“Secret diplomat” Chancellor by Claus Räfle on ARD | EUROtoday

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Helmut Kohl war bester Dinge, als er am 27. Mai 1988 in die DDR einreiste. Es war sein Gegenbesuch im Osten Deutschlands, nach der offiziellen Visite Erich Honeckers in Bonn im Jahr zuvor. Die hatte der Staatsratsvorsitzende als großen Coup empfunden; mit militärischen Ehren empfangen, dünkte er sich auf dem diplomatischen Parkett ganz vorn, auf Augenhöhe.

Dem sollte der Besuch des Bundeskanzlers entsprechen. Doch daraus wurde nichts, weil Kohl anderes vorhatte. Er reiste gewissermaßen inkognito, die Presse durfte nichts von seinem Ausflug wissen, und von der Staatssicherheit wollte er auch nicht „belagert“ werden. So brach er am 27. Mai für drei Tage in die DDR auf, mit seiner Frau Hannelore, seinem jüngeren Sohn Peter, dem Sprecher Friedhelm Ost und seinem Berater Wolfgang Bergsdorf.

Kohl tat nichts, womit die Stasi gerechnet hätte

Es sollte ein „Husarenstreich“ werden, drei Tage, „die der Stasi ihre Ohnmacht“ aufzeigten, heißt es in der Dokumentation „Geheimdiplomat Bundeskanzler“ von Claus Räfle, die die ARD heute Abend zeigt. Mit den wenigen Bildern, die es von der zeitgeschichtlich kaum bekannten Reise gibt, einem Blick in die Protokolle der Stasi und Gesprächen mit Mitreisenden vollzieht Räfle den Trip nach, an den sich die Gesprächspartner amüsiert erinnern.

Denn Kohl tat nichts, womit die Stasi gerechnet hätte. Bekannt war vorab nur, dass er nach Gotha, Erfurt, Weimar und Dresden wollte. Vom 27. auf den 28. Mai Übernachtung im Hotel Elephant in Weimar, tags darauf im Bellevue in Dresden, notierte die Stasi und stellte überall, wo mit Kohls Erscheinen zu rechnen war, ihre Leute auf. Vor Schloss Friedenstein in Gotha, vor dem Goethehaus in Weimar, vor Goethes Gartenhaus, im Park an der Ilm und an der Fürstengruft, in Schloss Moritzburg, Schloss Pillnitz, im Zwinger in Dresden – überall lungerten Stasikader herum, getarnt als Touristen, Mitarbeiter oder Jogger im Park.

Kohl lasse „jegliches kulturelles Interesse vermissen“

Nur Kohl, der tauchte nicht auf. Stattdessen fuhr er in die Städte, ging durch die Fußgängerzone, auf den Markt, stellte sich an der Schlange vor einer Eisdiele an. Er lasse „jegliches kulturelles Interesse vermissen“, heißt es pikiert im Bericht der Stasiagenten, die nach oben meldeten, Kohls Reise sei eine einzige Pleite, er müsse sich den Menschen geradezu aufdrängen. Genau das wollten Stasiminister Erich Mielke und Erich Honecker hören. Das Dumme ist nur: Nichts davon stimmte.

Der Bundeskanzler fuhr los, und niemand wusste, was da käme. Nicht Eckhard Seeber, sein Fahrer, und auch nicht Honeckers Leibwächter Bernd Brückner, den der Staatsrats- und Zentralkomiteechef zu Kohls Sicherheit abgestellt hatte. Was der Bundeskanzler im Schilde führte, davon erzählen Friedhelm Ost und der im Januar im Alter von 82 Jahren verstorbene Wolfgang Bergsdorf mit spitzbübischer Begeisterung. Es ging Kohl um einen Stimmungstest, er wollte „Sensibilitäten erspüren“, sagt Ost. So sprang Kohl auf der Zwischenstation in Erfurt aus dem Wagen, marschierte zum Dom und danach ins Priesterseminar, um mit den Seminaristen zu sprechen. Dieses Gespräch, erinnert sich Bernhard Dietrich, Leiter des Priesterseminars, sei, wie sich im Nachhinein herausgestellt habe, intern geblieben. Die Stasi hatte nichts zu berichten, aber sie würde, wie Kohl den angehenden Priestern sagte, tags darauf viel Arbeit haben. Denn da wollte er sich das Fußballspiel Dresden gegen Jena ansehen.

Wer gewinnt die EM? Deutschland!

Da wurde es dann noch doller: Kohl auf der Tribüne suchte das Gespräch mit jedermann und fand es. Einen Moment lang hätten sich die Leute schon gefragt, „ist das jetzt real?“, sagt Bernd Brückner. Es habe selbstverständlich immer ein paar Augenblicke gedauert, „bis der Groschen fiel“, meint Friedhelm Ost. Doch dann bekam Kohl zu hören, was vor ihm hätte verborgen werden sollen: dass es im Osten Deutschlands ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl gab, sagt der Historiker und Journalist Jan Schönfelder. Auf die Frage, wer bei der Fußball-Europameisterschaft im Juni (1988) den Titel holen werde, lautete die Antwort nicht „Bundesrepublik“, sondern – „Deutschland“.

Am Ende der Reise, beim Besuch von Wagners „Tannhäuser“ in der Dresdner Oper, gelingt es der damaligen DDR-Bürgerin Gertraud Hellinger in der Pause, Hannelore Kohl einen Brief zuzustecken, der von ihren bis dato vergeblichen Versuchen, in die Bundesrepublik auszureisen, kündete. 40 bis 50 Briefe habe man während der Reise gesammelt, erinnert sich Kohls Fahrer „Ecki“ Seeber. Familie Hellinger konnte im Herbst 1988 ausreisen, so wie rund 200 andere Menschen auch.

Das alles schildert der Filmemacher Claus Räfle, der ein Faible für zeithistorische Entdeckungen hat. Letztes Jahr lief von ihm „Adolf Kanter – Der Spion, der zu viel wusste“, eine Recherche über einen DDR-Agenten, der von den Tagen der Gründung der Bundesrepublik an bis 1989 wirkte, die CDU aushorchte, in der Flick-Parteispendenaffäre eine wichtige Rolle spielte und – wäre er aufgeflogen – zu Helmut Kohls Rücktritt als Bundeskanzler hätte führen müssen, wie Otto Schily in Räfles Film meint. Den kann man in der ARD-Mediathek anschauen, ebenso wie „Geheimdiplomat Bundeskanzler“. Beides lohnt sich sehr.

Geheimdiplomat Bundeskanzler, heute um 23.35 Uhr im Ersten.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/geheimdiplomat-bundeskanzler-von-claus-raefle-in-der-ard-19745303.html