Für Narziss steht die Zeit still: Eine Ausstellung zu Pompeji und Herculaneum

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Am Anfang war es wohl Neugier, die den Naturforscher aufstörte und dazu brachte, eines seiner Schiffe startklar zu ma­chen, um die ungewöhnlich geformte und ziemlich große Wolke näher zu untersuchen, die über dem Vesuv stand. Dann aber erreichte Plinius den Älteren der eilig geschriebene Brief einer Bekannten, die am Fuß des Vulkans lebte und ihn um Hilfe anflehte. Plinius änderte seine Pläne und ließ die Flotte auslaufen, die er befehligte, um möglichst viele Bewohner der dicht besiedelten Küste zu retten: „Dorthin eilt er, von wo andere fliehen, und steuert in gerader Richtung auf die Gefahr zu, so furchtlos, dass er alle Veränderungen und Ausformungen jenes Unglücks, wie er sie wahrnahm, diktierte und aufzeichnen ließ.“

Es war, so hält es sein Neffe Plinius der Jüngere fest, der 24. August des Jahres 79 nach Christus, als eine Katastrophe über die Küstenlandschaft des Golfes von Neapel hereinbrach und nicht nur die Städte Pompeji und Herculaneum vom Erdboden tilgte. Der jüngere Plinius erwähnt die Fliehenden, lässt aber offen, welchen Erfolg die Rettungsmission seines Onkels hatte. Nur von dessen Tod berichtet er: Der lungenkranke ältere Plinius, der vor den Eruptionen des Vulkans nach Stabiae ausweichen musste, sei im dichten Rauch zusammengebrochen und erst später ge­fun­den worden.

Der Wasserspeier aus Marmor wurde in Pompeji gefunden. Er imitiert die Form einer Theatermaske.

Der Wasserspeier aus Marmor wurde in Pompeji gefunden. Er imitiert die Form einer Theatermaske. : Bild: Museo Archeologico Nazionale

Dass Pompeji und Herculaneum unter Schlamm und Asche begraben und konserviert wurden, ist ein unfassbares Un­glück für die Zeitgenossen und zugleich ein Segen für die spätere Antikenforschung. Dass sich je nach dem Stand der Grabungen unser Bild der Städte und der Ereignisse, die zu ihrem Untergang führten, fundamental ändern kann, zeigt der Blick auf die Opfer. Während man in Pompeji bald auf die Abdrücke zahlreicher Leichen in der Ascheschicht stieß und ihre Körperformen im neunzehnten Jahrhundert durch das Ausgießen mit Gips für uns sichtbar machte, fand man in Herculaneum nur sehr wenige menschliche Überreste, sodass der Eindruck entstand, die dortige Bevölkerung hätte sich, anders als in Pompeji, zum allergrößten Teil retten können.

Das änderte sich vor vierzig Jahren durch eine Grabung im Bereich des alten Hafens der Stadt, bei der an die zweihundertfünfzig Skelette gefunden wurden so­wie die Überreste eines kieloben liegenden Schiffes. Offenbar hatte eine große Zahl von Menschen versucht, das rettende Meer zu erreichen, und war dabei von der mehrere hundert Grad heißen Lawine aus Asche, Gas und Steinen überrascht worden.

Zerstörung im Zeitraffer

Die Ausstellung in Chemnitz, die sich Pompeji und Herculaneum widmet, zeichnet auch den Untergang der Städte nach, er bildet den Rahmen dieser Erkundung. Gleich zu Beginn steht eine großformatige Projektion, die den Besucher auf einen Balkon in Pompeji versetzt und ihm von dort aus die Zerstörung im Zeitraffer vor Augen führt: Schwere Wolken senken sich über die Stadt, Erdbeben und Feuer lassen die umliegenden Wände zusammenstürzen, zugleich aber würde ein Betrachter auch trügerische Pausen zwischen den Wellen der Zerstörung wahrgenommen haben – von Plinius im nicht allzu fernen Stabiae wird etwa berichtet, er habe noch am Abend des 24. August alle Welt beruhigen wollen, statt einer entschlossenen Evakuierung das Wort zu reden.

Der Auftakt dieser Ausstellung zeigt nicht nur, welchen Weg die Zerstörung nahm, sie widmet sich auch ausgiebig der Region, in die Pompeji und Herculaneum eingebettet waren. Eine Wand nimmt eine Vitrine ein, in der auf einem Bett aus Sand eine reiche Auswahl jener Funde ausgebreitet ist, die man vor Neapel im Ha­fen­bereich gemacht hat, darunter seltene organische Artefakte wie ein Weinschlauch oder eine Schuhsohle, daneben ein Service aus vierzehn Schälchen, Am­pho­ren, Lämpchen oder Bestandteile von Schiffen – Alltagsgegenstände, die für unendlich viele weitere stehen und aus ei­ner Zeit erzählen, in der die Region ein Zentrum des römischen Fernhandels war.

Der goldene Armreif in Schlangenform stammt aus Pompeji

Der goldene Armreif in Schlangenform stammt aus Pompeji : Bild: Museo Archeologico Nazionale

Dazu gehört nicht nur, dass hier zahlreiche Kulturen und Religionen zusammenkamen, wovon etwa ein Altar für den nabatäischen Gott Duschara zeugt, der in Pozzuoli gefunden wurde, dem antiken Puteoli. Die Ausstellung wirft auch einen ausgiebigen Blick auf die hier entstandenen Marmorstatuen, oft Kopien nach bronzenen Vorbildern. Besonders reizvoll sind Stücke aus der Bildhauerwerkstatt, die nicht ganz fertig auf uns gekommen sind, warum auch immer.

Schönheit und Reichtum der Region wurden auch von den Bewohnern selbst gefeiert, etwa in einer prachtvollen Wandmalerei aus Stabiae, die wie ein leuchtendes Wimmelbild einen geschäftigen Hafen zeigt. Die Ausstellung präsentiert in ihrem Zentrum diesen Reichtum der Städte bereitwillig und in glücklich gefundener Inszenierung: Originale, et­wa die berühmten hohen Leuchter, werden in nachgebildete Innenräume versetzt, ein virtueller Rundgang führt durch eines der Häuser, zeigt den üppigen Wohlstand des einstigen Besitzers und zugleich in dazwischen geschnittenen Aufnahmen den heutigen Zustand der bröckelnden, leeren Mauern.

Nichts ist so interessant wie das eigene Gesicht

Das ist der Spannungsbogen, den die instruktive Ausstellung in vielen Teilen besitzt: Die anregende Darstellung der einstigen Verhältnisse steht im Kontrast zur Untergangsgeschichte, am augenfälligsten vielleicht in den konservierten Lebensmitteln, in Weizen, Gerste, Kichererbsen, Feigen, Mandeln und Datteln, sämtlich Zeugen der Fruchtbarkeit dieser Region und ihrer Zerstörung, denn all das ist ebenso verkohlt wie das ausgestellte Fladenbrot, gebacken wohl am Tag der Katastrophe und dazu be­stimmt, auf einem der halbverbrannten Holzmöbel serviert zu werden, die ebenfalls hier stehen.

In all dieser Vergänglichkeit trifft man auf Zeitloses, auf einen träumerisch versunkenen Narziss aus einem pompejanischen Wandbild, den nichts interessiert außer dem eigenen Gesicht, das ihm im Wasser entgegenleuchtet, mag hinter ihm auch der Vesuv alles in Asche und Schlamm begraben. Man begegnet Marmormasken, die einst als Wasserspeier in den Gärten dienten, oder einem blutjungen Pan, der zum selben Zweck die Ba­cken aufbläst. Und man steht vor einem überraschend kühl blickenden Bacchus, der mit seiner marmornen Präsenz mü­helos den Raum beherrscht.

An Ausstellungen zu Pompeji und Herculaneum hat es zuletzt nicht gefehlt. Dieser wünscht man ein Publikum, das ihr Angebot annimmt, die Städte in einem größeren Kontext zu sehen und zugleich zu entdecken, was sie so einzigartig macht.

Pompeji und Herculaneum – Leben und Sterben unter dem Vulkan. Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz; bis 12. März 2023. Das Begleitheft kostet 5 Euro.

Source: faz.net