Tote in Israel: Zwei Angriffe kurz nacheinander in Ostjerusalem

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Der Attentäter eröffnete das Feuer, als die Menschen aus der Synagoge kamen. Die Polizei glaubt, er habe gewartet, bis das Gebet zum anbrechenden Sabbat vorüber war. Ein Augenzeuge berichtete später am Abend dem israelischen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, was er sah: „Ich kam heraus und sah Leute schreien, rennen, zwei lagen auf dem Boden und dort drüben noch einer“, sagte der Mann einem Medienbericht zufolge. „Der Bastard stand mit einer Waffe vor mir, er hätte mich fast umgebracht. Ich weiß nicht, wie es kam, dass er mich nicht getötet hat. Ich bin zurück ins Haus gerobbt.“

Christian Meier

Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

Sieben Menschen sowie der Attentäter selbst verloren am Freitagabend in Ostjerusalem das Leben. Drei weitere Personen wurden verwundet, unter ihnen ein 15 Jahre alter Junge. Sie befanden sich am Samstag in stabilem Zustand.

Dies sei „eine der schlimmsten Attacken seit Jahren“ gewesen, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, nachdem er den Tatort in Neve Yaakov besucht hatte, einer Siedlung im Nordosten der Stadt. Zuletzt gab es 2011 mehr als sieben israelische Todesopfer, als Dschihadisten von der ägyptischen Sinai-Halbinsel die Grenze überwanden und acht Menschen töteten. Einen palästinensischen Terroranschlag mit so vielen Opfern gab es zuletzt 2008.

Polizei über Gegenangriffe besorgt

Polizeichef Kobi Schabtai sagte, der Terrorist habe „auf jeden geschossen, den er angetroffen hat. Er stieg aus dem Auto aus und begann einen mörderischen Amoklauf mit einer Handfeuerwaffe.“ Anschließend floh der Täter mit dem Auto in Richtung des von Palästinensern bewohnten Stadtteils Beit Hanina. Nach einigen hundert Metern wurde er von Polizeikräften aufgehalten. Er stieg aus und floh zu Fuß weiter, bis er von Polizisten angeschossen und dann erschossen wurde.

Angaben der Polizei zufolge handelte der Täter allein. Am Freitagabend gab es zunächst eine Verwechslung, ein falscher Name und Wohnort wurden angegeben. Später teilte die Polizei mit, bei dem Täter habe es sich um Khairi Alqam gehandelt, einen 21 Jahre alten Ostjerusalemer aus dem Stadtteil Al-Tur nahe dem Ölberg. Er habe keine Vorstrafen gehabt. Die Polizei teilte am Samstag mit, 42 Personen seien festgenommen worden. Viele von ihnen sind Verwandte oder Bekannte des Täters. Die Polizei traf Berichten zufolge auch erste Vorbereitungen, das Haus, in dem der Attentäter lebte, zu zerstören. Israel verfährt üblicherweise so bei Terrorattacken, die von Palästinensern begangen werden.

Manche Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die Tat am Internationalen Holocaust-Gedenktag stattfand. Sie zielte offensichtlich auf gläubige Juden ab. Allerdings spricht ebenso einiges dafür, dass die Attacke ein Racheakt war, der durch persönliche Umstände veranlasst worden ist. Der Täter ist Berichten zufolge ein Enkel des gleichnamigen Khairi Alqam gewesen, der 1998 in Jerusalem von einem Juden erstochen wurde. Zudem war demnach ein weiterer Verwandter von ihm, ein 18 Jahre alter Palästinenser namens Muhammad Ali, am Mittwoch während Auseinandersetzungen von israelischen Soldaten erschossen worden. Die Armee gab an, der Teenager habe Soldaten mit einer Waffe bedroht. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine Spielzeugwaffe handelte.

Zudem könnte die israelische Militäroperation vom Donnerstag in Dschenin eine Rolle gespielt haben, bei der neun Palästinenser getötet wurden. Palästinensische Organisationen priesen die Synagogen-Attacke als Rache für jenen Vorfall.

Die Alarmstufe im Land wurde auf das höchste Niveau angehoben. Die Armeeführung ordnete an, die Truppen im Westjordanland zu verstärken und auf eine mögliche Eskalation vorbereitet zu sein. Auch die Polizeikräfte sollen verstärkt werden, insbesondere in Jerusalem. Netanjahu berief für Samstagabend eine Kabinettsitzung ein. Dort sollten mehrere Maßnahmen verkündet werden, die umgehend umgesetzt würden. „Wir müssen entschlossen, aber beherrscht handeln”, sagte Netanjahu am Freitagabend. „Ich rufe die Menschen dazu auf, das Gesetz nicht in die eigenen Hände zu nehmen.“

Medienberichten zufolge ist die Polizei über mögliche Gegenangriffe auf Palästinenser besorgt. Der Augenzeuge, der am Tatort mit Polizeiminister Ben-Gvir sprach, sagte, wenn er eine Waffe gehabt habe, hätte er einige der Todesopfer verhindern können. Ben-Gvir antwortete ihm, er hoffe, die entsprechenden Vorschriften würden bald geändert. „Es muss mehr Waffen für Zivilisten geben.“ Umstehende riefen den ultrarechten Politiker dazu auf, etwas zu unternehmen. Ben-Gvir ist dafür bekannt, dass er für ein härteres Vorgehen gegenüber Palästinensern eintritt.

Diplomatie hinter den Kulissen

In einigen Orten im Gazastreifen und im Westjordanland wurde die Tat Berichten zufolge gefeiert. International gab es dagegen entsetzte Reaktionen. Der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, schrieb auf Twitter, er sei „zutiefst betrübt“ über den „bösartigen Terroranschlag auf Juden“. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde die Tat auf einer Dringlichkeitssitzung einstimmig verurteilt. Diese war einberufen worden, um über die israelische Militäraktion vom Donnerstagmorgen in der Stadt Dschenin zu debattieren, bei der neun Palästinenser getötet worden waren, unter ihnen zwei Zivilisten. Der Nahost-Sondergesandte Tor Wennesland sprach bei der nichtöffentlichen Sitzung Berichten zufolge von einer „sich rapide verschlechternden“ Situation.

Tatsächlich hat die Lage sich seit Donnerstag deutlich zugespitzt. In Reaktion auf die israelische Militäraktion im Westjordanland hatten bewaffnete Gruppen im Gazastreifen sechs Raketen auf Israel abgefeuert, was die israelische Armee mit Luftangriffen beantwortete. Zugleich bemühten sich die Regierung der Vereinigten Staaten und andere Akteure hinter den Kulissen, zu vermitteln und die Situation zu deeskalieren, bevor Außenminister Antony Blinken Anfang der kommenden Woche nach Ägypten, Israel und Palästina reist.

Am Freitag zeigten sich verschiedene Beobachter noch überzeugt, dass es nicht unmittelbar zu einer größeren Eskalation kommen werde. Die Angriffe aus dem Gazastreifen und die darauffolgenden israelischen Attacken seien vergleichsweise maßvoll gewesen. Nach der Terrorattacke vom Freitagabend stellt sich die Lage nun deutlich anders dar. Weitere Gewaltakte von beiden Seiten sind zu erwarten. Schon am Samstagvormittag gab es den nächsten Angriff: Ein bewaffneter Palästinenser eröffnete Medienberichten zufolge in Ostjerusalem das Feuer und verwundete zwei Menschen – Vater und Sohn. Sie sollen schwer verwundet sein. Israelischen Medienberichten zufolge, soll der Angreifer erst 13 Jahre alt gewesen und von legal bewaffneten Passanten angeschossen worden sein.

Source: faz.net