Rezension von Marta Kijowskas Biographie von Wisława Szymborska

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Ein paar Worte, aus den Augenwinkeln wahrgenommen nur, vor einer Internetrecherche. Etwas mit Tiktok, Orangen und Dusche. Ungläubige Faszination führt spontan zur Begriffseingabe. Engagierte Erklärungen, warum diese Südfrüchte unter fließendem Wasser gegessen sein wollen: Vitamine, Hygiene, Aromatheraphie. Allerdings wohl kein ganz neuer Trend, manches kommt eben doch zweimal vor.

Aus solchen Alltagsirritationen hat Wisława Szymborska, die „Meisterin der philosophischen Miniatur“, Alltagslyrik geformt. „Was immer wir von dieser Welt denken − sie macht uns staunen“, hält sie fest. „Im Begriff ,Staunen’ steckt jedoch eine logische Falle. Wir bestaunen schließlich das, was von bekannten, allgemein anerkannten Normen abweicht, von der Selbstverständlichkeit, die wir ge­wohnt waren.“ Trotzdem staunt sie gern, zum Beispiel darüber, dass noch nicht alle Welt die „Pickwickier“ von Dickens ge­lesen hat. Und sie nimmt sich Zeit für dieses Tun, denkt über Fragen nach, sucht lange nach Antworten. Sie ist eine schlagfertige Frau, die sehr bedachtsam ist. Um diesen vermeintlichen Widerspruch weiß sie: „Ich hätte ich selbst sein können – doch ohne Staunen, / und das würde bedeuten, / jemand ganz anderer.“

Chronische Lachlust, gepflegte Ironie

Die letzten Zeilen sind tatsächlich eine der wenigen klaren Selbstauskünfte, die sie lyrisch gibt. Trotzdem verwies sie in Interviews stur auf diese Quelle und verweigerte Antworten auf allzu persönliche Fragen. In ihrer „Abneigung gegen jede Form von Kollektivität, Feierlichkeit, Pomp“ und offizielle Ehrungen wächst sich alles rund um den Nobelpreis, der ihr 1996 zuerkannt wurde, für sie zur „Stockholmer Tragödie“ aus. Als Bollwerk gegen den journalistischen Ansturm soll ein Sekretär her. Ein junger Akademiker spricht vor, eine Besucherin geht, sie geben sich die Klinke in die Hand, das Telefon schrillt, kurzerhand schneidet er das Kabel durch – und ist eingestellt.

Marta Kijowska:  „Nichts kommt  zweimal vor“. Wisława Szymborska –   Eine Biografie.


Marta Kijowska: „Nichts kommt zweimal vor“. Wisława Szymborska – Eine Biografie.
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Bild: Verlag


Biographisch ist das ein Glücksfall, denn der junge Mann war bis zu ihrem Tod 2012 an ihrer Seite und hat – diskrete – Erinnerungen festgehalten. Szymborska war eine äußerst diskrete Frau, selbst ihren wenigen langjährigen Freundinnen gegenüber wahrte sie eine gewisse Reserviertheit. Bei chronischer Lachlust und gut gepflegter Ironie führte das dazu, dass die ersten Biographinnen in Polen sehr zum Verdruss der Dichterin ihr Leben als sorgenfreies „Schmetterlingsdasein“ zeichneten. Sie begann, zumindest über eine postum andere Darstellung zu grübeln. Nun hat Marta Kijowska eine erste deutsche Biographie verfasst. Im Vorwort legt sie die Karten offen auf den Tisch: Sie wird nicht bohren, sondern das Geheimnis von Szymborskas Talent wahren, es nicht enträtseln, sondern davon erzählen, lieber mit einer Anekdote mehr als mit einem Fakt zu viel, verehrend, aber nie verklärend.

Jargonfrei erzählt

Die sprichwörtlichen drei Wünsche lassen sich bei der Lektüre einer Biographie klarer formulieren als bei einem Roman, und Kijowska erfüllt sie alle. „Nichts kommt zweimal vor“ ist sehr gut geschrieben. Nach einem grandiosen Vorwort ist das erste Kapitel anfangs mit Namen und geschichtlichen Verweisen etwas überfrachtet, doch nach wenigen Seiten ist das vergessen. Dann kommt Kijowska – Wunsch zwei – zu Zeit, Land und Leuten. Die Besatzung der Deutschen, der Kommunismus, Tauwetter, neuerliche Erstarrung, Wojtyla und Solidarność, der Nobelpreis für Czesław Miłosz und das Kriegsrecht, nebenbei noch ein wunderbares Porträt von Krakau. Und schließlich Szymborska selbst, die hier so lebendig, eigenwillig und selbstbewusst hervortritt, dass nach der letzten Seite der Biographie ein neuer Wunsch da ist: ihre Lyrik zu lesen. Erstmals, erneut, einerlei.

Kijowska ist eine profunde Kennerin von Szymborskas Werk, verzichtet aber auf eine Darstellung im literaturwissenschaftlichen Jargon, sondern erzählt auch hier. Von der Lyrikerin, die anfangs vor Stalin-Gedichten nicht zurückgeschreckt ist. Die jedoch reifte und sich im ersten Schritt „halbwegs anständig“ verhielt. Die auch als Opposition und ihre Sprache quasi aufeinander zugewachsen waren, ihre eigene Verführbarkeit immer durchschimmern ließ. „Links liegt der See der Tiefen Überzeugung“ heißt es in einem Gedicht, „Ich bin mir lieber als Menschenfreund / denn als Freund der Menschheit“ in einem anderen. Vor allem in Szymborskas wenigen Briefen funkelt ihre Ironie. Da schafft sie es, allein mit der Anrede ein Lachen zu entlocken und in ihr einen ganzen Ge­fühlsfächer unterzubringen: „Kornel, du Mangelware!“ Der flapsige Ausdruck kaschiert, wie sehr sie sich während einer Kur nach ihrem Lebensgefährten sehnt, deutet gleichzeitig an, wie stark ihr der Mangel an Privatsphäre im Sanatorium zusetzt, und ist sicher auch ein kleiner Seitenhieb auf den allgemeinen Mangel. Wo nicht alles gesagt werden kann, steckt bei Szymborska bereits in einem einzigen Wort mehr als in manch langem Satz.

Szymborska hatte eine Schwäche für Kitsch, Jazz und Seifenopern. Ungeachtet aller Zurückhaltung war sie im kleinen bis mittleren Kreis gesellig, liebte Spottreimwettbewerbe und lud auch ihre Le­serschaft begeistert zum „intellektuellen Spiel“ ein. Bei ihrer Beerdigung wurden auf dem Friedhof Ella Fitzgerald und am Markt von Krakau ein vertontes Gedicht von ihr gespielt, das mittlerweile längst zum Schlager geworden war. „Nichts kommt zweimal vor, / auch wenn es uns anders schiene. / Wir kommen untrainiert zur Welt / und sterben ohne Routine.“ Spekulationen sind müßig – oder intellektuelles Spiel. Ob dieser Schluss Szymborska gefallen hätte?

Indem Kijowska nicht spekuliert, in­dem sie erzählt, aber nichts verrät, ist ihr ein zur Lebensbeschreibung ­ge­ronnenes Gedicht im Duktus Szymborskas gelungen. Es bleibt nur zu staunen.

Marta Kijowska: „Nichts kommt zweimal vor“.

Wisława Szymborska – Eine Biografie.

Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2023. 320 S., geb., Abb., 28,– €.



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