Jennifer Lesieur's e book “Rose Valland and the love of art” | EUROtoday

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Wenn sich jemand, der sein Berufsleben hinter einem Schreibtisch verbrachte, dazu entschließt, seine Existenz aufs Spiel zu setzen, denkt man nicht zwingend gleich an Spionage. Die Museumsfrau, die die Nationalsozialisten täuschte, den amerikanischen Alliierten ihre Notizen überließ und von Frankreich mit Orden überhäuft wurde, entsprach auch nicht dem Klischee einer Agentin, die ihren Körper als Waffe einsetzt, um an brisante Informationen zu gelangen. Rose Valland (1898 bis 1980), der die französische Autorin Jennifer Lesieur eine Biographie gewidmet hat, war Kettenraucherin und verheimlichte jahrzehntelang eine Beziehung zu einer Frau. Sie fiel mit ihrem strengen Haarknoten, der Nickelbrille und den grauen Kostümen nicht auf, weshalb sie die ideale Besetzung war, um das Treiben der deutschen Besatzer an einem logistischen Knotenpunkt des staatlich organisierten NS-Kunstraubs zu dokumentieren.

Aufgewachsen in einer Provinzstadt, schaffte sie es dank eines gewaltigen Lernhungers nach Paris. Sie absolvierte ein Studium an der École nationale supérieure des beaux-arts und promovierte über die Entwicklung der italienischen Kunst bis zu Giotto. 1932 nahm sie eine zunächst unbezahlte Stelle im Jeu de Paume an mit dem Ziel, sich einen Platz in der Männerwelt der französischen Museen zu erobern. Nach der Ankunft der Wehrmacht änderte sich ihre Motivation. Sie war bis auf die Handwerker die einzige Französin, die bleiben durfte und damit eine Augenzeugin, deren Informationen bei Jacques Jaujard, dem damaligen Leiter der Nationalmuseen und Retter der Louvre-Bestände, gefragt waren.

Die Konservatorin beobachtete vier Jahre lang, wie jüdischen Familien geraubte Kunstwerke zwischengelagert wurden. Wenn sie nicht ins von Hitler geplante „Führermuseum“ in Linz gehen sollten, meldete Hermann Göring Begehrlichkeiten für seine Residenz Carinhall an. Dann richtete man für ihn eine Ausstellung ein, der Champagner stand bereit, um ihn bei Laune zu halten. Bei einer dieser über zwanzig Visiten wählte er 27 Bilder für sich aus.

Des Diebstahls bezichtigt, von der Gestapo verhört

„Entartete“ Kunstwerke behielt man nur dann, wenn sie verkauft oder gegen alte Meister eingetauscht werden konnten. War das nicht der Fall, wurden sie in Brand gesteckt. Valland sprach von einer „Pyramide, deren Rahmen in den Flammen knisterten. Man konnte Gesichter sehen, die grell aufleuchteten und dann im Feuer verschwanden.“ Sie verfügte über gute Deutschkenntnisse und belauschte Gespräche, durchstöberte Papierkörbe, kopierte nachts Briefe und informierte Widerstandskämpfer, wann und wohin die Kunstschätze transportiert werden sollten. Am Ende waren es ihre Listen, die eine Rückführung nach der Kapitulation ermöglichten.

Jennifer Lesieur: „Rose Valland und die Liebe zur Kunst“. Die Frau, die 60.000 Kunstwerke rettete.
Jennifer Lesieur: “Rose Valland and the love of art”. The girl who saved 60,000 artworks.Elisabeth Sandmann Verlag

Jennifer Lesieurs Lebensbild von Rose Valland geizt nicht mit Anekdoten, seziert die Zusammenarbeit zwischen Göring und dem Parteiideologen Alfred Rosenberg, der mit dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg für die Beschlagnahmungen zuständig war, und beschreibt die Strukturen und Akteure, von Baron Kurt von Behr bis zum SS-Mann Bruno Lohse, die unter dem Dach des Jeu de Paume für eine reibungslose Abwicklung sorgten. Dass sie immer wieder Passagen einstreut, die an einen Abenteuerroman erinnern, macht die zwischen Fakten, Spannungsbögen und unterkomplexen Charakteranalysen von Hitler oder Göring schwankende Lektüre etwas mühsam.

Und auch der sich in die Innenperspektive der Protagonistin versenkende Sprachstil lässt die Grenze zwischen der Rede der Autorin und derjenigen Vallands mitunter verschwimmen. Trotzdem erfährt man Aufschlussreiches über die Funktionsweise des Kunstmarktes während der Besatzung und die Rolle der französischen Händler, die von der Jagd nach italienischen Renaissance-Gemälden oder flämischen Klassikern aus dem siebzehnten Jahrhundert profitierten.

Eine robuste, sorgfältige und bedächtige Wissenschaftlerin

Gegen Ende ihrer Maskerade geriet Valland doch noch in Bedrängnis. Man bezichtigte sie des Diebstahls, und sie wurde von der Gestapo verhört. Mit den Alliierten kamen dann die Monuments Men ins Spiel, also jene Offiziere der amerikanischen Armee, die sich für den Schutz von Kulturgütern und die Rettung von Raubkunst einsetzten. Leutnant James J. Rorimer, Kurator des Metropolitan Museum, ahnte zunächst nicht, wie viel Valland wusste. Er gewann ihr Vertrauen und erhielt ihre „Schatzkarte“, die nicht nur das Bombardieren der Sammelstellen verhinderte.

Dank ihrer Notizen verfügte er über den Standort der Depots, aber auch über Namen und Fotos aller beteiligten Nationalsozialisten. Als Generalsekretärin der Artistic Recovery Commission war Valland in Zusammenarbeit mit Rorimer, aber auch mit deutschen Kunsthistorikern, auf der Suche nach Verstecken in Lagern, Minen und Schlössern in Deutschland. Sie nahm an den Nürnberger Prozessen teil und bestand darauf, dass bei den Anklagen auch die Enteignung berücksichtigt wurde.

Von den 60.000 Kunstwerken, an deren Bergung sie beteiligt war, wurden 45.000 restituiert. Es fehlen immer noch mindestens 100.000 Objekte aus der Zeit der Besatzung. Über mangelnde Anerkennung konnte sich die Trägerin des Ordre des Arts et des Lettres, des Bundesverdienstkreuzes und der amerikanischen Medal of Freedom nicht beklagen. Rorimer schrieb über sie: „Mlle Rose Valland ist die einzige Person, die es uns vor allen anderen ermöglichte, die offiziellen Nazi-Kunstplünderer aufzuspüren. Sie war eine robuste, sorgfältige und bedächtige Wissenschaftlerin.“ Als solche gab sie im Buch „Le Front de l’Art“ ihre Sicht auf die Enteignungen zu Protokoll und zog sich aus dem Rampenlicht zurück.

Dass ihr Buch 1964 für den Film „Der Zug“ von John Frankenheimer adaptiert wurde, bescherte ihr eine kurze Welle der Aufmerksamkeit. Und doch dauerte es noch sechzig Jahre, bis 2005 im Jeu de Paume eine Gedenktafel zu ihren Ehren enthüllt wurde. 2014 spielte Cate Blanchett ihre Rolle in George Clooneys „Monuments Men“, die der „héroïne de l’ombre“, wie sie die Franzosen nach dem Krieg ehrfurchtsvoll nannten, nur um sie schnellstens wieder zu vergessen. Wesentlich neue Aufschlüsse bietet dieser eine breite Leserschaft anvisierende Lebensbericht zwar nicht. Wer aber eine fesselnde Hommage zu schätzen weiß, dem sei Lesieurs Buch empfohlen.

Jennifer Lesieur: „Rose Valland und die Liebe zur Kunst“. Die Frau, die 60.000 Kunstwerke rettete. Aus dem Französischen von Thomas Stauder. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2024. 208 S., Abb., geb., 25,– €.

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