Van Gogh's Starry Night, created in Arles, returns for 3 months | EUROtoday

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Es ist ein Ereignis: Vincent van Goghs „Sternennacht“ von 1888 kehrt an ihren Entstehungsort zurück, erstmals überhaupt. Der Fondation Vincent van Gogh Arles ist es gelungen, das Kleinod des Pariser Musée d’Orsay für zwölf Wochen als Leihgabe zu erhalten. Rund um das Nachtstück komponiert Gastkurator Jean de Loisy eine beziehungs- und kenntnisreiche Ausstellung, die von der Urfinsternis ins sternenfunkelnde Weltall führt.

Wo Licht ist, ist auch Finsternis

Die erste Sektion, „Finsternis“, versammelt so um einen bronzen kompakten Nachtmahr des Bildhauers Antoine Bourdelle Zeichnungen und Gemälde von Victor Hugo, Odilon Redon, Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, Victor Brauner und Yves Klein, die Himmelskörper im dunklen Äther zeigen. Ungleich freundlicher leuchten im zweiten Kapitel die Evokationen des Firmaments durch van Gogh selbst (ein in schwarzen Kreide- und braunen Tintenstrichen vibrierender Sonnenaufgang), durch die von ihm geschätzten Vorbilder Corot, Millet und Monticelli sowie durch Nachgeborene wie Daniel Tremblay (ein gelbgoldene Sternchen an die Himmelskuppel abschlagender „In-die-Luft-Pinkler“).

Der Abschnitt „Kosmos“ vereint um den Clou der Schau, die „Sternennacht“ von 1888, staunenswerte Pastelle des Malers und Himmelsforschers Étienne Léopold Trouvelot (1827–1895), kosmisch-ontogenetische Bilder von Kupka und Arbeiten von Klee, Malewitsch und der Installationskünstlerin Alicja Kwade, die das quasi musikalische Gleichgewicht der Himmelskörper versinnbildlichen.

Nachtstücke mit künstlicher Beleuchtung

Nach einem Kabinett, das der zentralen Figur des „Apostels der Astronomie“ Camille Flammarion (1842–1925) sowie Geistesverwandten gewidmet ist, beleuchtet die Sektion „Lichter in der Stadt“ eine andere Facette der „Sternennacht“: die essenzielle, aber gern übersehene Rolle, die darin die 1888 frisch installierten Arleser Straßenlaternen spielen. Jean de Loisy versammelt hier Nachtstücke mit künstlicher Beleuchtung von Carlo Carrà, Georgia O’Keefe, Helen Frankenthaler und van Gogh selbst („Abendstunde nach Millet“). Das Kapitel „Spiralen“ reiht um Galaxien-Skizzen des Amateurastronomen Lord Rosse (1800–1867) wirbelige Werke von Lucio Fontana, Anselm Kiefer sowie einen wunderbaren „weißen“ Ma­lewitsch. Der Schlussabschnitt endlich lässt die Seele durch kosmische Landschaften von Gustave Doré, Akseli Gallen-Kallela, Bruno Taut und Thomas Houseago fliegen.

„Van Gogh et les étoiles“ ist eine Ausstellung, die Epochen und Medien übergreift. Derlei Schauen sind auch in Frankreich seit geraumer Zeit beliebt; allzu häufig zeitigt Assoziationswut darin sterile Beliebigkeit. Zu den wenigen Kuratorinnen und Kuratoren, denen konsistent erhellende wie erhebende „transversale“ Ausstellungen gelingen, zählen der Präsident des Centre Pompidou, Laurent Le Bon, der freie Ausstellungsmacher Jean de Loisy – und Bice Curiger. Die fünfundsiebzigjährige gebürtige Züricherin, Mitgründerin der legendären Kunstzeitschrift „Parkett“, jahrzehntelange Kuratorin am Kunsthaus Zürich und Direktorin der 54. Biennale von Venedig im Jahr 2011, leitet seit der Eröffnung im April 2014 die Fondation Vincent van Gogh Arles. Sie hat dem Haus ein ureigenes Profil verliehen.

Keines der Gemälde van Goghs ist noch in Arles

Hervorgegangen ist die Fondation aus einem Verein, den Yolande Clergue, die Gattin des Fotografen und Mitgründers der Rencontres de la photographie d’Arles Lucien Clergue, 1983 ins Leben gerufen hatte. 2010 erhielt der Verein dank des (nicht zuletzt finanziellen) Einsatzes von Luc Hoffmann den Status einer gemeinnützigen Stiftung – und bald darauf als Unterkunft ein mit allen modernen musealen Annehmlichkeiten versehenes ehemaliges Hôtel particulier. Nach dem Tod des Wahlarlenser Vogelkundlers, Umweltschützers und Roche-Erben traten drei seiner Kinder in seine Fußstapfen als Hauptfinanzierer der Stiftung; Maja Hoffmann amtiert seit 2014 zudem als Präsidentin des Verwaltungsrats.

Da sich keine der knapp 200 Malereien und über 100 Zeichnungen, die der seinerzeit ungeliebte Holländer während seines fünfzehnmonatigen Aufenthalts in Arles 1888/89 schuf, noch vor Ort befindet, macht die Stiftung aus der Not eine Tugend: Sie lässt in zwei bis vier jährlichen Wechselausstellungen je zwischen einer Leihgabe und deren 31 (Gemälde) oder sogar 50 (Zeichnungen) in Resonanz treten mit Arbeiten von fremder, oft zeitgenössischer Hand.

Meterhohe Feenzauber in vier Sälen

Drei repräsentative Beispiele: Mitte 2016 widmete Curiger parallel zu einer durch den Spezialisten Sjraar van Heugten kuratierten Schau über van Gogh und die Provence dem 1966 geborenen Briten Glenn Brown eine Retro­spektive in rund dreißig Werken. Sieben davon wiesen einen Bezug zum Namengeber der Fondation auf, vom direkten Zitat eines in Öl gemalten Venus-Torsos über eine aus dem Tableau gelöste, umgefärbte und auf den Kopf gestellte Mademoiselle Gachet bis zur Applizierung der Farben des berühmtesten der drei Porträts von Armand Roulin auf eine Metallbüste: Schmutziggelb, Türkisgrau, Haselnussbraun und Ochsenblutrot.

2018 vereinte die Stiftungsleiterin unter dem Titel „Heiße Sonne, späte Sonne“ zehn „ungezähmte Moderne“, von Monticelli und van Gogh über Giorgio de Chirico, Alexander Calder, Germaine Richier und den späten Picasso bis zu Joan Mitchell, Etel Adnan, Sigmar Polke und dem Jazzer im Sonnenpriestergewand Sun Ra – eine gewagte, glühende Mischung. Magisch endlich die Schau von 2021, für welche Laura Owens sieben späte Tableaus van Goghs auf Wandkompositionen bettete, für die der Begriff „Tapete“ beleidigend wäre: Meterhohe, vier große Säle auskleidende Feenzauber, deren Farben und Formen aus den Gemälden hervorgingen, durch diese aber zugleich verdichtet wurden, als wären „Feld mit Pflüger und Mühle“ oder „Bäume im Garten des Hospitals Saint-Paul“ Knotenpunkte im Gewebe eines weltumspannenden Wundergewirks.

Diese Art von Verrückung und Verzückung des Betrachterblicks gelingt in Frankreich kaum einer anderen Institution. Umso mehr steht zu bedauern, dass Curiger die künstlerische Leitung der Stiftung wohl Ende 2025 abgeben wird, wie sie im Gespräch verrät. Bis dahin wird sie im Oktober noch eine Ausstellung mit dem Titel „Der hohe gelbe Ton“ präsentieren – ein Zitat aus einem Arleser Brief van Goghs, der bekanntlich besagter Farbe Wirkungen abgewann wie kaum ein Zweiter.

Im Sommer 2025 möchte Curiger dann eine Sigmar-Polke-Schau, die sie diesen Herbst im Berliner Schinkel-Pavillon kuratiert, für die Fondation adaptieren. Und vielleicht wird ihr zum Abschied ja noch ein Traum erfüllt: Den sonnenblumenfarbenen „Indoor Van Gogh Altar“, den Thomas Hirschhorn seinerzeit für die Eröffnungsausstellung geschaffen hatte, dauerhaft in Arles installiert zu sehen.

Van Gogh und die Sterne. Fondation Vincent van Gogh, Arles; bis 8. September. Kein Katalog.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-in-arles-entstandene-sternennacht-van-goghs-kehrt-fuer-drei-monate-zurueck-19769128.html