Fotograf William Eggleston bei c/o Berlin

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Der Fotograf William Eggleston, 1939 in Memphis, Tennessee, geboren, ist einer der wenigen noch lebenden Vertreter einer untergegangenen Kultur. Mit seinen Farbfotografien revolutionierte er in den Sechzigerjahren ein ganzes Genre. Vor Eggleston waren Fotografen mit Kunstanspruch Menschen, die Schwarz-Weiß-Bilder von besonderen oder vielsagenden Momenten anfertigten. Eggleston erzählte ab Mitte der Sechzigerjahre auch durch die Farben in seinen Aufnahmen viel über das Amerika seiner Zeit; in einem seiner Bilder sticht die knallrote Kunstlederausstattung eines neuen Straßenkreuzers fast schmerzhaft heraus. Die rote Farbe wird zum Bild der amerikanischen Konsummoderne und der Verführungskraft des Produktdesigns, das im nächsten Jahr schon all seinen Zauber verloren hat; die gar nicht so alten Autowracks mit ihren expressiven Flossen, die Eggleston in den Slums fotografiert, erzählen von der kurzen Halbwertzeit spektakulärer Formen.

Wirrwarr von Kabeln eines Telefons

Neben der Farbe sind es die früher nicht bildwürdigen Details, in denen Eggleston die großen Erzählungen seiner Zeit findet. Ein Bild zeigt das unentknotbare Wirrwarr von Kabeln eines Telefons und eines Staubsaugers, und je länger man diese Dinge anschaut, die Eggleston formal wie die Elemente eines klassischen Stilllebens komponiert, desto deutlicher treten die Abgründe des Lebens in den Vorortbungalows hervor. Der Wahnsinn hinter den perfekten Oberflächen wird in Egglestons Fotografie ebenso sichtbar wie eine plötzliche Schönheit der Alltagsdinge im amerikanischen Wüstenlicht. Eines seiner Bilder zeigt einen Mann, der am Heck seines Autos steht und die Zapfpistole im Anschlag hält, als sei er ein stets schussbereiter Cowboy: ein Bild vom Glück der Petromoderne. Heute würden solche oder ähnliche Bilder, die anonyme Personen in verräterischen Momenten ablichten, wie es besonders auch Robert Frank tat, an den Persönlichkeitsrechten der gezeigten Personen scheitern. Schon deswegen erscheinen sie als historisches Kapitel der Fotografiegeschichte.

Except Sunday, Panama Beach City; Florida, 2021.

Except Sunday, Panama Beach City; Florida, 2021. : Bild: Anastasia Samoyova

Dem Fotografieinstitut c/o Berlin ist es jetzt gelungen, eine der größten Eggleston-Ausstellungen seit Langem zu organisieren, in der neu abgezogene Werkserien und bisher unbekannte Berlin-Aufnahmen zu sehen sind (bis zum 4. Mai). Sie allein wäre schon ein Ereignis. Umso spannender ist es, dass die Kuratoren Egglestons schon historisch gewordenen Blick auf die Höhepunkte der amerikanischen Konsummoderne den Bildern der 1984 in der Sowjetunion geborenen Fotografin Anastasia Samoylova gegenüberstellen, die heute in Florida fotografiert. Sie zeigt in ihren Aufnahmen gewissermaßen die Folgen der Welt, der sich Eggleston als junger Fotograf widmete. Ein Amerika, das unter dem Klimawandel leidet: von der Flut weggerissene Straßen, im Wasser treibende Komfortwohnzimmersessel, ein Alligator, der mit einem Wasser-rinnsal vor dem Austrocknen bewahrt wird, Hochhäuser, von denen man nicht weiß, ob sie gerade in einen tropischen Urwald hineingebaut werden oder ob der die Ruinen der Betonmoderne gerade zurückholt; zu viel Wasser, zu große Dürre, zu braun gebrannte Körper neben zu weißen falschen Antiken.

Die Menschen, die man in den Aufnahmen sieht, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Trugbilder. Hinter einem Maschendrahtzaun legt ein Mann einer Frau zärtlich ein Collier um. Man erkennt erst spät, dass hier bloß ein Werbeplakat weggeräumt wurde und die echten Menschen diesen Ort längst verlassen haben.

Source: faz.net