Florian Herrmann, Claudia Roth, Amazon on the Munich Film Festival | EUROtoday

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Die beste Pointe hatte sich Florian Herrmann für den Schluss seiner Rede aufgehoben. „Noch ein Wort zum Fußballspiel Deutschland gegen Dänemark“, dann zögerte der bayerische Staatsminister kurz: „Ich würde sagen, der Verlierer bekommt Sylt.“ Damit hatte er bei der offiziellen Eröffnung des 41. Münchner Filmfests eine Viertelstunde vor Anpfiff des EM-Achtelfinals einen Punkt gesetzt unter die ungewollte Wette der neuen Leitung aus Christoph Gröner und Julia Weigl. Denn die hatten die Opening Night erstmals auf den Samstag gelegt und sich durch das un­verhofft gute Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft in eine Konkurrenzsituation gebracht, die der gut gefüllten Isarphilharmonie nicht anzusehen war.

Dabei glänzte Sandra Hüller, die Hauptdarstellerin von Natja Brunckhorsts Eröffnungsfilm „Zwei zu Eins“, auf dem roten Teppich durch Abwesenheit. Überhaupt war die Prominentendichte trotz Jessica Langes Erscheinen übersichtlich, und der eigentlich unterhaltsame Film hatte mit Tonproblemen zu kämpfen.

CSU-Minister Herrmann stärkt Claudia Roth den Rücken

Was an diesem Abend vor den Augen von Claudia Roth beeindruckte, war der Wille der anwesenden Politiker, Einigkeit zu zeigen. Am Vorabend der französischen Wahl und an Tag zwei nach dem desaströsen Kandidatenduell in den USA stärkte ein CSU-Politiker der Grünenministerin Roth den Rücken: Sie habe völlig recht, den Dreiklang aus Steueranreiz, Investitionsverpflichtung und Reform des Fördergesetzes zum Klingen zu bringen: „Ziehen Sie durch damit. Wir stehen an Ihrer Seite.“ Zum Schluss lautete sein Appell an die Künstler: „Sie sind nicht auf uns angewiesen, wir aber auf sie. Merken Sie sich das.“

Bei aller Begeisterung über das Filmprogramm der nächsten Tage mahnte Münchens junger Zweiter Bürgermeister Dominik Krause, dass Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus die Welt schon einmal in die Katastrophe geführt hätten. „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat“, zitierte er Erich Kästner und fuhr fort: „Wir wissen nicht, wo wir am Ende dieses Jahres stehen werden. Aber wir wissen, dass der Schneeball rollt und dass wir alle, die wir das ,Nie wieder‘ in unserem Herzen tragen, dass es in unserer Verantwortung liegt, diesen Schneeball zu stoppen. Wer dieses ,Nie wieder‘ ernst meint, darf nicht in einem Parlament mit Faschisten oder Postfaschisten zusammenarbeiten.“ Dafür gab es frenetischen Applaus.

Amazon hat „das beste Halbjahr aller Zeiten“

Zwar hatte das Amerikahaus für die eine oder Paneldiskussion schon am Freitag geöffnet und im Museum Brandhorst hatten sich am Freitagabend etwa 5000 Feierwütige ins Filmfestnachtleben be­geben. So richtig los mit dem Filmprogramm geht es aber erst am Sonntag. Zum Warmlaufen traf man sich im Literaturhaus, wo Amazon-Fiction-Chef Philipp Pratt vor Kraft kaum gehen konnte.

„Wir haben das mit Abstand beste Halbjahr aller Zeiten hinter uns und genau verstanden, was unser Publikum von uns will“, sagte er. Sei man zu Beginn noch ein Gemischtwarenladen gewesen „wo von A bis Z alles im Angebot war“, so wisse man jetzt, wie Story, Ton und Farbe auszusehen hätten. „Unser Credo lautet nicht zu viele Farben, die aber dafür kräftig, aber auch nicht so dieses Beige, Braun oder entfärbte Dunkelblau wie in öffentlich-rechtlichen Krimis. Nur keine Linsensuppe, sage ich immer“, meinte die Serienchefin der Amazon Studios, Petra Hengge, im Gespräch mit der F.A.Z.

Gemäß dieser Ansage tischt Sternekoch Andreas Caminada Prominenten wie Karoline Herfurth und Moritz Bleibtreu nach Abenteuerreisen nach Mexiko, Portugal, Schottland oder in die Schweiz im „Diner Club“ die dort gegessenen Speisen auf. Richtig aufwendig ist die Mammutserie „Those About to Die“ von Roland Emmerich und Marco Kreuzpaintner mit Anthony Hopkins, Iwan Rheon und Emilio Sakraya, die das Römischen Reich wieder auferstehen lässt. Damian Hardung und Harriet Herbig-Matten grüßten vom Dreh zur zweiten Staffel „Maxton Hall“. Die erste Staffel hat weltweit für beste Quoten gesorgt und Deutschland in Hollywood zum Gespräch gemacht, dass Pratt fast versucht war, erstmals absolute Nutzerzahlen zu nennen. Große Hoffnungen ruhen auch auf Sebastian Fitzeks „Der Heimweg“, schon die zweite Zusammenarbeit mit der Regina Ziegler Produktion mit Luise Heyer, Sabin Tambrea und Friedrich ­Mücke in den Hauptrollen.

Auch Anke Engelke und Bastian Pastewka gaben sich ein Stelldichein und annoncieren ihre Serie „Perfekt verpasst“ über ein Paar, das sich in einer Kleinstadt immer wieder verpasst. Man habe sich während Corona mit acht Metern Abstand getroffen, um zu drehen, sagte Pastewka. Anke Engelke sagte im Gespräch, die beiden hätten für zwei Tage ein Studio angemietet, um auszuprobieren, was sie sich ausgedacht hatten. „Ich habe jeden Tag gekocht und das in Warmhaltekübeln quer durch Köln auf meinem Fahrrad transportiert“. Dass das Münchner Filmfest ihr „Perfekt verpasst“ eingeladen habe, komme ihr sehr ehrlich vor: „Hier habe ich das Gefühl, dass die Jury sich Gedanken gemacht, das gesehen hat und im besten Fall auch mag, was da läuft.“

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/florian-herrmann-claudia-roth-amazon-beim-filmfest-muenchen-19825054.html