Wie Macht in Hitlers unberechenbare Hand gelangen konnte

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Für die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 hat sich der Begriff „Machtergreifung“ eingebürgert. Aber trifft diese Beschreibung eigentlich zu? Haben die Nationalsozialisten tatsächlich die „Macht ergriffen“?

Lothar Machtan, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen, gehört zu den Historikern, die immer auf der Suche nach bislang unbekannten Zeugnissen über die Vergangenheit sind, um so Rätsel zu lösen. Zu seinen Büchern zählt ein Band über das Foto Otto von Bismarcks auf dem Sterbebett, eine Biografie des letzten Reichskanzlers des Kaiserreichs Prinz Max von Baden sowie jüngst eine Studie zum „blinden Fleck“ der Hohenzollern-Dynastie unter dem Titel „Der Kronprinz und die Nazis“.

Prof. Lothar Machtan - Autor von „Der Kronprinz und die Nazis: Hohenzollerns blinder Fleck"
Lothar Machtan ist Historiker und immer auf der Suche nach unbekannten Zeugnissen der Zeitgeschichte
Quelle: Martin U. K. Lengemann/WELT

WELT: Haben Hitler und die NSDAP am 30. Januar 1933 die „Macht ergriffen“?

Lothar Machtan: Nein. Das ist ein Märchen, das die Nazis selbst später in die Welt gesetzt haben. Um ihren Anteil an dem kapitalen Ereignis größer zu machen, als er tatsächlich war. Es war ein kleiner Zirkel von Reaktionären, die Hitler Regierungsmacht in die Hand gespielt haben. In vorderster Front: Deutschlands Staatsoberhaupt Reichspräsident Paul von Hindenburg, und die beiden sich bis aufs Messer bekämpfenden letzten Kanzler der Weimarer Republik Franz von Papen und General Kurt von Schleicher – nebst ihren jeweiligen Cliquen. Sie geboten damals über die meiste Entscheidungsmacht; direkte oder indirekte. Deutschlands Schicksal hing am Ende an den Fäden, die von diesen politischen Schlüsselfiguren gesponnen bzw. durchkreuzt wurden. Ihre persönlichen Beziehungen, genauer: ihre Kabalen sind in der Regierungskrise vom Winter 1932/33 ins Zentrum der politischen Entscheidungsfindung gerückt.

WELT: Wenn es keine „Machtergreifung“ war – was denn dann?

Machtan: Hitlers Lancierung zum Chef einer „Regierung der nationalen Konzentration“ war ein politisch gesteuerter Vorgang, der sich allerdings unter einer Käseglocke abgespielt hat. Und unter den Bedingungen der kranken Machtkultur eines seit Monaten kriselnden Staates. Die hat an der Jahreswende 1932/33 auch solche früheren Bedenkenträger einer Machtübertragung an Hitler infiziert wie den Chef der Deutschnationalen Volkspartei Alfred Hugenberg oder Stahlhelm-Führer Franz Seldte. Am Ende schoben alle ihre Skrupel beiseite, und das politische Wagnis einer Reichskanzlerschaft Hitlers wurde gleichsam „alternativlos“. Weil man anders nicht mehr glaubte, selbst an das Ruder eines neuen Machtstaats zu gelangen (oder zu daran zu bleiben). Was für eine Katastrophe sie damit auslösen würden, schwante wohl den wenigsten der damaligen Entscheidungsträger.

Berufung Hitlers zum Reichskanzler, 30. Januar 1933. Das “Kabinett der Nationalen Konzentration”, (v. l. n. r.): Franz Seldte, Günter Gereke, Johann Ludwig Schwerin von Krosigk, Wilhelm Frick, Werner von Blomberg, Alfred Hugenberg; sitzend: Hermann Göring, Adolf Hitler und Franz von Papen. Foto (digital koloriert).
Die Regierung Hitler am 30. Januar 1933 (nachcoloriert)
Quelle: picture alliance / akg-images

WELT: Am Tag vor Hitler Ernennung zum Kanzler liefen in Berlin Putschgerüchte um. Die Reichswehr marschiere und wolle die Macht selbst übernehmen, hieß es. Was war da dran?

Machtan: Ende Januar 1933 hat der Chef der Heeresleitung Kurt von Hammerstein-Equord tatsächlich an so etwas wie die Selbstermächtigung einer Militärregierung gedacht. Ein solches – sagen wir einmal – „Direktorium“ war aber hauptsächlich gegen Hindenburg/Papen gerichtet, nicht gegen Hitler. Der hätte sogar ruhig Kanzler werden können – nur eben von der Reichswehr Gnaden und kontrolliert von Schleicher und Hammerstein.

WELT: Wieso kam es dazu nicht?

Machtan: Schleicher zögerte; er blieb ambivalent sowohl, was seine Frontstellung zu Hindenburg als auch zu Hitler betraf. Seine Loyalität gegenüber Hindenburg erodierte, aber auch seine Animosität gegenüber einer Kanzlerschaft Hitlers. Rücksichtslos eigene Wege mochte er ebenfalls nicht gehen. Das lief dann auf eine Selbstblockade hinaus. Und letztlich wurde der Plan auch fallen gelassen.

Paul von Hindenburg, historische Aufnahme, ca. 1933, wahrscheinlich fotografiert von seinem Kammerdiener, Deutschland, Europa
Paul von Hindenburg 1933, wahrscheinlich fotografiert von seinem Kammerdiener
Quelle: picture alliance / imageBROKER

WELT: Also eine folgenlose Episode?

Machtan: Keineswegs. Als Drohkulisse wurde diese Machtoption der Militärs von interessierter Seite durchgestochen (und wohl auch aufgebauscht). Dadurch konnte der Plan eine Eigendynamik entfalten, die am Ende Hindenburgs Bereitschaft, Hitler zum Kanzler zu ernennen, maßgeblich beeinflusst hat. Es war also die politische Wirkungsmacht eines Gerüchts, die Weltgeschichte (mit)geschrieben hat – eine Breaking News freilich, an der tatsächlich etwas dran war. Vor allem die ernsthafte Erwägung der Schleicher-Leute, Hindenburg aufs Altenteil abzuschieben.

WELT: Die entscheidende Figur am 30. Januar 1933 war Hindenburg. Was wollte er, was war sein Ziel?

Machtan: Die Politik der Hindenburg-Kamarilla zielte seit Mitte Januar 1933 zunächst und vor allem auf eines: auf die Ausschaltung von Schleicher, bis dahin die Graue Eminenz im politischen Berlin. Hindenburg wollte auf keinen Fall seine Kontrolle über die Reichswehr an diesen gewieften Machtjongleur verlieren, dessen Finessen ihn zutiefst beunruhigten. Viel mehr an strategischen Überlegungen war da erst einmal nicht. Hindenburgs (zunächst heimlicher) Auftrag zur Regierungsneubildung an Papen war eher ein Nebenkriegsschauplatz. Das hatte auch keine Eile.

1-S3932-F1932-1 (279196) Kurt von Schleicher / Foto 1932/33 Schleicher, Kurt von; dt.General u.Po- litiker (Reichskanzler Dez.1932 - Jan. 1933; Brandenburg 7.4.1882 - (ermordet) Babelsberg 30.6.1934. - Reichskanzler von Schleicher beim Verlassen seiner Wohnung. - Foto, undat. (1932/33). E: Kurt von Schleicher / Photo / 1932/33 Schleicher, Kurt von; general and poli- tician (German Chancellor Dez.1932 - Jan.1933; Brandenburg 7.4.1882 - (assassinated) Babelsberg 30.6.1934. - Reich Chancellor Schleicher leaving his house. - Photo, undated (1932/33).
General mit Dackeln: Kurt von Schleicher Ende 1932 vor dem Reichswehrministerium in Berlin-Tiergarten
Quelle: picture alliance / akg-images

Dann steigerte sich – nicht zuletzt durch eine brodelnde Gerüchteküche – die Dramatik von intriganten Vorgängen in der Berliner Wilhelmstraße, die schließlich den Reichspräsidenten bestimmten, in Hitler das wesentlich kleinere Übel gegenüber Schleicher zu sehen. Denn zwei Dinge darf man dem greisen Staatsoberhaupt auch in der angespannten Situation der letzten Januarwoche getrost zubilligen: ein ungetrübtes Machtbewusstsein und den festen Willen, die Macht konkurrierender Akteure zu brechen. Hindenburg hat kalkuliert, wie hoch für ihn persönlich (und für sein Image) der Schaden ist, den die Ernennung Hitlers verursachen könnte. Die Antwort war: gering. Die anderthalb Lebensjahre, die ihm verblieben, haben seinem Kalkül Recht gegeben.

WELT: Ist die Machtübernahme durch die NSDAP 1933 hinreichend erforscht? Oder gibt es doch noch offene Fragen?

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Machtan: Mit Blick auf die Festmeter an einschlägiger Literatur scheint kaum ein politisches Ereignisfeld gründlicher erforscht zu sein als das Schwellenjahr 1933. Doch fragt man nach dem historisch-politischen Kern dieser Zäsur – für mich ist das die Unumkehrbarkeit von Hitlers Ermächtigung – so bleibt da vielleicht noch einiges aufzuklären. Namentlich: Ob das Schlüsseldatum 30. Januar 1933 bereits der point of no return war? Weil damals bereits alle halbwegs realistischen machtpolitischen Alternativen zu Hitler (Militärdiktatur oder Restauration der Monarchie etwa) verspielt oder verschüttet wurden. Und wenn das so war, wofür meines Erachtens einiges spricht, so stellt sich die Frage nach den speziell dafür Verantwortlichen und deren Motiven umso dringlicher. Deshalb dürfte es sich weiterhin lohnen, die Fährte nach neuen Quellen aufzunehmen. Also nach Zeugnissen, die uns noch besser verstehen lassen, wie 1933 unwiederbringliche Macht in die unberechenbare Hand eines Adolf Hitler gelangen konnte.

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Source: welt.de