Katja Liebmann and Jub Mönster in Oldenburg | EUROtoday

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Der gelehrte Künstler Giorgio Vasari erzählt in seiner Biographie des verehrten Kollegen Leonardo da Vinci von dessen Rückkehr nach Florenz im Jahre 1500 und einem Werk, das dieser erst nach langem Zögern in Angriff nahm: „Endlich aber verfertigte er einen Karton, worauf die Madonna, die heilige Anna und das Christuskind so schön abgebildet waren, dass nicht nur alle Künstler, sondern jeder sich zur Bewunderung verpflichtet fühlte, der sie anschaute. Zwei Tage lang sah man Männer und Frauen, jung und alt, wie zu einem glänzenden Fest nach dem Zimmer wallfahren, um das Wunderwerk Leonardos zu sehen, dass alle ins Staunen versetzte.“ Bis Leonardo selbst zufrieden war, vergingen weitere fünfzehn Jahre. Heute hängt „Anna selbdritt“ im Louvre zu Paris.

Letzte Ausstellung heißt hochsymbolisch „Blues“

Wer lang aus dem Staunen vor einem Bilde heraus war, dem sei ein Besuch im Oldenburger Landesmuseum empfohlen. Im Bibliotheksflügel des großherzoglichen Schlosses hängen die Werke zweier zeitgenössischer Künstler, die mehr miteinander gemein haben als die Grundfarbe, in der alle Arbeiten gehalten sind, und die der Ausstellung ihren Titel gibt: „Blues“. Das Assoziationsfeld ist ein weites. Man könnte das Motto sogar auf Rainer Stamm, den Direktor des Landesmuseums, beziehen, der Oldenburg mit dieser Ausstellung nach vierzehn Jahren in Richtung Osthaus Museum Hagen verlassen wird.

Blau in allen Schattierungen dominiert die Fotografien von Katja Liebmann ebenso wie die Kugelschreiberzeichnungen Jub Mönsters. Alles, was die beiden hier Gezeigten sonst gemalt, gezeichnet oder fotografiert haben, ist ausgespart. Eine kluge Entscheidung, da sie die Vergleichbarkeit der Arbeiten, die über achteinhalb Räume verteilt sind, nahelegt und sowohl ihre Gemeinsamkeiten als auch ihre Gegensätze betont, ohne dass belehrende Schrifttafeln darauf hinweisen.

Dass es derer so viele gibt und dass diese Paarung deswegen so sinnvoll erscheint, ist schon erstaunlich; selbstverständlich ist das bei Doppelausstellungen nämlich nicht. Rainer Stamm, neben Anna Heinze Kurator der Schau, klingt fast zu bescheiden, wenn er von „serendipity“ spricht – falls dies Zusammentreffen ein Zufall war, dann ein glücklicher.

Anlass zu staunen hat der Betrachter auf den ersten Blick: Katja Liebmanns von der Sonne belichtete Blaudrucke wirken malerisch, während Jub Mönsters Zeichnungen aus der Entfernung eher den Eindruck blaustichiger Fotos erwecken.

Schier endlose Kuli-Schlaufen wie beim Telefonieren

Erst im Nähertreten erkennt man Mönsters Technik, der mit dem Kugelschreiber weder schraffiert noch punktiert; seine nuancierten Hell-Dunkel-Effekte verdanken sich unzähligen filigranen, ornamentalen Schlaufen und Schleifen, deren schwungvolle Setzung besonders auf den größerformatigen Bildern gut zu erkennen ist.

Katja Liebmanns Arbeiten verraten bei näherer Betrachtung etwas von ihrer Entstehung. Liebmann hat die Vorlagen en passant aus öffentlichen Verkehrsmitteln aufgenommen; ein Blatt, das im Vordergrund Wassertropfen auf einer Glasscheibe zeigt, so scharf, dass sich der Hintergrund – ein beiläufiges Straßenmotiv – darin bricht, macht das besonders deutlich. Die Hallenserin erzählt, wie sie nach 1989 ihre neue Reisefreiheit zu Aufenthalten in London und New York genutzt hat, um – mit einer absoluten „Lowtech-Kamera“, wie sie betont – bei ziellosen Busfahrten von Endstation zu Endstation Eindrücke zu sammeln. Die doppelte Datierung deutet an, dass die Negative häufig lange vor den Abzügen entstanden sind, was auch die kratzigen Alterungsspuren erklärt.

Mönsters Sehnsuchtsort ist von Jugend an Paris. Für Künstler ein gefährlicher Ort, da er so gut wie ausgemalt scheint. Doch vor Klischees schreckt Mönster nicht zurück. Seine Bistros sind allerdings fast menschenleer; der Verdacht, es gäbe sie so nicht mehr, macht sie bedeutsam. Die Motive aus seiner Heimatstadt Oldenburg sind hingegen so figurenreich, dass man die Alltagsszenen von Bahnübergängen und Jahrmärkten für Historienbilder halten könnte; und auch wenn gekrönte Häupter und gefallene Helden fehlen – was sind sie anderes?

Beide Künstler denken und arbeiten seriell. Katja Liebmann gruppiert gleich große Abzüge auf schweren Büttenbahnen zu Di-, Tri- oder Polyptychen; motivisch verwandte fasst sie unter einem Serientitel ­zusammen. Die sieben Ansichten einer „Winterreise“ durch Ostfriesland füllen als Panorama einen ganzen Raum, und die Stationen wirken hier nicht weniger entrückt und flüchtig als die in New York und London.

Wenn sie es bei der Vergrößerung des nachtblauen Negativs belässt, sorgen die Figuren für den üblichen Zombieeffekt. Die Positive, manchmal nachträglich gebleicht, erreichen die Transparenz monochromer chinesischer Tuschzeichnungen. Jub Mönster hält es, was die Ordnung betrifft, ähnlich: verschiedene Prinzipien bestimmen die Hängung. Gegenschnitte aus einem Film werden entzerrt und in eine neue Reihenfolge gebracht. Neun Täfelchen, unter dem Titel „Beim Friseur“ einem Sprachführer entlehnt, erinnern mit ihren lautschriftlichen Untertiteln von Ferne an Magrittes Pfeife.

Auch seine jüngsten Arbeiten, Übersetzungen bekannter Gemälde in Kugelschreiberbilder von „Mein van Eyck“ bis „Mein Gerhard Richter“, zeugen von kultureller Aneignung im besten Sinne. Wer lernt mehr über seine Vorbilder als der getreue Kopist? Mönster gibt zu, dass er den Kugelschreiber, mit dem er seit Jahrzehnten arbeitet, immer „noch nicht ganz verstanden“ habe. Eine letzte Gemeinsamkeit: Beide Künstler lassen sich von ihren Bildern gern überraschen; sie verweigern eindeutige Botschaften, viele Titel spiegeln das Vergnügen an ihrer Kunst.

Leonardo beschließt seine Auflistung der zehn Aufgaben, denen die Malerei sich stellt, mit dem Gegensatzpaar „moto e quiete“, Bewegung und Stillstand. Staunen wir also ein letztes Mal angesichts des glücklichen Zufalls, der hier wohl waltet: Katja Liebmann schöpft ihre Motive aus der Bewegung – Jub Mönster hält die seinen fest und bringt sie zur Ruhe.

Blues – Katja Liebmann und Jub Mönster. Im Landesmuseum Oldenburg; bis zum 21. Juli. Kein Katalog.

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