Weiterer Angriff in Ost-Jerusalem nach Anschlag bei Synagoge

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Stand: 28.01.2023 13:43 Uhr

Zwei Angriffe innerhalb von 24 Stunden: Nach dem tödlichen Anschlag bei einer Synagoge am Freitagabend sind heute zwei Menschen durch Schüsse in Ost-Jerusalem verletzt worden. Der Täter ist nach Angaben der Polizei erst 13 Jahre alt.

Nach dem tödlichen Terroranschlag nahe einer Synagoge in Ost-Jerusalem hat heute ein 13-Jähriger laut Polizei einen weiteren Angriff in der Stadt verübt. Der Junge habe zwei Menschen im Stadtteil Silwan durch Schüsse verletzt, hieß es. Es bestehe Terrorverdacht. Bewaffnete Passanten mit Waffenlizenz hätten auf den Jungen geschossen, so die Polizei. Medien berichteten, er sei Palästinenser.

Die beiden schwer verletzten Männer wurden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht, wie der Rettungsdienst Magen David Adom meldete. Der Polizei zufolge handelt es sich um Vater und Sohn. Auch der Verdächtige sei in einer Klink zur Behandlung, seine Handfeuerwaffe sei beschlagnahmt worden. “Er hat darauf gewartet, Zivilisten am heiligen Sabbat aus dem Hinterhalt anzugreifen”, sagte Polizeisprecher Dean Elsdunne der Nachrichtenagentur AP.

In einer israelischen Siedlung in Ost-Jerusalem hatte ein anderer Angreifer am Freitagabend auf Besucher einer Synagoge geschossen. Sieben Menschen starben, mehrere wurden verletzt. Der Attentäter wurde nach Angaben der Polizei auf der Flucht erschossen. Ob beide Angriffe in Zusammenhang standen, war zunächst unklar.

Sicherheitskabinett trifft sich am Abend

Bei dem mutmaßlichen Attentäter vom Freitag soll es sich um einen 21 Jahre alten Palästinenser handeln, der in Ost-Jerusalem wohnte. Der Mann hatte nach neuesten Erkenntnissen keine Terrorvergangenheit, wenngleich er – so melden es israelische Medien – mit der extremistischen Terrororganisation Hamas sympathisiert haben soll.

Bislang wurden mindestens 42 Verdächtige in diesem Zusammenhang festgenommen. Dabei handelte es sich um Verwandte und Nachbarn des Attentäters, wie die Polizei mitteilte. Ob den Festgenommenen zur Last gelegt wird, selbst an dem Anschlag oder dessen Vorbereitung beteiligt gewesen zu sein, blieb offen.

Netanyahu warnt vor Selbstjustiz

Noch in der vergangenen Nacht machte sich Premierminister Benjamin Netanyahu am Tatort in Neve Jaakov, einer Siedlung in Ost-Jerusalem, selbst ein Bild der Lage. Die Herzen der Menschen in Israel seien bei den Familien der Ermordeten, sagte er. Netanyahu kündigte zudem “sofortige Gegenmaßnahmen” an. Dafür solle noch am Abend das Sicherheitskabinett zusammenkommen und über Konsequenzen beraten, wie der Regierungschef im israelischen Fernsehen erklärte.

Israels umstrittener Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir hatte noch am Anschlagsort eine harte Reaktion angekündigt. Sein Auftritt in Jerusalem wurde begleitet von unterschiedlichen Reaktionen der Menschen dort. Einige riefen “Tod den Linken” und “Tod den Arabern”, anderen wiederum gaben Ben-Gvir, der zuletzt immer wieder mit Aktionen provoziert hatte, eine Mitverantwortung an der Tat.

Auch deshalb rief Premier Netanyahu die Menschen auf, Ruhe zu bewahren. “Ich fordere die Menschen auf, das Gesetz nicht selbst in die Hand zu nehmen. Dazu haben wir die Armee, die Polizei und die Sicherheitskräfte”, sagte er.

Forderung nach mehr Bürgern mit Waffen

Wie ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann berichtet, sind die Truppen im Westjordanland und entlang der Sperranlagen, die Israel und das Westjordanland trennen, bereits verstärkt worden. “Der rechtsextreme neue Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, war gestern am Tatort und hat nochmal gefordert, dass mehr Bürger Waffen tragen sollen können, um sich vor solchen Anschlägen zu schützen.“

Wie die Bevölkerung zu solchen Vorschlägen steht, komme sehr darauf an, wen man fragt. Diese Forderung habe es schon häufig gegeben, häufiger in extremen Situationen. “Es kam auch häufig vor, dass während solcher Anschläge bewaffnete Menschen Täter stoppen konnten”, sagte von der Tann auf tagesschau24.

Die ultrarechte Regierung unter Netanyahu stehe für einen harten Kurs im Konflikt, erklärte von der Tann weiter. Sie definiere sich über Sicherheit und sei nun gewissermaßen unter Zugzwang. “Die Situation im Westjordanland ist sehr angespannt. Seit Monaten führt das israelische Militär dort Einsätze durch. Dabei kommt es zu Gefechten und vielen Toten”, berichtet sie. Gleichzeitig verliere die palästinensische Autonomiebehörde an Kontrolle. “Radikalere Gruppen gewinnen an Einfluss, besonders unter jungen Palästinensern, die keine Perspektive für sich sehen, sich radikalisieren und gewaltbereit werden.”

Scholz “zutiefst” erschüttert nach Anschlag

International bekundeten Politiker und Staatschefs ihre Anteilnahme nach dem Anschlag und sicherten Israel Unterstützung zu. “Die Nachrichten über die schrecklichen Attentate in Jerusalem erschüttern mich zutiefst”, erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz auf Twitter. “Es hat Tote und Verletzte im Herzen Israels gegeben. Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien – Deutschland steht an Israels Seite.”

Das Auswärtige Amt zeigte sich besorgt über eine mögliche weitere Eskalation. “Die Spirale der Gewalt, die in diesem Jahr bereits zu viele Opfer auf beiden Seiten gefordert hat, darf sich nicht weiterdrehen”, sagte eine Sprecherin. “Mehr denn je bedarf es der Zusammenarbeit und des Dialogs zwischen Israel und den palästinensischen Behörden, um dem Terror den Boden zu entziehen.”

US-Präsident Joe Biden sprach nach einem Telefonat mit Netanyahu von einem “Angriff auf die zivilisierte Welt”. Die USA würden “felsenfest” an der Seite Israels stehen. Biden sicherte dem israelischen Premierminister alle geeigneten Mittel zur Unterstützung zu. Ein Sprecher des US State Department bestätigte, dass Außenminister Antony Blinken seine Nahostreise trotz des Anschlags wie geplant durchführen werde. Blinken wird am Montag mit der israelischen Regierung sprechen, am Dienstag ist ein Treffen mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas geplant.

Freudenfeiern im Gazastreifen und Westjordanland

An mehreren Orten im Gazastreifen und im Westjordanland reagierte die Bevölkerung mit Freudenfeiern auf den gestrigen Anschlag. In Ramallah im Westjordanland etwa versammelte sich eine große Menschenmenge und schwenkte palästinensische Flaggen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Im Gazastreifen wurden der Nachrichtenagentur AP zufolge teils Süßigkeiten verteilt, um die Tat zu feiern.

“Das gab es auch in der Vergangenheit schon nach Anschlägen. Es ist insofern nicht ungewöhnlich, das kommt immer wieder so vor”, sagte ARD-Korrespondentin von der Tann zu den Szenen. Der arabisch-israelische Knessetabgeordnete Mansour Abbas habe die Anschläge verurteilt.

Hamas bekennt sich zu dem Anschlag

Die im Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas bekannte sich zu dem Anschlag. Es handele sich um einen “Vergeltungsschlag für den Überfall der israelischen Armee auf das Flüchtlingslager Dschenin”. Am Donnerstag waren in Dschenin im nördlichen Westjordanland neun Palästinenser bei einem israelischen Militäreinsatz getötet worden, darunter eine ältere Frau. Mehrere der Getöteten sollen der militanten Palästinenserorganisation “Islamischer Dschihad” angehört haben.

Infolge der tödlichen Razzia kam es im Westjordanland teils zu gewaltsamen Ausschreitungen. In der Nacht zu Freitag wurden aus dem Gazastreifen zwei Raketen abgefeuert, die jedoch mithilfe des israelischen Raketenabwehrsystems “Iron Dome” abgefangen werden konnten. Israel reagierte mit Luftangriffen auf Ziele im Gazastreifen.

Mit Informationen von Julio Segador, ARD-Studio Tel Aviv

Source: tagesschau.de