Concerto Köln and Duisburg Philharmonic with Anton Bruckner | EUROtoday

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Hier wird zur Pause nicht geläutet, sondern geblasen: Bevor sich die Musiker aus dem Probensaal des Duisburger Theaters zum Mittagessen zerstreuen, ertönt ein alphornähnliches Signal, das schon bei den vorangegangenen Durchläufen gefühlt mindestens zwanzigfach wiederholt worden war – für die Hörer an der Grenze zur Monotonie, für den Solohornisten harte Arbeit. Mit ihm wollte Anton Bruckner ursprünglich das Scherzo seiner vierten Symphonie eröffnen und es dann als eine Art Motto immer wieder in die musikalischen Verläufe einstreuen; jetzt setzt es den ironisch-humoristischen Schlusspunkt dreier intensiver Arbeitsstunden, bevor am Nachmittag ein Gesamtdurchlauf des siebzigminütigen Kolossalwerkes angesagt ist.

„Ich habe dem Hornsolisten ausdrücklich gesagt, dass er bei dieser Stelle, die immer wieder erscheint, in seiner Gestaltung frei ist, artikulatorisch und dynamisch variieren kann“ – auch Dirigent Jakob Lehmann ist sich der Gefahr einer Art Endlosschleife bewusst. Gleichzeitig machen aber solche herausfordernden Passagen einen Teil der Faszination aus, die Alexander Scherf, Cellist und künstlerischer Leiter des Concerto-Ensembles, in die Worte fasst: „Gegenüber den Endfassungen sind Bruckners Urvarianten, wie wir sie hier mit der ‚Vierten‘ in Angriff nehmen, viel krasser und spröder – Baukästen für seine Ideen, die aber oft wie in Trümmerfeldern herumliegen.“

Historische Klang-Tiefenbohrungen

Das empfanden schon manche Ratgeber des Komponisten so und damit am Ende auch der leicht zu verunsichernde Künstler selbst. Im Falle des in Duisburg auf den Pulten liegenden Scherzos war das Ergebnis besonders radikal: Bruckner griff nicht nur, wie bei anderen Sätzen, tief in die Strukturen ein, sondern wechselte es gleich komplett gegen ein neues Stück aus. Er selbst hat also den Satz nie klingend gehört, und es dauerte hundert Jahre bis 1975, ehe die Erstfassung überhaupt gedruckt und dann auch gelegentlich gespielt wurde. Noch nie aber, und das macht die am 5. und 6. Juli in Duisburg bevorstehenden Konzerte und später auf Tourneen in Herrenchiemsee (20. Juli) und im Linzer Brucknerhaus (4. Oktober) so besonders, sind sie gemäß der Konzertpraxis ihrer Entstehungszeit – also dem Wien der Jahre um und nach 1870 – erklungen; damit ist, was hier vorbereitet wird, nicht weniger als eine veritable Uraufführung nach fast 150 Jahren.

Ihr Ideengeber ist aktuell nicht anwesend: Kent Nagano, der, quasi als Seitenstrang seines Projektes, Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ mit authentischen Instrumenten aufzuführen, Anton Bruckners Symphonien als weiteres mögliches Objekt für solche historischen Klang-Tiefenbohrungen entdeckte. Wie bei Wagner waren dem Dirigenten dafür die eng vertrauten Musiker von Concerto Köln als Spezialensemble für historisch informiertes Musizieren erste Ansprechpartner, und ebenfalls wie dort bedurfte es angesichts der opulenten Besetzungsgrößen eines Partnerorchesters.

Beidseitige Lernprozesse

Im Falle Bruckners sind das die Duisburger Philharmoniker. Der junge Dirigent Jakob Lehmann, auf beiden Seiten des Atlantiks hinreichend praxisgehärtet und vor allem intensiv an Interpretationsfragen des 19. Jahrhunderts zwischen Belcanto und Mahler interessiert, wurde berufen, um dem unorthodoxen Zusammenwirken eines freien Originalklang-Ensembles mit einem normalerweise „modern“ spielenden Stadttheater-Orchester in der Einlaufphase die Bahn zu bereiten und ein gemeinsames Klangverständnis zu entwickeln: „Für die Duisburger gehört Bruckner zum normalen Repertoire, aber nicht die historisch informierte Spielweise – und bei den Concerto-Musikern ist es umgekehrt. Das sich beide gegenseitig darauf einlassen, Lust haben, das miteinander auszuprobieren, finde ich großartig.“

Das Ergebnis des mehrtägigen Kennenlern-Workshops wird dann schließlich nicht nur deswegen bemerkenswert, weil die Erstfassung von Bruckners „Romantischer Symphonie“ als stachlig-widerborstiges, oft auch üppig wucherndes Gebilde ohnehin viele gängige Vorstellungen über Bord wirft; sondern weil in ihrer konkreten Klanggestalt, an deren Ausformung neben Lehmann mit Clive Brown auch noch ein anerkannter Experte für romantische Aufführungspraxis diskutierend mitwirkt, vieles auftaucht, was man oberflächlich eigentlich früheren Musikepochen zuordnen würde: im Instrumentarium beispielsweise Darmsaiten bei den Streichern und in der Bläsergruppe diverse Übergangsformen zwischen Natur- und Ventilhörnern; und artikulatorisch unter anderem häufige Portamenti, also Verschleifungen zwischen benachbarten Tönen, deren zärtlich-kitzlige Sinnlichkeit etwa einem Ländlerthema im Scherzo eine schmissig juchzende Note verleiht.

Insgesamt entwickeln sich beim finalen Durchspiel, passend zur ausufernden Dramaturgie von Bruckners Urfassung, Klangbilder von gärender Rauheit, die nicht selten auch ins Ungefüge und Wilde ausbrechen.

Die Tücken deutscher Orchesterbürokratie

Die Entwicklung der dafür notwendigen klingenden Gemeinsamkeit ist allerdings nicht nur ein ästhetisches, sondern ebenso ein organisatorisch-logistisches Problem. Die Manager beider Ensembles – Geschäftsführerin Fiona Stevens für die Kölner und der Intendant der Duisburger Philharmoniker, Nils Szczepanski – könnten darüber, wie schwierig es ist, ein freies Ensemble mit einem an Dienststrukturen gebundenen städtischen Orchester zusammenzubringen, eine Art Duettino anstimmen; immerhin in Dur, denn man hat es ja mit diesem Workshop wieder ein ganzes Stück weiter auf dem Weg zum lückenlosen Zusammenwirken gebracht. Dafür bekommt, wer sich von den Duisburger Musikern für die Teilnahme an dem Experiment entschlossen hat, nicht nur entsprechende Dienste angerechnet, sondern auch Unterstützung beim Erwerb der historischen Instrumente (wofür wiederum die Concerto-Kollegen mit ihrer Expertise Tipps geben können) und die Übernahme der Kosten für einen vielleicht gewünschten Privatunterricht zu deren besonderen Spieltechniken durch das Haus.

Herauszugehen aus den Komfortzonen der philharmonischen Routine: In einigen Wochen wird das, wenn Bruckners „Vierte“ in ihrer kantigen Steinbruch-Urfassung und mit jenem aufgerauten Instrumentarium erklingt, in dem der Komponist sie damals erdachte und niederschrieb, nicht mehr nur die Interpreten, sondern auch ihre Hörer fordern.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/concerto-koeln-und-duisburger-philharmoniker-mit-anton-bruckner-19816011.html