Kyiv Symphony Orchestra to maneuver to Monheim | EUROtoday

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Nachdem über die höchst komplizierte Situation des Kiewer Symphonieorchesters (KSO) in Gera berichtet wurde, ist an einer Lösung gearbeitet worden, die nun spruchreif zu sein scheint. Ein Glücksfall für die Musikerinnen und Musiker dieses 1979 gegründeten Klangkörpers? De facto befindet sich das Ensemble seit mehr als zwei Jahren auf einer Gastspielreise, angetreten kurz nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – mit dem erklärten Ziel, in Europa als Kulturbotschafter der überfallenen Heimat zu wirken, aber mit offenem Ausgang.

Da an eine Rückkehr nicht zu denken war, fand sich die zunächst glückliche Lösung einer Orchesterresidenz im thüringischen Gera, freilich zunehmend überschattet von fragwürdigen Arbeitsbedingungen und Zukunftsaussichten. Ein Klima der Angst soll geherrscht haben, in anonymen Schreiben wurde dem Orchesterdirektor Oleksandr Zaitsev unlauteres Gebaren vorgeworfen, auf Kritik habe er mit Entlassungsdrohungen reagiert. Für die Männer des Orchesters hätte das schlimmstenfalls den Fronteinsatz bedeutet, dementsprechend machten sich Verängstigung und Duckmäusertum breit. Zwar wurden Zoll und Finanzamt eingeschaltet, um die Anwürfe unredlicher Arbeits- und Vergütungsverhältnisse zu überprüfen, doch seien sämtliche Nachforschungen im Sande verlaufen. Insider vermuten politische Gründe dafür.

Die Berliner Philharmoniker bleiben Patenorchester

Nun scheint Rettung in Sicht. Als Martin Witkowski, der Intendant und Geschäftsführer der Monheimer Kulturwerke GmbH, von den mehr als unappetitlichen Zuständen erfuhr, habe er umgehend nach Wegen gesucht, um die Tournee des KSO zumindest verlängern zu können. Als früherer Orchesterdirektor der Staatskapelle Weimar sei er im Umgang mit existenzieller Bedrohung im Kulturleben durchaus erfahren und wusste nun im Einvernehmen mit Bundestags-Vizepräsidentin Ka­trin Göring-Eckardt, dem Monheimer Bürgermeister Daniel Zimmermann und vielen weiteren Gesprächspartnern auf Landes- und Bundesebene übereingekommen, die ukrainischen Künstler ab sofort in die Monheimer Kulturwerke einzugliedern. „Das Kiewer Symphonieorchester ist für die kommenden drei Jahre in Monheim am Rhein gesichert“, behauptet Witkowski. Zudem würden die Berliner Philharmoniker weiterhin als Patenorchester für die Vermittlung von Konzerten, Dirigenten und Solisten wirksam sein.

„Unser Hilfsangebot fußt sowohl auf humanitären als auch auf kulturellen Überlegungen“, sagt Witkowski. Ein Orchester müsse eine sichere Grundlage für seine Tätigkeit haben, und Monheim, politisch sehr offen, verfüge über eine Stadtgesellschaft, die kulturelle Werte „nicht nur formuliert, sondern auch umsetzt“. Dank entsprechender Liquidität und engagierter Politiker konnte nun die Idee verwirklicht werden, ein ganzes Orchester an den Rhein zu holen. „Neben der Belastung aufgrund des Krieges in der Heimat dürfte die existenzielle Angst in Deutschland das künstlerische Arbeiten sehr erschwert haben“, begründet der Kulturmanager die Einladung. „Das Orchester soll nicht als Bittsteller kommen, sondern sich hier willkommen fühlen.“

Der Klangkörper bleibt in Kiew verankert

Monheim sei sehr speziell und würde insofern glückliche Voraussetzungen bieten, als die 45.000-Einwohner-Stadt dank einer kommunalen Wohngesellschaft über ausreichend Wohnraum verfüge. „Wir haben uns die Mietpreisgrenze hier selber gestaltet und nicht per Gesetz vorgeben lassen“, Kitaplätze seien kostenlos, Kunst- und Musikschule würden ein umfangreiches Familienprogramm bieten, schwärmt Witkowski. Da einige Orchestermitglieder ihre Familienangehörigen mitbrächten, hätten etwa 130 Personen bereits Wohnungen namentlich zugewiesen bekommen. „Unser Bürgermeister nimmt das wirtschaftliche Risiko auf sich und gibt uns die Mittel für eine Anstellung der Menschen, die nun allesamt Mitarbeiter der Kulturwerke werden.“ Dafür würden 86 Stellen neu geschaffen. Die Stadt meint es ernst.

Dennoch sollten keinesfalls die Wurzeln des KSO in der Ukraine gekappt werden: „Daran hat niemand ein Interesse“, so Witkowski, „nach ukrainischem Recht bleibt das Orchester als Institution dort verortet, erhält nun aber eine lange Residenz in Monheim.“ Man wolle die Spielkultur und musikalische Literatur des Orchesters wahren helfen. Im Ergebnis würden neue Angebote im Rheinland geschaffen, zudem werde das KSO regelmäßig Gastspiele antreten.

Die Musiker schweigen über Repressionen

Im Austausch mit dem ukrainischen Kulturministerium habe Witkowski den Eindruck gewonnen, dass Kiew sehr daran gelegen sei, das KSO in seiner Gesamtheit zu erhalten. Dennoch steht der Orchestergeschichte eine Zäsur und ein Neustart bevor, da die Monheimer Kulturwerke die Mitglieder einzeln und nicht kollektiv einstellen werden. Das Ansinnen sei sowohl echte Integration als auch der Kommune zu ermöglichen, ukrainische Kultur kennenzulernen.

Ähnliche Chancen und Risiken hatte es auch im – allerdings wesentlich finanzschwächeren – Gera gegeben, wo dem Orchester mit wachsender Dringlichkeit suggeriert worden sei, dass ein weiterer Bezug von Bürgergeld nicht zu rechtfertigen wäre, wenn nicht jede annehmbare Arbeit akzeptiert würde. Doch Musiker umzuschulen bedeute in der Konsequenz ein neues Berufsbild und letztendlich die Zerstörung des Orchesters.

Diese scheint nun abgewendet, wiewohl es dennoch höchst skeptisch stimmt, dass sich nach wie vor Musikerinnen und Musiker des Orchesters fürchten, namentlich über ihre Erfahrungen mit bisherigen Repressionen und den daraus resultierenden Ängsten zu sprechen.

Das weckt Erinnerungen an undurchsichtige Personalentscheidungen unter Zaitsev, die bereits vor mehr als fünf Jahren in ukrainischen Medien für Schlagzeilen sorgten. Nun wird berichtet, dass nur wenige der ursprünglich nach Deutschland gekommenen Ukrainer noch zum heutigen Orchesterbestand gehörten. Es kursiert das Gerücht, Kiew habe eine Liste aller männlichen Mitglieder abverlangt, woraufhin Zaitsev allen Herren die Kündigung nahegelegt habe, damit sie nicht gemeldet werden müssten. Wer aber in Gera gegen ihn opponiert und sich zu finanztechnischen Pro­blemen geäußert habe, soll diese Information entweder nicht erhalten haben oder aus anderen Gründen aus den Reihen des KSO „entfernt“ worden sein.

Ohnehin ist das Orchester seit der Kündigung des Chefdirigenten Luigi Gaggero durch Zaitsev künstlerisch ohne Führung. Bei den Wiener Festwochen dirigierte am 2. Juni Oksana Lyniv. Gaggero, von 2015 bis 2022 im Amt, nun wieder freiberuflich als Dirigent und Zymbalist unterwegs, freue sich zwar über die „gute Nachricht“ aus Monheim, hätte sie jedoch all jenen gewünscht, die „in den vergangenen Jahren unter schrecklichen Bedingungen gearbeitet haben und ausgenutzt worden sind“. Allerdings sei zu vermuten, das Orchester werde nun, nachdem Zaitsevs „Verräter“ nicht mehr dabei seien und von der ursprünglichen Besetzung lediglich eine Handvoll zum Orchester gehöre, von Angehörigen des durch seine Tochter Alexandra Zaitseva gemanagten Ukrainischen Jugendorchesters aufgefüllt.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/kiewer-symphonieorchester-soll-nach-monheim-19794429.html