Why Jews really feel lonely in Germany | EUROtoday

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Am 12. Juni 1942 schenken Otto Frank und Edith Frank-Holländer ihrer Tochter zum 13. Geburtstag ein Tagebuch. Keinen Monat später tauchen sie unter, in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckt sich die Familie vor den Nationalsozialisten. 761 Tage leben sie weitgehend isoliert von der Außenwelt, die junge Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch gegen die Einsamkeit an.

82 Jahre später verbrennen drei Jugendliche in Aken, Sachsen-Anhalt, eine Ausgabe des Tagebuchs. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf, das Verfahren reiht sich in die antisemitischen Vorfälle ein, deren Zahl seit dem 7. Oktober 2023 sprunghaft angestiegen ist. Lange haben Juden in Deutschland um Sichtbarkeit gerungen. Seit dem Überfall der Hamas jedoch würden sie sich zurückziehen, sagt der jüdische Autor und Publizist Ruben Gerczikow am Montagabend während eines Podiumsgesprächs in der Evangelischen Akademie Frankfurt: „Juden konnten sich in Deutschland nie sicher fühlen.“

Das Gespräch ist Teil einer Programmreihe der Bildungsstätte Anne Frank, die zum Gedenken an Anne Franks 95. Geburtstag eine Woche lang Veranstaltungen in Frankfurt zum jüdischen Leben organisiert. Neben Gerczikow sprechen die Buchautorin und Psychologin Laura Cazés, die Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion, Esti Rubins, und Benjamin Graumann, der im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sitzt.

Wann hat sich das „Ja, aber“ verfestigt?

Im Fokus stehen ihre Perspektiven auf den 7. Oktober und die Zeit danach. Das Gespräch, das Sabena Donath von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden moderiert, steht unter dem Motto „Einsamkeit und Widerhall“; es ist vor allem Einsamkeit, von der berichtet wird. Und die sich den Zuhörern auch deshalb mitteilt, weil die Podiumsgäste nüchtern, fast analytisch von ihr erzählen. Laura Cazés beschreibt es als eine Isolation auf zwei Ebenen: Die innere Einsamkeit, die am 7. Oktober über sie kam, resultiere aus der Rückkehr eines generationsübergreifenden Traumas, dem Schock und dem Versuch, die Berichte und Bilder aus Israel zu verarbeiten. Später sei eine andere Einsamkeit entstanden, eine, die sich im Schweigen der Menschen um sie herum breitmachte und Relativierung und Infragestellung nach sich zog. „Das ,Ja, aber‘ kam sehr früh“, sagt auch Donath.

Wann hat sich in dem Land, das sich dem „Nie wieder“ verschrieben hat, dieses „Ja, aber“ verfestigt? Benjamin Graumann betont, dass die Verharmlosung von Antisemitismus schon lange vor dem 7. Oktober begonnen habe. Unter anderem mit dem stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten, der im vergangenen Herbst erklärte, seit dem Erwachsenenalter kein Antisemit mehr zu sein. Das setze sich fort, so Graumann, mit der Präsidentin der Technischen Universität Berlin, die einen antisemitischen Tweet likt und im Amt bleibt. „Damit wird signalisiert: Es ist nicht so schlimm.“ Rote Linien würden stetig überschritten.

Die Angst unter deutschen Juden steigt

Hinzu kämen staatliche Strukturen, die Juden zu wenig schützten, sagt Gerczikow. Er verweist auf die judenfeindlichen Gruppen Samidoun und Hamas, die in Deutschland erst nach dem Überfall auf Israel verboten wurden. Zudem wirft er den Behörden in Halle vor, kurz vor dem Attentat im Jahr 2019 auf eine Synagoge den angeforderten Objektschutz abgelehnt zu haben. „Wir warten, bis etwas passiert, dann reagieren wir“ – diese Haltung wird beklagt.

Dass sich die Angst unter deutschen Juden seit dem Terroranschlag der Hamas noch einmal erheblich gesteigert hat, beweisen auch alltägliche Erfahrungen. Graumann berichtet von Gemeindemitgliedern, die nach dem 7. Oktober reihenweise darum gebeten hätten, Briefe ohne Stempel zu verschicken. Esti Rubins erzählt von Studenten, die nur noch in Gruppen zur Vorlesung gingen.

Die Zuversicht kommt an diesem Abend erst spät und bleibt zaghaft. „Ich versuche, nicht negativ zu wirken“, sagt Rubins. „Aber gerade weiß ich nicht, ob es eine jüdische Zukunft gibt in Deutschland.“ Beginnen könne die nur, wenn Antisemitismus klar benannt werde und seine Kontinuitäten anerkannt würden, sagt Laura Cazés. Vor allem aber, so verdeutlichen die vier Sprecher an diesem Abend, wünschen sie sich Solidarität, die der Einsamkeit entgegenwirkt. Und eine Empathie ohne Aber.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/warum-sich-juden-in-deutschland-einsam-fuehlen-19781527.html