Theatre premiere of Madame Nielsen in Munich | EUROtoday

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Ein Musical, in dem Bill Gates, Elon Musk und Mark Zuckerberg zum Mars fahren? Zugegeben: Das klingt nach politischem Kabarett, nach Verlachtheater. Man ahnt bereits, worauf die Komik zielen wird; auf das Erkennen von Prominenz, gepaart mit höhnischer Verachtung der Mächtigen, denen nichts zu glauben und niemals zu trauen ist. Und deren Ideen unser Leben trotzdem tagtäglich mit unser aller Zustimmung beeinflussen. Im Zeitalter des informationellen Kapitalismus, der all seine Gegner konsequent umarmt, hängt an der überschaubaren Zahl seiner Exponenten unser ganzer Selbsthass, dessen bürgerliche Form der Spott ist.

Userfreundliches Betriebssystem

Tatsächlich ist „Very Rich Angels“, von Madame Nielsen erdacht und von Christian Lollike an den Münchner Kammerspielen inszeniert, nicht frei von Verspottung. Dafür sorgen schon die überdimensionierten Köpfe, mit denen die drei Herrschaften einer nach dem anderen die Bar betreten, vom Kellner – den Nielsen selbst gibt – begrüßt, bewirtet und nach ihrem „tiefsten Wunsch“ befragt. Und natürlich lautet die Antwort auf diese Frage im einen wie im anderen Fall: Erlösung. Erlösung der Humanität.

Lächerlich nimmt sich das zunächst aus, zumindest immer dann, wenn es konkret wird. Wenn Bill Gates, gespielt von Christian Löber, an die von ihm vollbrachte Befreiung des Menschen durch ein „userfriendly Betriebssystem“ erinnert und – als nächstes Großprojekt – das Ende allen Elends durch eine von ihm ersonnene „smart toilet“ kommen sieht, dann ist das leicht zu übersetzen: Als Geschäftsidee verwandelt sich Al­truismus immer in Kloake.

Reiche Engel

So simpel funktioniert dieses Stück gleichwohl nicht, und das liegt daran, dass es die Projektionen, die auf den Großkopferten liegen, ernst nimmt. Dass Musk & Co. an ihre messianische Bedeutung glauben – geschenkt. Ihre Allpräsenz jedoch, die Überhöhung der libertären Sozialingenieure zu „reichen Engeln“, ist nicht Ursache, sondern Symptom zivilisatorischer Krisis. Im Angesicht nahender planetarischer Kata­strophen offenbart sich der Zustand der Menschheit am Restniveau ihrer eschatologischen Phantasie. Geblieben sind ihr Technik, Machbarkeit, das Unternehmertum als Martyrium.

„Christ is in technology“, wie Nielsens Mark Zuckerberg vom Kreuz herab verkündet. Man kann das albern finden, und die gewählte Form der durchaus schmissigen Nummernrevue trägt nicht wenig dazu bei, dass man das Ganze schnell als Klamauk missversteht. Indessen besteht die Strategie der Produktionsgemeinschaft Nielsen/Lollike nicht erst seit Kurzem darin, die Genres, derer sie sich bedient, zu vergiften. Und so ist es auch „Very Rich Angels“ nicht um eine lustvoll-moralische Selbstvergewisserung des Publikums zu tun, um die Vorführung dreier narzisstischer Spinner mit ökonomischem Talent. Vielmehr verhandelt das Stück die Verabsolutierung von persönlicher Freiheit, der sich diese Gestalten verdanken und in welcher das Publikum sich mit ihnen zusammenschließt. Ihr „wahres Gesicht“, das nach dem Ablegen der Monumentalmasken zum Vorschein kommt, trägt nämlich keinesfalls dämonische, sondern allenfalls naive Züge.

Die Menschheit als „multiplanetarische Gattung“

Selbst dem von Annette Paulmann verkörperten Elon Musk attestiert das Stück die zwar überdreht ausgelebte, aber doch lautere Überzeugung, das Gute für alle zu wollen, denn Musk träumt von der Menschheit als einer „multiplanetarischen Gattung“, deren nächster Schritt auf den Mars führen soll. „Very Rich Angels“ macht diesen Traum nicht verächtlich: Ganz in Strindbergs Tradition fordert das Stück uns auf, in den Traum der interstellaren Entrepreneure einzutreten, um überhaupt wieder aus ihm hinausgelangen zu können.

Dabei ist es der diesem Traum inhärente Glaube an eine über- und außerirdische Selbstverwirklichung der Menschen qua Plattform und Avatar, der unweigerlich seine Nemesis auf den Plan rufen muss. Das Zwiegespräch zwischen den drei Marspionieren und Wladimir Putin (gespielt von Jelena Kuljić) bildet fraglos das analytische Zentrum der Inszenierung. Geschmeidig und mit großer Plausibilität weiß sich der russische Staatschef in die Space-X- und Metaverse-Visionen einzuschreiben. Er empfiehlt sich als aus dem Traum geborener „Missing Link“, als „wahrer Sowjetmensch“, der dem virtuellen Kollektivismus der Techno-Oligarchen einen echten, auf Erfahrung gründenden Kollektivismus zur Seite stellen könnte. Eine gefährliche Gleichung steht im Raum: utopische Gemeinschaft gleich utopische Gemeinschaft, alle meinen es durchaus ernst damit.

Geeint sind sie in der Schimäre der Selbstüberwindung: hier eine entgrenzte Liberalität, die unentwegt so agiert, als bestehe ihr höchstes Ziel in der Abschaffung der Ungleichheit, der sie sich selbst verdankt; dort ein imperialer Antiliberalismus, der sich als Befreier der von ihm unterworfenen Völker inszeniert. Es bräuchte nicht viel, und sie fänden zusammen. Gerne käme Putin mit auf den Roten Planeten, er würde dafür sogar aus der Ukraine abziehen. Ob der offenkundigen Wahlverwandtschaft entsetzt, greift Zuckerberg schließlich zum groben Geschütz: Der Autokrat solle geloben, auf dem Mars als „Feminist und Fürsprecher der LGBTQIA2S+-Bewegung unter der Regenbogenfahne zu dienen“ – was dann doch des Guten zu viel ist. Putin überlässt den dreien ihre „Schöne Neue Queere Welt“ und begnügt sich lieber mit der Erdherrschaft.

Körper ohne Skelett

Es ist nur ein kurzer Auftritt. Die Einsicht, die er birgt, ist eine Einsicht, die auch für Madame Nielsens Theaterarbeiten im Allgemeinen gilt: Jede Öffnung gegenüber dem Anderen bedarf der Aufrichtung eines noch größeren Anderen. Es gibt keine Diversität ohne das absolute Böse. Es gibt keine Vielfalt der Formen und Körper ohne das Skelett, den lebenden Toten, den die Figur „Madame Nielsen“ zur Schau stellt.

Diesem absoluten, dem abgründigen Anderen stehen Gates, Musk und Zuckerberg im rot erleuchteten Schlussbild gegenüber. Eben noch im Hochgefühl der Omnipotenz auf dem Mars angelangt, treffen sie auf zwei Indigene. Kegelkopfwesen, die keine Antwort geben, von denen nur ein hoher, flirrender Ton ausgeht; hypersexualisierte Geschöpfe, von ihrer schlauchgewordenen Geschlechtlichkeit umschlungen. Arbeiten werden sie nicht für die neuen Herren, die mit einem Mal – das Filmzitat ist unverkennbar – ihrer aufgeblähten Bäuche gewahr werden. Welches neue Leben sie dem Mars gebären werden, bleibt offen. Nicht wenig aber spricht dafür, dass es seine Väter von der Erde verschlingen wird.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/theaterpremiere-von-madame-nielsen-in-muenchen-19781409.html