Argentinien und Brasilien: Traumgeld des Südens

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Wenn man lateinamerikanische Wirtschaftsnachrichten in andere Kulturräume überträgt, treten schnell ein paar Übersetzungsprobleme auf. So ist seit dem Wochenende in der Weltwirtschaftspresse zu lesen, dass die beiden südamerikanischen Länder ihren Real (Brasilien) und ihren Peso (Argentinien) demnächst aufgeben würden, um einen gemeinsamen Währungsraum nach dem Vorbild der Euro-Zone zu gestalten. Klingt extrem fortschrittlich – ist aber bloß das Ergebnis einer Fehlinterpretation.

Tatsächlich hat der argentinische Wirtschaftsminister Sergio Massa in der britischen Financial Times erklärt, dass man “vorbereitende Arbeiten für eine Währungsunion” mit dem Nachbarland Brasilien aufnehmen wolle. Anschließend sprachen sich die Staatschefs der beiden Länder, die Linkspolitiker Lula da Silva und Alberto Fernández, in einem gemeinsamen Zeitungsartikel für das “Voranschreiten von Diskussionen über eine gemeinsame Währung für Südamerika” aus. Da Silva setzte in einer Rede bei dem regionalen Gipfeltreffen Celac in Buenos Aires sogar noch eins drauf: Es werde jetzt “viele Debatten und viele Treffen” über den Plan einer gemeinsamen “Handelswährung” geben.

Die richtige kulturelle Übersetzung lautet allerdings: Nein, die beiden Länder nehmen sich keine Währungsunion vor. Sie wollen nur mal wieder über optimistische, große Visionen reden.

Der Sur, wie die neue Währung angeblich genannt werden soll, ist ein Stück Symbolpolitik, ein Traumgeld des Südens, über das nicht zum ersten Mal gesprochen wird. In den Achtzigerjahren war es schon einmal im Gespräch, da sollte die Währung Gaucho heißen. Auch danach wurde die Idee mehrmals herausgekramt.

Der aktuelle Anlass für Argentinien ist die ziemlich hoffnungslose Lage im Land. Die Inflation erreicht dort gerade ungefähr 100 Prozent, der Peso ist kaum noch etwas wert. Das Land steht immer wieder vor dem Staatsbankrott und hat es schwer mit Handelskrediten für den Im- und Export.

Aus brasilianischer Sicht ist es so, dass Lula da Silva immer schon – auch in seinen früheren Amtsperioden von 2003 bis 2011 – die Vision einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Nachbarn verfolgt hat. Dabei geht es ihm hauptsächlich darum, für den Kontinent ein größeres weltpolitisches Gewicht zu erreichen. Seit seinem Amtsantritt im Januar treibt da Silva außerdem das Spiel, die stabilitätsorientierten und unabhängigen Währungshüter der brasilianischen Notenbank regelmäßig mit ein paar wilden Vorschlägen aus der Ruhe zu bringen. Die strengen “Zentralbankistas” des Landes erschweren dem ausgabefreudigen Sozialpolitiker nämlich ganz schön das Geschäft.

Aber beiden Staatschefs wird klar sein, dass sie hier nicht ernsthaft eine Währungsunion einrichten können. Das würde zunächst eine enge Angleichung der Fiskal- und Geldpolitik erfordern, politische Einigkeit und große gemeinsame Handelsinteressen. Aber die Bedeutung des innersüdamerikanischen Handels geht seit Jahren zurück. Und die Zollunion Mercosur, der fünf Staaten der Region angehören, hat sich immer wieder schwer zerstritten.

Der Vorschlag für eine Währung namens Sur wird also maximal auf eine Art Handelswährung für bestimmte Import- und Exportgeschäfte zwischen den beiden Ländern hinauslaufen. Eine Verrechnungseinheit, die ein wenig Selbstbewusstsein demonstriert, schon weil sie nicht der US-amerikanische Dollar ist. Ein neuer Euro-Raum auf der südlichen Erdhalbkugel entsteht dabei ganz bestimmt nicht.