Rising anti-Semitism: Jews are retreating | EUROtoday

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Da sind die gelben Ballons, die zwischen den blauen und weißen an ihren Schnüren im Wind zerren. Sie stehen für die Geiseln, die knapp 100 Menschen, die die Hamas noch immer gefangen hält. Kein jüdisches Fest, egal wie fröhlich, kommt seit dem 7. Oktober ohne einen Gedanken an sie aus. Und da ist der Ort der Feier: der Innenhof der Jüdischen Gemeinde, hinter einem hohen Zaun und abgeschirmt von Mauern. Nur wer die Sicherheitskontrolle passiert, kann ihn betreten. Im vergangenen Jahr fand das Fest noch im Zoo-Gesellschaftshaus statt, einem repräsentativen Gebäude in der Innenstadt.

Rabbiner Julien Chaim Soussan feiert mit leuchtender Davissternbrille im Festsaal des Gemeindezentrums.
Rabbi Julien Chaim Soussan celebrates with shining Davis star glasses within the banquet corridor of the group heart.Frank Röth

Auch in Hannover hat die Jüdische Gemeinde in diesem Jahr lieber im eigenen Haus gefeiert als im Alten Rathaus wie noch im Jahr zuvor. Rebecca Seidler ist Vorsitzende des niedersächsischen Landesverbands der jüdischen Gemeinden. Am Telefon erzählt sie: „Die Feiern sind nicht so wie in den Vorjahren. Die Bedrohung ist real und die Unsicherheit groß.“ Im April wurde die Synagoge in Oldenburg mit einem Brandsatz angegriffen. Ein Angriff von vielen, denen sich Juden in Deutschland seit dem 7. Oktober ausgesetzt sehen. Das Bundeskriminalamt hat am Dienstag Zahlen zu politisch motivierten Straftaten vorgelegt: 1927 antisemitische Taten wurden im vergangenen Jahr verzeichnet, fast alle geschahen nach dem 7. Oktober.

„Am Limit des Aushaltbaren“

Nicht alle sind so physisch wie der Angriff in Oldenburg: Juden in Berlin haben Hakenkreuze an ihren Haustüren gefunden; ein Frankfurter Gastronom bekommt seit dem 7. Oktober nur noch beleidigende Google-Bewertungen für sein zuvor viel gelobtes israelisches Restaurant; Gedenkstätten werden beschmiert – just am israelischen Unabhängigkeitstag etwa ein Denkmal zur Erinnerung an die Deportation von Juden in Berlin-Moabit. „Gefühlt kommt von Woche zu Woche etwas Neues hinzu. Viele sind am Limit des Aushaltbaren“, sagt Seidler. Sie kennt jüdische Studenten, die jetzt schon ihr zweites Urlaubssemester beantragen, weil sie sich auf dem Campus zwischen Protestcamps und besetzten Hörsälen nicht sicher fühlen.

Seitdem erlebt die Welt die schlimmste Antisemitismus-Welle seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Tel Aviv, die Daten aus verschiedenen Meldestellen zusammengeführt hat. In Deutschland zählten die Forscher 2023 mehr als 3600 Vorfälle. Im Vorjahr waren es etwas mehr als 2600 gewesen. Diesen Anstieg spüren Juden ganz persönlich. Und er macht etwas mit ihnen.

Viele haben das Bedürfnis, sich darüber auszutauschen – an Orten, an denen sie unter sich sind, an denen ihren Sorgen vor antisemitischen Sprüchen oder Übergriffen nicht mit einem „Ja, aber …“ begegnet wird. Und so ziehen sich viele Jüdinnen und Juden in geschützte Räume zurück. In Frankfurt treffen sich seit einigen Monaten Angehörige der dritten Generation Schoa-Überlebender, um über ihre Ängste zu sprechen.

Das Trauma der Eltern geerbt

Einen Treffpunkt für Holocaustüberlebende und für deren Kinder, die sogenannte zweite Generation, gab es in Trägerschaft der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland schon vor dem 7. Oktober. Nach diesem Tag aber erreichten die Gemeinde viele Mails und Anrufe von Angehörigen der dritten Generation, den Enkeln der Überlebenden: Menschen, die mit Eltern aufgewachsen sind, die das Trauma ihrer Eltern geerbt hatten und nun teils pflegebedürftig sind. Menschen, die mitten im Berufsleben stehen und oft Kinder großziehen, um die sie sich in Zeiten des wachsenden Antisemitismus noch mehr sorgen als ohnehin schon.

Darum geht es auch an einem Dienstagvormittag vor einigen Wochen. Zehn Frauen zwischen 30 und Mitte 50 sitzen um einen Tisch herum. Sarah, eine Richterin Anfang 40, die eigentlich anders heißt, erzählt: Als die Hamas eine Woche nach dem 7. Oktober ihren „Tag des Zorns“ ausrief und dazu aufforderte, Juden weltweit anzugreifen, brachte sie ihren Sohn trotzdem in die jüdische Schule. Als er nachmittags nach Hause kam, sagte er zu ihr: „Mama, die Hälfte der Klasse war nicht da, weil jemand einen Anschlag auf uns machen will.“ Vorher habe mal jemand auf dem Bolzplatz ihn und seine Freunde gefragt, ob sie Juden seien, und dann den Hitlergruß gezeigt.

Seit dem „Tag des Zorns“ vermische ihr Sohn nachts unbewusst diese Erfahrungen. Immer wieder träume er, dass die Jungen vom Bolzplatz kommen und alle in der Schule erschießen, erzählt Sarah. Ihr sei klar geworden: „Jetzt geht diese Angst auch auf die vierte Generation über. Das bleibt nicht bei uns. Das wird weitergegeben.“ Ihre nichtjüdischen Freundinnen hätten zwar Verständnis für ihre Sorgen. Aber für sie selbst gehe der Alltag eben auch weiter wie zuvor. „Dann werde ich mal fünf Minuten sehr mitleidig angeguckt, und dann ist es wieder vorbei“, sagt Sarah. Das entferne sie emotional von ihnen, wodurch sie sich einsam fühle.

Die Kinder übernehmen das Verhalten

Manchmal geben sich die Frauen in der Runde bewusst nicht als Jüdinnen zu erkennen – Sarah etwa trägt ihre Kette mit Davidstern nicht mehr. Sie machen das zum Selbstschutz, aber es verstärkt das Gefühl von Einsamkeit und Isolation noch. Eine in Israel geborene Frau mit schwarzen Locken und starkem Akzent erzählt, sie sage manchmal, sie komme aus Griechenland, um Anfeindungen zu entgehen. Ihre Kinder hätten dieses Verhalten schon übernommen. Neulich habe sich ihre Tochter beim Trampolinspringen den Arm gebrochen. Der Pfleger, der ihr im Krankenhaus den Gips anbrachte, habe sie gefragt, auf welche Schule sie gehe. „Sie ist erst zehn und hat geweint vor Schmerzen. Und trotzdem hat sie in diesem Moment gelogen und ein nichtjüdisches Gymnasium genannt.“

So wird jüdisches Leben in Deutschland weniger sichtbar. Auf dem Fest der Jüdischen Gemeinde erzählt eine Mutter, sie lebe in ständiger Angst um ihre Kinder. Wenn ihre Töchter ihre T-Shirts mit he­bräischen Schriftzeichen anziehen wollten, seien diese auf wundersame Weise immer im Korb für schmutzige Wäsche und könnten deshalb nicht getragen werden.

Benjamin Graumann aus dem Vorstand der Gemeinde auf der Feier im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum
Benjamin Graumann from the group board on the celebration within the Ignatz Bubis group heartFrank Röth

Nicht immer sind Unsichtbarkeit und Rückzug eine Entscheidung der Betroffenen. Für Benjamin Graumann aus dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt war eine Episode um die Vorpremiere des Kinofilms „Golda“ besonders schmerzhaft. Das Biopic über die frühere israelische Ministerpräsidentin Golda Meir sollte in einem Frankfurter Arthousekino laufen. Doch der Kinobetreiber sagte die Vorstellung plötzlich ab – wegen Sicherheitsbedenken. Graumann, der einige Tage vor dem Fest in seiner Anwaltskanzlei davon erzählt, glaubt nicht, dass es dem Kino wirklich um Sicherheit ging. Er empfindet die Absage als Verdrängung aus dem öffentlichen Raum. Doch die jüdische Gemeinschaft wolle sich nicht einschüchtern und an den Rand schieben lassen. „Wir wollen nicht hinter Panzerglas sitzen.“ Doch immer mehr Mitglieder hätten das Gefühl, dass sie das müssten.

Graumann ist aufgebracht. Auf seinem Smartphone zeigt er eine App namens „No Thanks“; Nummer vier bei den Downloads von Dienstprogrammen im deutschen App-Store an diesem Tag. Die App scannt Strichcodes von Produkten im Supermarkt und teilt mit, ob der Hersteller „Israel unterstützt“ – in dem Fall leuchtet eine rote Warnung auf. „Das ist nichts anderes als die moderne Version von ,Kauft nicht bei Juden!‘“, sagt Graumann. „Das sind die Momente, wo alte Traumata getriggert werden.“

Eine posttraumatische Belastungsstörung?

Traumata: ein großes Wort, das in Gesprächen zwischen Menschen jüdischen Glaubens zuletzt oft vorkommt. Beim Treffen der dritten Generation sagt eine Frau mit Dutt und weißer Bluse: „Ich dachte immer: Ich muss meine Eltern auffangen und meine Großeltern sowieso.“ Die habe sie als traumatisiert wahrgenommen, sich selbst nicht. Doch seit dem 7. Oktober schlafe sie schlecht, sei schreckhaft. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so neben mir stehen würde, dass ich Symptome habe, die einer posttraumatischen Belastungsstörung gleichkommen.“ So sei es nicht nur ihr ergangen: Am 7. Oktober, davon ist die Frau überzeugt, sei die dritte Generation von dem Gefühl überrascht worden, auch selbst noch traumatisiert zu sein.

Sarah würde von sich selbst nicht sagen, dass sie traumatisiert ist. Aber manche Dinge seien bei ihr schon immer anders gewesen als bei ihren nichtjüdischen Freundinnen, erzählt sie nach dem Treffen. Sie erinnert sich zum Beispiel noch gut daran, dass ihr Großvater, der als einziges von vier Geschwisterkindern den Holocaust überlebt hatte, sie immer ganz fest an der Hand hielt, wenn sie zusammen unterwegs waren. Und dass er sie zu Begrüßung und Abschied immer so fest umarmte, dass sie sich erdrückt fühlte. „Jeder Abschied war ein Drama. Damals habe ich das nicht verstanden“, sagt Sarah. „Heute kann ich es einordnen.“

Der Psychoanalytiker Kurt Grünberg kennt solche Schilderungen. Am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt arbeitet er seit vielen Jahren mit Schoa-Überlebenden. Grünberg befasst sich vor allem mit Verhaltensweisen, die er „szenisches Erinnern der Schoa“ nennt. Damit ist gemeint, dass Überlebende zwar oft nicht mit Worten über das sprechen, was sie erlebt haben, es in ihrem Verhalten und in ihrer Beziehungsgestaltung aber trotzdem ständig zum Ausdruck bringen – so wie Sarahs Großvater.

Am Telefon erzählt Grünberg, dass er früher selbst geglaubt habe, die Söhne und Töchter Schoa-Überlebender seien in ihrer Lebensführung noch massiv beeinträchtigt – „dass sich dies in der nachfolgenden Generation jedoch ausschleichen würde“. Mittlerweile habe sich seine Haltung dazu grundlegend verändert. „Es gibt eine transgenerationale Traumatradierung über mehrere Generationen“, sagt er. „Es hat nicht mit der zweiten Generation aufgehört.“ Das zeige sich zum Beispiel daran, dass es Nachkommen von Schoa-Überlebenden schwerer als anderen falle, sich vom Elternhaus zu emanzipieren. Die Loslösung von den Eltern, die zum Erwachsenwerden dazugehört, fühle sich für sie mitunter wie Verrat an, weil sich Söhne und Töchter so gebraucht fühlten von ihren traumatisierten Eltern.

Nun würden all diese Dynamiken noch verstärkt. Denn am 7. Oktober sei etwas Wesentliches geschehen. Davor hätten die Nachfahren Holocaustüberlebender in dem Bewusstsein gelebt, dass sich das kollektive jüdische Trauma vor ihrer Geburt ereignet habe. Jetzt sei das anders. „Es ist jetzt nicht mehr ,nur‘ die Vergangenheit der Eltern oder Großeltern“, sagt Grünberg. „Sondern die Menschen haben das Gefühl: Jetzt erleben wir selbst, in der eigenen Gegenwart – wenn auch mit örtlichem Abstand –, wie ein genozidales Massaker an Juden vollzogen wird.“

Das ist auch bei dem Treffen der dritten Generation in Frankfurt Thema. Nach anderthalb Stunden wird eine Frau, die gerade spricht, von einer Stimme vor der Tür unterbrochen: „Die Post ist da“, ruft ein Mann. „Der Alltag geht weiter, hey!“, sagt die Frau sarkastisch. Das ist das Stichwort: Die Psychologin, die die Gruppe leitet, steht auf und bedankt sich bei den Teilnehmerinnen. In sechs Wochen wollen sie sich wieder hier treffen: in einem Raum, der von außen nicht als jüdisch zu erkennen ist. Um darüber zu sprechen, wie es sich seit dem 7. Oktober anfühlt, als Juden und Enkel von Schoa-Überlebenden in Deutschland zu leben.

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/steigender-antisemitismus-juden-ziehen-sich-zurueck-19733512.html