Norway's National Museum reveals works on paper by Mark Rothko | EUROtoday

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Seine großformatigen Farbfelder und schwebenden Rechtecke mit unscharfen Kanten, die von innen metaphysisch strahlen, sind berühmt. Rothko malte neben diesen Ikonen jedoch auch fast tausend Gemälde auf Papier. Diese sind kleiner, intimer, aber nicht weniger innovativ und emotional aufgeladen. Gedacht waren sie nicht etwa als Vorbereitungsarbeiten oder Studien, was man schon an ihrer Hängung erkennt, die der von Leinwänden ähnelt. Sie werden entweder an einer Hartfaserplatte oder an Leinen befestigt und um eine Spannschnur oder ein Sieb gewickelt, um ihnen die dreidimensionale Präsenz zu verleihen.

Die Abstraktion bahnt sich an

Der im heutigen Lettland geborene Markus Rothkowitz wanderte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit seiner Familie nach Portland an der Westküste aus. In New York entwickelte er seit 1921 seine unverwechselbare Handschrift, ausgehend zunächst von figurativen Landschaften und Porträts, deren Hintergrundfarben bereits auf seine späteren Abstraktionen hinweisen. Nach der National Gallery of Art in Washington, D.C., die sich der größten Anzahl an Rothko-Kunstwerken aller öffentlichen Institutionen erfreut, folgt nun als zweite Station das Nationalmuseum in Oslo chronologisch der Spur des Papiers. Und das ohne schützendes Glas, wie es sich Rothko gewünscht hat.

Am Anfang des schwindelerregenden Parcours, der dank einer ausgeklügelten Architektur mit vielen atmosphärischen Sichtachsen aufwartet, stehen die figurativen Arbeiten aus den Dreißigerjahren, als Rothko noch als Kunstlehrer für Kinder in dem Brooklyn Jewish Center arbeitete, um sein mageres Einkommen zu verbessern. Es sind impressionistische Aquarelle, Porträts, Akte und Landschaften, darunter immer wieder Badegäste, die ihre rubensartigen Körperformen am Strand zur Schau stellen. Tonpapier ist das bevorzugte Material dieser Phase, das eine besondere Technik erfordert. Rothko lernte sie von seinem Freund Milton Avery.

Ohne Glas, wie er es sich immer wünschte

Die Experimente der Vierzigerjahre greifen die surrealistische Bildsprache größtenteils in Tusche und Aquarell auf und überraschen mit organischen Formen von Mikroorganismen und Unterwasserlandschaften. Rothko zeichnete sie mit gespitzter Feder in das noch feuchte Aquarell und erzeugte so feine Linien. In dieser Zeit suchte er nach einer symbolischen Sprache, die das thematisieren konnte, was er als die tragische Natur menschlicher Existenz ansah.

Er fand Inspiration in der Naturgeschichte, Mythologie oder Religion. Biblische Themen gemeinschaftlicher Trauer sah er als relevant für seine eigene Zeit an, als die Welt mit der Brutalität des Zweiten Weltkriegs und dem Holocaust zu kämpfen hatte. Die Galeristin Betty Parson widmete diesen Aquarellen 1946 eine Ausstellung, die Rothko zum Durchbruch verhalf. Im Anschluss entwickelte er die Multiforms, in denen die figurativen und surrealistischen Elemente abnehmen und bereits durch schimmernde Farbflächen und wirbelnde Hintergründe ersetzt werden. 1949 begann er schließlich, seine klassischen Großformate zu malen, an denen er auch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren festhielt. Ein überwiegend gelbes Gemälde aus dem Jahr 1955 stellt hier alle anderen in den Schatten. Es wird von einem rosafarbenen Balken geteilt, der von Streifen in einer etwas weißeren Version umrandet ist.

Auf seiner riesigen, mit zahlreichen Spuren von Pinseln und unterschiedlichen Bildgrößen bedeckten Staffelei bekommt man in dem Raum „In the studio“ nebenan die seltene Gelegenheit, seine Arbeitsweise zu studieren. Viele der späteren Papierarbeiten wurden fertiggestellt, nachdem Rothko 1968 einen fast tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte. Sein Arzt riet ihm deshalb, Stress abzubauen und nichts zu malen, was größer als hundert Zentimeter ist. Die Anweisung erwies sich offenbar als ein Stimulans, denn mit der Umstellung begann eine der produktivsten Perioden, in der die kleinere Oberfläche des Materials es Rothko ermöglichte, schneller zu arbeiten. Er malte mit einem großen Pinsel und strich und schmierte die schnell trocknende Acrylfarbe über das Papier. Bis Ende 1968 entstanden so fast 120 Gemälde, deren Besonderheit vor allem in einem zittrigen weißen Rand besteht, der sich auf über dreißig Öl-Werken um komplex geschichtete, dunkle Braun- und Grautöne schmiegt. Diese Rechtecke von 1969 haben eine Entsprechung auf Leinwand mit einer Serie schwarz-grauer Acrylbilder.

Malen zur Beruhigung

Als Rothko sie einer Gruppe von Freunden und Kritikern zeigte, waren sie alarmiert, denn er hatte sich kürzlich von seiner Frau Mell getrennt, mit der er 25 Jahre lang verheiratet war. Die Melancholie, die in diesen düsteren Tönen steckt, hat viele dazu veranlasst, zu glauben, sie seien ein Spiegelbild von Rothkos psychischem Zustand, der sich zu dieser Zeit verschlechterte und 1970 in seinem Selbstmord gipfelte. Die Ausstellung widerspricht der These, der angeschlagene Maler hätte seinen Tod in Grau, Braun und Schwarz vorhergesagt. Einen nachvollziehbaren Beweis bleibt man nicht schuldig. Hinter dem braun-grauen Raum befindet sich eine weitere Galerie, die ätherische Bilder enthält, deren Farbtöne immer heller werden, insbesondere die Pastelle aus sanftem Rosa und verschwommenem Himmelblau, umhüllt von wolkenartigem Grauweiß. Sie entstanden in denselben Wochen. Es sind schwerelose Farben von Sonne, Himmel und Wasser. Nacht und Schmerz sucht man hier vergeblich. Rothko selbst sagte damals über die immense Bandbreite seiner Malerei: „Glauben Sie, meine Bilder seien ruhig, wie Fenster in einer Kathedrale? Dann sollten Sie noch einmal nachschauen. Ich bin der gewalttätigste aller amerikanischen Maler. Hinter diesen Farben verbirgt sich die letzte Katastrophe.“

Mark Rothko: Paintings on Paper. Nationalmuseum, Oslo; bis 22. September. Der Katalog kostet umgerechnet 43 Euro.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/norwegens-nationalmuseum-zeigt-papierarbeiten-von-mark-rothko-19803159.html