollaenders „Falling in Love Again“ wirken die umbrochenen Oktavierungen der Gesangslinie freilich etwas verlegen, wenn man Marlene Dietrich im Ohr hat, wo man sie schwer herausbekommt. Nylunds Stimme ist kein Diseusen-Alt. Sie will in die Höhe. Denn in Victor Youngs „When I Fall in Love“ erklärt sie ihre Liebe mit jugendlich-scheuer Schwärmerei, die eher nach Mai als nach September klingt.

Nat King Cole hatte „For All We Know, We Will Never Meet Again“ einst mit zärtlichstem Todernst gesungen. Camilla Nylund steuert auf das finale Morgen, das niemals kommen mag, mit einer Zuversicht zu, die ebenso strahlend wie glaubhaft ist.

Camilla Nylund sings Masterpieces from „The Great American Songbook“. ORF-Sinfonieorchester Wien, Marin Alsop.

Blu-Ray/DVD. Naxos

Source: faz.net