Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie: “Wie finde ich Sinn“. In sieben Etappen suchen wir in Essays und Interviews nach dem besseren Leben.

Andere können mich ermuntern, Sinn in meinem Leben zu suchen. Sie können versuchen, mich zu belehren oder ihn mir einzuimpfen. Aber derjenige, der Sinn erfährt – das bin am Ende ich. Ob ich etwas als sinnvoll erachte oder nicht, liegt allein in meinem Ermessen.

Das ist ein Segen, weil mir niemand diese Freiheit nehmen kann. Es ist eine Verantwortung, weil kein anderer für mich den Sinn finden kann. Und es kann eine Bürde sein: Denn Sinn findet sich nicht so leicht. Er drängt sich nicht auf, weil er kein Gefühl ist wie Freude, Wut oder Trauer. Mit dem Sinn geht es uns vielmehr wie mit der Gesundheit: Wenn er da ist, bemerken wir ihn kaum. Wenn er aber schwindet, dann sehnen wir uns nach der Zeit davor. Wollen wir erkunden, worin wir Menschen Sinn erleben, müssen wir also ganz genau hinschauen und herausfinden, in welchen konkreten Erfahrungen er sich ausdrückt.

Sinnerfüllung und damit die Überzeugung, dass das eigene Leben sinnvoll und lebenswert ist, lässt sich an vier Merkmalen festmachen. Das hat die psychologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte herausgefunden. Die Merkmale heißen Orientierung, Kohärenz, Bedeutung und Zugehörigkeit.

Orientierung: Ich weiß, wofür ich stehe und welche Richtung ich im Leben verfolge. Das ist besonders wichtig, um Entscheidungen treffen zu können. Konkret kann das so aussehen: Eine Frau, berufstätig und Mutter, liebt es, in der Natur zu sein. Bei ihren Spaziergängen durch die Wälder ihrer Umgebung holt sie sich Kraft. Ihr größtes Ziel ist es, den nachfolgenden Generationen eine Welt zu hinterlassen, in der auch sie die Natur lieben lernen können. Sie verdient nicht besonders viel, aber sie achtet sehr darauf, klimafreundlich einzukaufen und zu reisen, selbst wenn das teurer ist. Sonst würde sie ihre Grundsätze verraten.

Kohärenz: Mein Leben erscheint mir stimmig, was bedeutet: Ich kann meine Identität, meine Werte und Überzeugungen in meinem Handeln ausdrücken. Mein Handeln stimmt somit mit meinen Zielen überein, und die Ziele entsprechen dem, was mir prinzipiell Sinn gibt. In unserem Beispiel sieht die Frau im Kampf für das Klima die größte Aufgabe und Verantwortung ihrer Generation. Sie tritt ein für Gerechtigkeit gegenüber den Jüngeren, gegenüber Menschen aus anderen Weltregionen und gegenüber Tieren und Pflanzen. Wann immer sie es schafft, richtet sie ihr Handeln danach aus: Sie engagiert sich bei einer Stiftung, die Meere von Plastikmüll befreien will, und spielt sonntags mit ihren Kindern im Park um die Ecke ein Spiel: Wer sammelt den meisten Müll auf? Für sie ist es selbstverständlich, dass sich ihre Überzeugungen auch im Kleinen ausdrücken.

Bedeutung: Ich merke, dass mein Leben Relevanz hat. Das spüre ich, wenn es Reaktionen auf mein Dasein und mein Handeln gibt. Ich merke, dass ich etwas bewirken kann, dass ich gesehen werde und anderen nicht egal bin. Die Frau in unserem Beispiel erfährt das in ihrer Familie, bei ihrer Arbeit für die Stiftung und manchmal auch darüber hinaus. Wenn sie in der Kirchengemeinde ihres Ortes einen Vortrag über Plastikmüll in den Meeren hält, ist der Applaus lang, und einige kommen im Anschluss zu ihr, um zu sagen, dass sie sich nun ebenfalls engagieren wollen.

Zugehörigkeit: Ich habe einen Platz in der Welt, fühle mich nicht isoliert oder entfremdet. Diese Zugehörigkeit ist eine existenzielle. Viele erleben sie über soziale Beziehungen, in einer Familie, mit Freunden, in anderen Formen von Gemeinschaft. Man kann sie aber auch spüren in Verbundenheit mit der Natur, mit Tieren, mit der Menschheit an sich, mit höheren Mächten im spirituellen und religiösen Sinne. Unsere Frau spürt sie in ihren vielfältigen Beziehungen ebenso wie in der Natur.

Wenn diese vier Merkmale erfüllt sind, empfinde ich mein Leben als sinnvoll. Das haben psychologische Studien in verschiedensten Ländern der Welt gezeigt. Wer sich auf die Suche nach seinem persönlichen Sinn begibt, kann diese Merkmale als Checkliste verwenden. Sie sind Elemente des Sinnerlebens. Sie sind aber nicht die Quellen, aus denen wir Menschen Sinn schöpfen.

Kilian Trotier: Sinnquellen – diesen Begriff verwenden Sie als Forscherin häufig. Warum haben Sie ihn gewählt?

Tatjana Schnell: Es ist ein gutes Bild für das, was ich ausdrücken will. Aus einer Quelle schöpfe ich Wasser und stille meinen Durst. Die Quelle allein bringt mir aber noch nichts. Ich muss hingehen, einen Behälter hinablassen und das Wasser nach oben befördern. Genauso ist es mit Sinnquellen. Ich muss etwas tun, damit Sinn erlebbar wird.

Generativität ist unangefochten der größte Sinnstifter

Trotier: Was haben Sie darüber herausgefunden, worin Menschen heute Sinn sehen?

Schnell: An der Universität Trier hatte ich die Möglichkeit, mit einem Forschungsteam ganz offen und unvoreingenommen Sinn zu untersuchen. Wir haben Menschen gebeten, uns Fotos zuzusenden von dem, was ihrem Leben Sinn gibt. Wir haben Hunderte von Menschen befragt, mit Einzelnen und Gruppen gesprochen, aus allen Generationen und mit verschiedensten Hintergründen. Wir haben in einer besonders aufwendigen Interviewstudie Menschen gefragt, wovon sie überzeugt sind, was sie regelmäßig tun und feiern und welche besonderen Erfahrungen sie in ihrem Leben gemacht haben. Bei jeder Antwort haben wir weitergefragt: Was bedeutet das? Und wofür steht das? So sind Tausende von Aussagen zusammengekommen, die wir gesichtet und zusammengefasst haben. Letztendlich haben wir so 26 Sinnquellen identifiziert.

Wer selbst auf der Suche ist, kann sich von ihnen inspirieren lassen. Deshalb hier die Top 10, die zehn Sinnquellen, die am engsten mit Sinnerfüllung zusammenhängen:

1. Generativität
2. Fürsorge
3. Religiosität
4. Harmonie
5. Entwicklung
6. soziales Engagement
7. bewusstes Erleben
8. Naturverbundenheit
9. Kreativität
10. Gemeinschaft

Fast alle Begriffe sind als Schlagworte intuitiv verständlich. Der erste hingegen ist kaum bekannt: Generativität.

Geprägt wurde der Begriff vom Psychoanalytiker Erik H. Erikson, der ihn nahezu poetisch definierte: Die Liebe in die Zukunft tragen. Etwas technischer formuliert geht es darum, Dinge zu tun und zu schaffen, die einen bleibenden Wert haben. Also einen Beitrag zu leisten für die Gesellschaft, für das große Ganze, für die nächsten Generationen. Die Wörter ähneln sich – Generativität und Generation – und natürlich kann man Generativität dadurch erreichen, dass man Kinder zeugt, gebärt und erzieht. Aber die Begriffe sind nicht deckungsgleich. Bei der Generativität geht es auch um die Weitergabe von Wissen und Erfahrung, um politisches oder kulturelles Engagement, das Spuren hinterlässt.

Generativität ist in verschiedenen Studien unangefochten der größte Sinnstifter. Man könnte jetzt denken: Dann widme ich ihr mein ganzes Leben und mir geht’s gut. Das wäre nach den Forschungserkenntnissen jedoch keine gute Idee, denn: Menschen, die angeben, sinnerfüllt zu sein, schöpfen ihren Sinn nicht nur aus einer Quelle. Sie haben immer mehrere. Diese Erkenntnis ist zentral. Es hat keinen Sinn, all sein Heil in der Selbstverwirklichung zu suchen. Oder in Freundschaften. Oder in der Verbundenheit zur Natur. Sinnerfüllung braucht Vielfalt und Balance.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Die Frau findet den Klimaschutz enorm wichtig. Es ist ihre Form, Generativität zu leben. Das ist aber nicht ihr alleiniger Lebensinhalt. Sie nimmt sich jeden Morgen eine halbe Stunde für sich und macht Yoga, sie genießt gutes Essen, und am Wochenende geht sie ins Fußballstadion mit zwei Freundinnen und brüllt ihre Mannschaft zum Sieg.

Trotier: Die Generativität ist die wichtigste Sinnquelle von insgesamt 26. Sie haben die 26 in fünf Dimensionen zusammengefasst. Warum?

Schnell: Weil die 26 teilweise miteinander zusammenhängen. Sie lassen sich also durch allgemeinere Dimensionen repräsentieren.

Trotier: Was fasziniert Sie am meisten an den Dimensionen?

Schnell: Wie unterschiedlich die Wege zum Sinn sein können.

Trotier: Schauen wir uns die fünf genauer an.

1. Das größere Ganze: Hier geht es um eine nachhaltige Perspektive, den Umgang mit der Natur, soziales Engagement, ein gesundes Leben. Ich schaue dabei über mich selbst und meine unmittelbaren Bedürfnisse hinaus. Die Generativität ist ein wichtiges Element dieser Dimension.

2. Eine höhere Macht: Ich glaube an einen Gott oder bin anderweitig spirituell und richte mein Leben danach aus.

3. Selbstverwirklichung: Ich lebe selbstbestimmt, bin darauf fokussiert, meine Potenziale zu erkennen und mich persönlich weiterzuentwickeln.

4. Wir- und Wohlgefühl: Ich kümmere mich um mein Wohlbefinden und um das der Menschen, die mir nahestehen – was eng miteinander zusammenhängt.

5. Ordnung: Ich setze im Leben auf Struktur und Sicherheit, habe eine bewahrende und pragmatische Haltung.

Gibt es Sinnquellen, die mich vielleicht erst einmal abschrecken?

Unsere Sinnquellen sind, ähnlich wie unsere Persönlichkeitsmerkmale, recht stabil, aber veränderbar. Im Laufe des Lebens kann sich vor allem die Gewichtung verschieben. Die Forschung zeigt, dass wir in den unterschiedlichen Phasen unserer Leben aus verschiedenen Sinnquellen schöpfen.

Beide Formen der Selbstüberschreitung – der Blick aufs große Ganze und die Verbindung zu einer höheren Macht – steigen mit dem Alter. Dabei sind es heutzutage jedoch weniger Menschen, die Sinn aus Religiosität oder Spiritualität gewinnen. Die Selbstverwirklichung spielt in der Jugend eine große Rolle. Wer Kinder kriegt und im Beruf angekommen ist, kümmert sich dann eher weniger um sich selbst. Interessant ist, dass die aktuellen Daten zeigen: Ab 60 gibt es wieder einen deutlichen Anstieg der Selbstverwirklichung. Für viele ist die Zeit der Rente offenbar die Möglichkeit, sich noch einmal neu zu entdecken. Wir- und Wohlgefühl spielt in jeder Lebensphase eine wichtige Rolle. Nach Ordnung und Sicherheit sehnen sich hingegen wenige in der Jugend. Ab 30 steigen die Werte und noch mal deutlicher ab 50.

Das sind die Trends. Was aber sollte ich beachten, wenn ich mich auf die Suche nach meinen persönlichen Sinnquellen begebe?

Neben der Bedeutung der Balance der Quellen legen die Forschungsergebnisse noch etwas anderes nahe: Es kann sich lohnen, die eigene Komfortzone zu verlassen. Dieser Satz ist in unserer westlichen Leistungsgesellschaft zum Klischee verkommen. Forschungen können ihn aber herleiten und mit Inhalt füllen.

Studien zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit bestimmten Sinnquellen zusammenhängen. Wer offen, freundlich und hilfsbereit ist, fühlt sich häufig verbunden mit der Natur und engagiert sich sozial. Wer weniger hilfsbereit und freundlich ist, findet seinen Sinn eher darin, den eigenen Weg zu gehen und eigene Stärken zu verwirklichen. Wer besonders gewissenhaft ist, sucht Sinn in Moral, Vernunft und Leistung.

Wir tendieren dazu, uns den Sinnquellen zuzuwenden, die zu unserer Persönlichkeit passen. Das liegt nahe – kann aber das Blickfeld einengen. Es ist also wichtig, uns dessen bewusst zu sein und uns herauszufordern: Gibt es Sinnquellen, die mich vielleicht erst einmal abschrecken?

Machen wir es mit Ergebnissen der Forschung anschaulich: Wer introvertiert ist, sich im Lesen und Denken gerne selbst verwirklicht und Leistung und Wissen sehr wichtig findet, hat oft wenig Sinn für Gemeinschaft. Eine solche Person könnte gezielt danach schauen, wie sie mehr in Kontakt mit anderen kommt. Oder: Wer eher auf Tradition setzt, sich an Normen orientiert und wenig offen für Neues ist, dem fällt es schwerer, sich von der Natur berühren zu lassen oder sich sozial zu engagieren. Beides stiftet aber Sinn. Warum also nicht gezielt das ausprobieren, was ein blinder Fleck in der eigenen Persönlichkeit ist?

Es hilft, sich klarzumachen: Ich muss nicht so bleiben, wie ich gerade bin. Ich kann mich verändern, kann mir Aufgaben suchen, an denen ich wachse und durch die ich Sinn noch einmal auf ganz andere Art erlebe.

Trotier: Welche Methode ist Ihrer Meinung nach die beste, um herauszufinden, wie man Sinn erleben möchte?

Schnell: Ich würde genau das vorschlagen, was wir auch in unserer Forschung gemacht haben: “Leitern”.

Trotier: Wie genau geht Leitern?

Schnell: Ich setze mich mit einem Menschen, dem ich vertraue, zusammen. Er oder sie stellt die simple Frage: Was ist dir wichtig im Leben? Ich antworte darauf, und mein Gegenüber hat die Aufgabe, weiterzufragen: Was bedeutet das für dich? Warum? Warum? Warum? Wie ein neugieriges Kind, das nicht lockerlässt. Mit jeder weiteren Frage geht es eine Stufe tiefer auf der Leiter, in Richtung Grund. Wenn beide das Gefühl haben, ganz unten angekommen zu sein, geht es weiter zu einem anderen Thema.

Trotier: Können Sie das konkret machen?

Schnell: Wenn ich antworte: Familie ist mir wichtig, fragt der andere: Warum ist sie dir wichtig? – Ich könnte antworten: Weil wir uns helfen und gemeinsam feiern. – Was bedeutet “sich helfen”? – Zu wissen, dass wir immer füreinander da sind, gerade wenn es jemandem richtig dreckig geht. So werde ich mir bewusst, dass Zusammenhalt und Fürsorge eine hohe Bedeutung für mich haben. Häufig realisieren Menschen erst während dieser Art von Gesprächen, was für sie wirklich wichtig ist.

So erkenne ich, was mich trägt und motiviert. So kann ich aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf mein Leben schauen und mich fragen: Will ich so sein, auch in Zukunft? Und: Wie kann ich dem, was für mich wirklich zählt, genügend Raum in meinem Leben geben?