Wie Herkunft und Tradition das eigene Schaffen prägt: Neun Kreative antworten

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Marlen Stahlhuth und Larteyley von Hippel

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Marlen Stahlhuth und Larteyley von Hippel

Wie prägt es das eigene Schaffen,
aus Deutschland oder dem deutschsprachigen Raum zu stammen und hier zu arbeiten? Neun Kreative geben Auskunft über ihr mitunter doch sehr ambivalentes Verhältnis zu Herkunft und Tradition.

23. März 2023

TEXT: Alex Bohn
FOTOS: Prissilya Junewin

NAÏMA TRABELSI, 30

DESIGNERIN, ZÜRICH

Das prägende Gefühl ihrer Kindheit und Jugend war „Wer darf ich wann sein?“, sagt Naïma Trabelsi. „Da war die eher konservative Familie meines tunesischen Vaters und auf der anderen Seite meine äußerst emanzipierte Schweizer Mutter“ Bei den Besuchen in Tunesien fremdelte sie damit, die Knie bedecken zu müssen und nicht in einem Raum mit den Männern sein zu dürfen, in der Schweiz tat sie sich mit der „Prosexualität“, wie sie es nennt, schwer. Mode nutzte sie früh als Schutz und Ausdruck ihrer Identität: „In Männermode konnte ich meinen sehr weiblichen Körperbau, den ich nicht mochte, so kleiden, dass ich mich stark fühlte“, sagt sie. Zweimal nahm sie Anlauf, selbst Mode zu entwerfen, im ersten Studium mit 18 „hatte ich noch keine eigene Position“, sagt sie. Tabelsi studierte Literatur und Kunstgeschichte, beschäftigte sich mit arabischer feministischer Literatur, arbeitete im Kostümbild am Schauspielhaus Zürich sowie für die international namhaften Modemarken Acne Studios und die Schweizer Marke on. „All diese Erfahrungen haben mir geholfen, mit dieser Zerrissenheit umzugehen“, sagt sie. Zum Abschluss des zweiten Modestudiums hat sie ihre gleichnamige Marke gegründet, bringt orientalische Traditionen, klassisch feminine und maskuline Silhouetten zusammen. Ihre Marke hat sie selbst finanziert, mit Produktion in der Schweiz und eigener Weberei in der Stadt Kaiouran, die für ihre Webkunst bekannt ist, in Tunesien, „der Heimat meines Herzens“, wie sie sagt. trabelsi.world

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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MIRJAM VON MENGERSHAUSEN, 25

DESIGNERIN, AMSTERDAM

Eine traditionelle Strickweste, wie sie früher zu einem bayrischen Dirndl gehörte, fertigt Mirjam von Mengershausen im gleichen Schnitt, aber nicht – wie einst – aus Wolle, sondern aus Algengarn. Folklore oder gar Nostalgie sind ihre Sache nicht. „Man muss eine Berechtigung haben, neue Dinge in die Welt zu bringen“, sagt sie, „Algen sind im Zuge der Erd­erwärmung vielfältig verfügbar und ein zukunftsfähiger Rohstoff.“ Von Mengershausen stammt aus einem bayerischen Dorf mit sieben Häusern, ist naturnah und im engen Verbund mit Eltern und Großeltern aufgewachsen, „so isoliert, dass ich meinen zahlreichen Hobbys in Ruhe nachgehen konnte“, sagt sie. Inzwischen hat sie die Provinz gegen die Großstadt getauscht, an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin Mode studiert, 2022, gefördert vom German Fashion Council und der The Prince’s Foundation, eine Kollektion auf der Berlin Fashion Week präsentiert und lebt und arbeitet nun in Amsterdam. Selbst gewählte Isolation schätzt sie noch immer – und sorgt dafür beispielsweise mit einer Kollektion, die den Träger vor automatischer Gesichtserkennung schützt. mengershausen.eu

GABRIEL MASSAN, 27

KÜNSTLER, BERLIN

Gebürtig stammt der Afrobrasilianer Gabriel Massan aus Rio de Janeiro, seit 2019 lebt er in Berlin. „Die
Möglichkeiten, mich mit den Folgen des Kolonialismus und der Lebenswirklichkeit der Afrobrasilianer zu beschäftigen, sind für mich hier besser“, sagt er, „es gibt weniger vorgefasste Meinungen.“ Massan arbeitet ausschließlich digital, in seiner ersten Ausstellung „Third World“, die im Frühling in der Londoner Serpentine Gallery eröffnet, verbindet er Virtual Reality, 3-D-Skulpturen und narratives Gaming miteinander, um die Le­benswelt der Black Indigenous Brazilians erfahrbar zu machen. Seine künstlerische Praxis ist dabei tief im Analogen verwurzelt: Schon als 13-Jähriger sammelte er Papierfetzen, Plastikreste und alte Textilien in den Straßen von Rio, verarbeitete sie in selbst gedrehten Filmen, deren Plots er auf dem Storytelling der brasilianischen Telenovelas basierte, und zeigte sie auf Youtube. „Digitale Welten wirken kälter und abstrakter als analoge, physisch greifbare, deswegen lege ich so viel Wert auf unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten“, sagt er, „Nur so entsteht Verständnis.“ @gabrielmassan

MARLEN STAHLHUTH, 33, LARTEYLEY VON HIPPEL, 35

GRÜNDERINNEN MAD­WOMEN COLLECTIVE, BERLIN

Erst waren sie Freundinnen, dann Geschäftspartnerinnen, ihre Arbeit entwickelte sich zufällig. Die Fotografin Stahlhuth begleite von Hippel auf einer Reise zu deren Familie nach Gambia, vor Ort setzten sie eine kleine Produktion um und merkten: „Das macht Spaß, wir haben die gleichen Werte“, so Stahlhuth. Beide wollten Frauen mehr Sichtbarkeit in der Kreativ- und Modebranche geben, beide wollten ein inklusiveres Casting, „mit unterschiedlichen Körpertypen und Ethnien“, sagt Larteyley von Hippel. Setzten sie selbst Kampa­gnenshootings um, fanden sie bei den herkömmlichen Agenturen nicht die Models, die sie suchten. „In unserem Freundeskreis gab es so viele tolle Frauen, und wir wurden oft gefragt, ob wir nicht auch eine Repräsentanz gründen wollen“, sagt Stahlhuth, „also haben wir das Madwomen Collec­tive gegründet und vertreten jetzt Stylistinnen, Hair- und Make-up- Artists und Models.“ Für Kunden wie Reebok, Zalando und Adidas stellen sie vollständige Produktionsteams. „Besonders von den Models hören wir oft, dass sie es genießen, dass unser Set ein ‚safe space‘ ist“, sagt von Hippel, „da wir alle so unterschiedliche Wurzeln haben, ist die Sensibilität für bestimmte Bedürfnisse – wie zum Beispiel religiös bedingte Kleidung wie den Hijab bei manchen Muslimas – ganz natürlich da.“ Madwomencollective.com

NICOLE ATIENO, 25

MODEL, BERLIN

„Es gibt ja so viele textile Traditionen, einzigartige Muster und Stoffe in Afrika, aber das Wissen und Interesse daran sind hierzulande gering“, sagt Nicole Atieno, „das möchte ich ändern.“ Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wuchs Atieno bei ihren Großeltern in einem Fischerdorf in Kenia auf. „In dieser kleinen Gemeinschaft kannte sich jeder, das Leben war durch die Arbeit der Fischer klar strukturiert“, sagt sie. Als sie mit elf zu ihrer kenianischen Mutter und ihrem deutschen Vater nach Dresden zog, war die Realität dort ungleich anonymer. Doch sie gewöhnte sich ein. „Ich bin sehr anpassungsfähig“, sagt Atieno, „das kommt mir als Model zugute, denn ich bin stets darauf bedacht, meinen Job am Set gut zu machen.“ Inzwischen ist sie auch international etabliert. Sie mag ihren Beruf, kennt aber auch seine Grenzen. „Als Model habe ich keine Kontrolle über die Bilder“, so Atieno, „als Stylistin hingegen kann ich eine Richtung vorgeben.“ Vorerst setzt sie ihren Fokus auf ostafrikanische Marken, weil sie sich dort am besten auskennt. „Aber mich interessiert ganz Afrika“, sagt sie, „ich finde es wichtig, die Traditionen dieses Kontinents bekannter zu machen.“ @nicoleatieno

LEYLA PIEDAYESH, 52

GRÜNDERIN UND DESIGNERIN LALA BERLIN, BERLIN

„Ich komme aus einer Familie von Teppichhändlern. An die dunklen Lagerräume und den Geruch von schwerer Wolle erinnere ich mich bis heute“, sagt Leyla Piedayesh und wählt deswegen einen Teppichladen als Ort für ihr Portraitshooting. Sie weiß auch noch, dass es in ihrer Familie immer laut war. „Auf Zimmerlautstärke sprechen, das gab es bei uns nicht“, sagt sie. Als sie neun Jahre alt war, flohen ihre Eltern aus Teheran nach Wiesbaden. Fortan war Piedayesh damit beschäftigt, in Deutschland heimisch zu werden und ihre Herkunft auszublenden. Sie studierte BWL, arbeitete bei MTV, kam fast zufällig zur Mode und führt seit 2004 erfolgreich ihr Modelabel lala Berlin, das anfangs besonders für Kaschmir-Adaptionen der Kufija bekannt wurde, jenes Tuchs, das als Dauerkopfbedeckung von Jassir Arafat zum Symbol des Kampfes für die Unabhängigkeit der Palästinenser wurde. Rückblickend sagt sie, dass ihre Wurzeln sie immer beschäftigt haben, „wenn auch intuitiv. Ich hatte immer ein Interesse an orientalischen Webmustern, mit denen arbeiten wir bis heute“, sagt sie. Als politisch empfindet sie sich erst seit der Ära Trump, die aktuellen Aufstände in Iran beschäftigen sie, und sie unterstützt den Widerstand der Frauen, unter anderem mit einer Kampagne, für die sie Hoodies bedruckt. „Wie groß die Freiheit ist, die meine Tochter und ich hier erleben, erkenne ich erst jetzt“, sagt sie. Lalaberlin.de

STEPHAN SCHNEIDER, 53

DESIGNER, ANTWERPEN

„Mit 15 wusste ich nur, dass ich meine Geburtsstadt Duisburg verlassen möchte“, sagt Stephan Schneider, „mitunter habe ich mich für mein nicht künstlerisches, nicht modeaffines Umfeld im Ruhrgebiet sogar geschämt.“ Inzwischen lebt er seit fast 30 Jahren in Antwerpen und macht sich Familientraditionen zu eigen: Schwarz übermalt, aber gut zu erkennen ziert eine umfangreiche Sammlung in Öl gemalter Sonnenuntergänge die Wände in seinem Atelier. „Sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern waren passionierte Sammler. Briefmarken, Platzteller, Sonnenuntergänge. Ich stehe zu diesen explizit deutschen Wurzeln, die ja oft spießig sind“, sagt Schneider. Mit seinem Stil, spröde poetisch, zwingend tragbar, nie exzentrisch, aus ausgesuchten Materialien in natürlichen Farben, gehört er zu der überschaubaren Zahl deutscher Designer mit internationalem Ansehen. Studiert hat er an der Königlichen Akademie der schönen Künste, im Umfeld der Antwerp Six, jener Kreativen wie Ann Demeulemeester und Martin Margiela, die in den 80er-Jahren die internationale Mode durch ihre oft ehrlich genannte Ästhetik prägten. Vielleicht lernte Schneider auch von ihnen, seine Herkunft zu lieben. Die Platzteller jedenfalls, die Mutter und Großmutter sammelten, waren Inspiration für eine seiner Kollektionen. Und schmücken außerdem zwei Wände in seinem Ferienhaus in der Eifel. stephanschneider.be

KATHARINA KOPPENWALLNER, 56 

KUNSTHISTORIKERIN/GRÜNDERIN INTERNATIONAL WARDROBE, BERLIN

„Tradition ist nicht statisch, sondern fluide“, sagt Katharina Koppenwallner, „sie spiegelt die politischen und persönlichen Umstände wider.“ Die studierte Kunsthistorikerin, die auch den Essay dieser Titelgeschichte geschrieben hat, weiß, wovon sie redet, reist sie doch seit fast 20 Jahren um die Welt, um Kunsthandwerker und ihre Arbeit kennenzulernen. Zwar tritt der einzelne Künstler anonym hinter der Volkskunst zurück, „aber Menschen bringen ihre individuelle Handschrift ein“, so Koppenwallner. „Beispielsweise wurde das încreț, eine ornamentale Borte der rumänischen Trachtenblusen, in den 70er-Jahren plötzlich mit psychedelischen Mustern bestickt.“ Wenn man in der „International Wardrobe“, ihrem Laden in Berlin- Mitte, auf die Textilien, Leder- und Keramikwaren aus aller Welt trifft, kann man an solchem Wissen teilhaben. Dabei ist Koppenwallner frei von Nostalgie: „In der westlichen Welt herrscht oft der Gedanke, alles solle so bleiben, wie es war. Die Leute sollen in ihren einfachen Hütten sitzen und handwerken – ein Leben, das wir selbst gar nicht leben wollen. Veränderung bedeutet nicht den Verlust aller Tradition, mir ist der Blick auf die Zwischentöne wichtig.“ internationalwardrobe.com

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 23.03.2023 12:17 Uhr

Source: faz.net