Beipackzettel: Fragen Sie Ihren Arzt oder Übersetzer

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Stand: 28.01.2023 15:13 Uhr

Viele Fremdwörter, sehr lang und klein gedruckt: Beipackzettel von Medikamenten sind oft schwer verständlich. Doch wie ginge es einfacher? Ein Forschungsteam im Saarland arbeitet daran.

Von Anika Lenthe, SR

Bei Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker – oder lesen erstmal den Beipackzettel. In der Apotheke gibt es kein Medikament ohne das dünne Papierchen. Schließlich soll es helfen, die Arznei richtig einzunehmen.

Doch sobald man das Ding in der Hand hat, ist es häufig keine wirkliche Hilfe mehr. Beim Auseinanderfalten wird es locker bis zu einen halben Meter lang und Formulierungen wie aus einer anderen Welt prallen auf den Patienten ein – vor allem lateinische Begriffe.

Wortungetüme und Fremdwörter

Ein Forschungsteam aus Doktoranden und Studierenden um Professor Thorsten Lehr an der Saar-Uni hat diese Wortungetüme genau unter die Lupe genommen und die Texte analysiert. Schon nach kurzer Zeit war ihnen klar, warum diese so unverständlich sind.

Lehr erklärt, die Beipackzettel der in Deutschland am häufigsten verschriebenen Arzneimittel enthalten durchschnittlich 2500 Wörter. Jedes zwanzigste davon sei ein Fremdwort. Für den Laien unter den Patienten ist das wohl eher schwer zu verstehen. Ziel der Wissenschaftler ist es daher, alles Wichtige auf eine Seite zu bringen – ähnlich der Kurzanleitung für ein Elektrogerät.

Wer ist zuständig für die Beipackzettel?

Verantwortlich für die Erstellung und Aktualisierung der Beipackzettel sind die Pharmafirmen. Es gibt aber natürlich gesetzliche Vorgaben darüber, welcher Inhalt abgebildet sein muss. Bei Arzneimitteln, die in ganz Europa zugelassen sind, ist der Inhalt auch innerhalb Europas vorgegeben. Aus diesen Vorgaben ergebe sich die Komplexität und teilweise auch die kryptische Unverständlichkeit der Texte. Es geht aber auch anders. Nur muss man sich beim Formulieren mehr Mühe geben, meint Lehr.

Bei den Doktoranden und Studenten im saarländischen Forschungsteam wird nach eingehender Analyse zum Beispiel folgendermaßen konkretisiert: Aus “Vor dem Essen” wird “30 Minuten vor dem Essen”. Statt “Mit Flüssigkeit einzunehmen” wird präzisiert “mit Leitungswasser einzunehmen” – da Milch beispielsweise unangenehme Wechselwirkungen auslösen könnte.

Alternative Wege gesucht

Die Wissenschaftler befinden sich mit ihrem Projekt in der Entwicklung und innerhalb dieser ist es erlaubt, alternative Wege einzuschlagen. So verschlanken sie die Beipackzettel auch. Dabei bleiben die häufigsten Nebenwirkungen drin, die seltenen kommen raus, eben weil sie kaum vorkommen und den Patienten eher verunsichern.

In Deutschland sind mehr als 100.000 Arzneimittel zugelassen. Es ist nicht das Ziel, für alle Medikamente eine Kurzanleitung zu erstellen – nicht jedes würde sich dafür eignen. Allerdings sollen in einer neuen, größeren Studie Patienten die Vorteile des kurzen Beipackzettels aufgezeigt werden.

Vollständige Information elektronisch abrufbar

Sorgen, dass durch die Kurzanleitung nicht mehr alle Informationen zugänglich sind, müssen sich die Patienten aber nicht machen. Sie sollen die vollständige Information künftig über einen QR-Code abrufen können. Die Mediziner arbeiten an einem Prototypen.

Beipackzettel per Smartphone: Vollständige Informationen könnten nur digital angeboten werden. Bild: Anika Lenthe, SR

Allerdings hält das Team aktuell den Beipackzettel in Papierform noch für unerlässlich. Denn, so erklärt Lehr, zwei Drittel aller verschriebenen Arzneimittel bekomme ein Drittel der Bevölkerung verschrieben und das seien vor allem die älteren Patienten ab 65 Jahren.

Noch sei die Nutzung elektronischer Geräte in dieser Altersgruppe nicht garantiert und damit auch der Zugang zu Apps für diese Patienten nicht gesichert. Lehr und sein junges Team gehen aber davon aus, dass sich das Nutzungsverhalten der älteren Patienten in den nächsten Jahren anpassen wird. Der halbe Meter Beipackzettel wird uns aber vorerst erhalten bleiben.

Source: tagesschau.de