25 Jahre EZB: Kunst des kritischen Gratulierens

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An diesem Abend rollt die Europäische Zentralbank sich selbst den blauen Teppich aus. Wie ein Band zieht er sich vom Eingang des hohen verglasten Foyers im EZB-Hochhaus im Frankfurter Ostend im Zickzack bis in den Festsaal, begrenzt auf beiden Seiten durch ein blaues Absperrband. Draußen halten in kurzem Abstand große Limousinen und setzen Gäste ab, als wäre man in Cannes oder bei den Bayreuther Festspielen. Dazu sieht man Motorradstaffeln der Polizei und Heere von Personenschützern.

Immerhin hat nicht nur Bundeskanzler Olaf Scholz sein Kommen angesagt, sondern zahlreiche Politiker aus ganz Europa. Frankreichs Ministerpräsident Emmanuel Macron allerdings hatte abgesagt, wegen Terminschwierigkeiten. Wie auf einem Laufsteg ziehen die Gäste ein – ein solcher Teppich scheint geradezu zum „Schreiten“ zu animieren.

Blau scheint die Farbe des Euro zu sein

Die EZB hat an diesem Mittwochabend ihren 25. Geburtstag gefeiert – und so viel Auflauf war hier nicht mehr gewesen seit jenem Tag, an dem der frühere EZB-Präsident Mario Draghi das Präsidentenamt an Christine Lagarde übergeben hat. Alles glänzt in Blau, das ist offenbar jetzt die Euro-Farbe.

Immerhin hatte Lagarde mal den Vorschlag gemacht, man könnte dem Euro einen Spitznamen geben: So wie der Dollar nach seinem Hintergrund „Greenback“ genannt wird, könnte man den Euro „Blue bridge“ taufen, wegen der blauen Brücke auf der 20-Euro-Banknote.

An diesem Abend hängt an einer Wand im EZB-Foyer zudem ein Logo mit einer großen Fünfundzwanzig und sieben gelben Sternen. Böse Zungen am Rand des blauen Teppichs lästern, die sieben Sterne stünden fraglos für jene sieben Prozent Inflation, mit denen die Notenbank im Euroraum aktuell zu kämpfen hat.

Das wird zur Herausforderung des Abends: Wie gratuliert man jemandem so richtig herzlich zum Geburtstag, der sich gerade in einer etwas heiklen Situation befindet? „Happy birthday, EZB“ hört man an diesem Abend dauernd, auch „Joyeux anniversaire“. Es wird auch herzlich gelacht, als beispielsweise EZB-Präsidentin Lagarde auf ihre Vorgänger Mario Draghi und Jean-Claude Trichet trifft.

Auf Champagner hat der Veranstalter verzichtet, stattdessen gibt es Crémant. Das erinnert fast ein bisschen an die Finanzkrise, als auch in Deutschland Banken vom Staat gestützt werden mussten und der damalige Commerzbankchef Martin Blessing kurzerhand den Frankfurter Banken- und Börsenball ausfallen ließ – mit der Begründung: „Champagner auf Staatsknete“, das gehe einfach nicht.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde mit ihren Vorgängern Jean-Claude Trichet (links) und Mario Draghi.


EZB-Präsidentin Christine Lagarde mit ihren Vorgängern Jean-Claude Trichet (links) und Mario Draghi.
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Bild: dpa


Die Geburtstagsreden für die EZB folgen daher an diesem Abend einem klaren Muster: Man lobt den Euro und die Arbeit der EZB in der Vergangenheit – und beschreibt die aktuelle Situation gleichsam als Herausforderung.

Bundeskanzler Scholz erinnert daran, wie es Draghi geschafft habe, mit nur drei Worten die Eurokrise zu wenden: „Whatever it takes“. Die EZB habe sich als „Anker für Stabilität im Euroraum“ erwiesen. Nur ganz vorsichtig, und mit der Einschränkung, dass er sich keinesfalls in die Unabhängigkeit der Notenbank einmischen wolle, wagt sich der Bundeskanzler an das Thema Inflation, die Menschen mit geringem Einkommen besonders treffe. Man müsse „mit vereinten Kräften“ etwas tun, sagt der Bundeskanzler. Und: Er unterstütze die Bemühungen der Notenbank im Kampf gegen die hohe Inflation „voll und ganz“.



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