Double premiere of “Overture” on the Staatsballett in Berlin | EUROtoday

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Die großen Premieren seiner ersten Spielzeit als Direktor des Staatsballetts Berlin waren einmal Christian Spucks eigenes neues Handlungsballett nach Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ und ein aus Werken William Forsythes bestehender Abend. Diese tanzende Bovary erschien als arme ehebrecherische Verschwenderin tief dekolletiert und starb mit dem weißen Abscheupuder der Bühnengesellschaft Spucks überzogen den Theatertod. Man muss keine Wahrsagerin sein, um vorherzusehen, dass dieses Handlungsballett es nicht in die unter die Top 20 der Tanzgeschichte schaffen wird.

Christian Spuck ist in dieser Hinsicht wohl ähnlich einzuschätzen wie sein Vorgänger am Opernhaus Zürich, Heinz Spoerli, dessen Werke seit seinem Ausscheiden als Ballettdirektor schneller in Vergessenheit gerieten, als man Arabesque penchée sagen kann. Der Forsythe-Abend hingegen ist die unbedingt sehenswürdige und herausragend getanzte Hommage an den Amerikaner, ein Programm wie ein Pokal im Repertoire-Regal.

Variantenarme Handschrift

Diese für einen neuen Ballettdirektor nicht eben brillante Bilanz verbesserte jetzt die Premiere des Doppelprogramms in der Staatsoper Unter den Linden am Sonntag ganz und gar nicht. „Overture“ ist der Abend überschrieben, und so heißt auch die erste Choreographie des Spaniers Marcos Morau in seiner neuen Funktion als Christian Spucks Hauschoreograph. Er wählte drei Sätze aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie für sein Stück, das bei der Premiere von der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Marius Stravinsky begleitet wurde. Die Kanadierin Crystal Pite, ehemalige Tänzerin bei William Forsythe und seit mehr als dreißig Jahren Choreographin, bestritt den zweiten Teil des Abends mit ihrer Arbeit „Angels’ Atlas“ – einem 2020 für das National Ballet of Canada entstandenen Gruppentanz.

Das Problem des Choreographen Spuck prägt auch seine Entscheidungen als Ballettdirektor. Es ist seine sehr unindividuelle, variationsarme und von den Schönheiten des neoklassischen Balletts zehrende, sie gleichsam aufbrauchende Handschrift. Spuck formuliert erwartbar: Hier noch eine theatralische Hebung, da noch ein in wunderschöner Verzweiflung gestreckter Fuß im Spitzenschuh. Er besitzt weder die zerstörerische, mephistophelische Kraft von Forsythe, noch ist er ein Historiker, Intellektueller und unfehlbarer Stilist wie Alexei Ratmansky. Forsythe und Ratmansky sind zudem beide Romantiker: Ballet matters – es spielt eine Rolle, wenn wir nur hart genug dafür arbeiten. Spuck hingegen surft lieber auf den sanften Wellen trivialer Unterhaltung.

So hat sich der 54-Jährige in Marcos Morau treffsicher einen Exponenten der nächsten Generation ausgesucht, der das Desinteresse an der Syntax und Semantik des Tanzes deutlich durchblicken lässt. Der 42-Jährige Spanier Morau verfolgt die Ästhetik eines erweiterten Choreographiebegriffs als der zeitlich und räumlich organisierten Bewegung von Körpern und Materie.

In hautfarbener Unterwäsche

Aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie in cis-Moll einfach drei der fünf Sätze herauszubrechen ist schon allein fragwürdig. Bei Morau liegen zum Trauermarsch am Anfang Nackte in hautfarbener Unterwäsche auf einer diagonal gelegten schwarz glänzenden Riesensäule. Das berühmte Adagietto, das in der Erinnerung vieler untrennbar mit Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ verbunden ist, schickt ein unisex in lila Faltenrock-Folklore gekleidetes Ensemble rennend um viele dieser nun senkrecht in den Bühnenhimmel ragenden Säulen. Man braucht das Programmheft, um zu verstehen, dass dies die von Vergangenheit umstellte, nach der Zukunft suchende Jugend ist: „Wie lange kann eine Gesellschaft ohne Veränderung überleben?“, fragt Morau darin. Inwiefern diskutieren rein- und rausfahrende Säulen mögliche Antworten? Gemessen daran, wie oft jemand dramatisch daliegt oder im Nacken gepackt wird, mit Körperteilen ruckt oder wackelt, ist ständig jemand eher tot oder unterdrückt als am Philosophieren.

Crystal Pites „Angels’ Atlas“, also vielleicht „Bilderverzeichnis der Engel“, ist eine von sakral anmutenden Chören begleitete meditative Studie in Geduld, in der sich das in schwarze Hosen gekleidete Ensemble elegisch in die Rückbeugen legt und sich nach Höherem streckt. Sind es Epiphanien, die wie ein Zucken durch die Körper fahren? Am Anfang liegen alle Tänzer auf dem Rücken, wie bei der „Totenstellung“, Shavasana, der Endentspannung in Yogaklassen. Om. Man ist nicht sicher, ob Esoterik die letzte Bestimmung des postneoklassischen Tanzes ist. Vielleicht steht der Tanz lieber wieder auf und schiebt die Säulen beiseite, irgendwann in der Zukunft.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/doppelpremiere-overture-am-staatsballett-in-berlin-19691113.html