Strong 12 months: Ingeborg Bachmann Prize for Tijan Sila | EUROtoday

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Viele wussten es schon vorher, jetzt ist es amtlich: Auch Gurkentexte können in Klagenfurt Preise gewinnen. Die 1988 in Wien geborene Johanna Seebauer hatte bei ihrer Erzählung mit dem Titel „Das Gurkerl“ gleich im komödiantischen Vorstellungsvideo erklärt, sie wolle damit die Gewürzgurke in der Literatur­geschichte etablieren nach dem Vorbild von Prousts Madeleines. Die Bachmannpreis-Jury war recht einhellig begeistert von der Satire auf einen von Socialmedia-Idiotien getriebenen Journalismus, wie er gegenwärtig immer öfter Realität wird. In der sprichwörtlichen Saure-Gurken-Zeit wird in ihrer Erzählung der Wutartikel eines Redakteurs, dem Gurkenessig ins Auge gespritzt ist, zum Quotenhit und löst eine Debatte über die Abschaffung der Essiggurken aus.

Befeuert von Austriazismen („scheißdrecksgschissenes Hurnsgurkerlwasser“), die von deutschen Lesern oft mit einer Art Exotenbonus honoriert werden, verfehlte „Das Gurkerl“ seine Wirkung nicht und sorgte auch in Klagenfurt für freudige Erregung, Jurymitglied Mithu Sanyal etwa bekannte, das Wort „Gurkerl“ sei für sie mit jeder Wiederholung lustiger geworden. Zur Klagenfurt-Folklore gehört, dass Klaus Kastberger, der von der aus der Jury ausgeschiedenen Insa Wilke den Vorsitz übernommen und Johanna Seebauer eingeladen hat, ein T-Shirt mit Gurkenemblem trug und über das richtige Einlegen der Gurke in die Wurstsemmel dozierte.

Käse auf dem Kopf

Der Schweizer Juror Thomas Strässle, der sich zuvor mit Kastberger schon ein kleines Scharmützel über die vom Österreicher diagnostizierte Unverständlichkeit aus der Schweiz nach Klagenfurt mitgebrachter Texte geliefert hatte, stichelte mit der Frage, was die reichlich in Seebauers Text gestreuten österreichischen Fluchwörter wohl über eine Nation aussagen, worauf Kastberger fragte, was von Fußballfans zu halten sei, die einen Käse auf dem Kopf tragen.

Ob man „Das Gurkerl“ nun hochamüsant oder etwas albern fand – Sitz im Leben als Parabel hat der Text allemal, denn man braucht das Gurkenbeispiel nur durch ein anderes zu ersetzen, um dieser „Diagnose einer Dummheitsdynamik“ (so Juror Philipp Tingler) Ernsteres abzugewinnen. Seebauer erhielt den mit 7.500 Euro dotierten 3sat-Preis sowie den durch Online-Abstimmung ermittelten mit 7.000 Euro von der BKS-Bank gesponserten Publikumspreis.

Konservative Ästhetik?

Unterm Strich brachte dieser Klagenfurt-Jahrgang erfreulich viele gute Erzählungen und auch – man sagt es an­gesichts jüngster Diskussionen über die Arbeit von Literaturpreis-Jurys gern – sehr interessante und exemplarisch bedeutsame Gespräche über Gegenwartsliteratur. Etwa angesichts des von der 1985 in Weimar geborenen Olivia Wenzel vorgetragenen Texts „Hochleistung, Baby“, dem die Jurorin Mara Delius eine „konservative Ästhetik“ bescheinigte, obwohl er so viele aktuelle Themen wie Rassismus, Kolonialismus und weibliche Körperlichkeit, genauer: Milchstau und „Gangbang als feministische Praxis“ ­behandelt. Am Ende saugt darin ein schwarzer Fußballer der Ich-Erzählerin an der Brust. Ob hier allerdings von der Jury der satirische Charakter des Textes und des gewitzt-lässigen Vortrags ausreichend gewürdigt wurde, sei dahin­gestellt (und wäre übrigens auch an­gesichts der unter bachmannpreis.orf.at nachsehbaren Lesungen und Diskussionen für jeden selbst zu überprüfen).

Außergewöhnlich war, dass mit Olivia Wenzel erstmals jemand von Autorenseite die Möglichkeit einer Reaktion auf die Jury ausgiebig nutzte: Die Autorin gab sich pikiert darüber, dass die Jury die in ihrem Text versteckten „Überraschungseier“ nicht gefunden habe. So exemplarisch dieser Vorgang für Klagenfurt und die dort immer auch mög­lichen Ungerechtigkeiten sein mag, wirkte er doch wie die Öffnung der Büchse der Pandora: Denn wie der Wettbewerb würde, wenn künftig alle Lesenden ihre Texte selbst erklären und deuten wollten, mag man sich lieber nicht ausmalen.

Familärer geworden

Bei aller Betonung dessen, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur (so in einem Schlusswort Klaus Kastbergers und auch einem des 3sat-Redakteurs Michael Schmitt, der nach sagenhaften dreißig Jahren Bachmannpreis in den Ruhestand geht) nach legendären Tribunalen freundlicher und familiärer geworden seien, darf man vielleicht trotzdem dagegenhalten, dass eben die Beurteilung der Texte, so wie sie vorliegen und ohne weitere Erklärung, den bleibenden Reiz dieser Veranstaltung ausmacht. Ohnehin setzt sich ja die Klagenfurt-Debatte oft lebhaft fort, sowohl vor Ort am Wörthersee als auch in den berichtenden und kommentierenden Medien.

Am Text des 1986 in Bonn geborenen Denis Pfabe, dessen Erzähler sich in den Gängen eines Baumarktes verkriecht, statt ein Haus zum Heim zu machen, arbeitete die Jury sowohl die Bezüge auf fragwürdige Werbe-Glücksversprechen als auch das nur vordergründig realistische Setting gut heraus: Gibt es, fragte man sich beim Zuhören immer mehr, das im Text erwähnte Haus, die erwähnte Frau, das womöglich verlorene Kind darin eigentlich wirklich, oder sind das nur Tagträume des Erzählers? Pfabe wurde dafür der mit 12.500 Euro dotierte Deutschlandfunk-Preis verliehen.

Die 1987 im slowenischen Novo Mesto geborene Tamara Štajner beeindruckte Jury und Publikum gleichermaßen mit ihrer Erzählung „Luft nach unten“, die, komplementär zum Kafka-Vorbild, eine Art „Brief an die Mutter“ ist, geschrieben von einer Tochter, die in ihrer Kindheit fortwährend wegen ihres ­Körpergewichts gedemütigt wurde. Die Paradoxie zwischen Wut und Liebe (so die Jurorin Brigitte Schwens-Harrant, die Štajner eingeladen hatte) wird darin literarisch zwingend veranschaulicht – und führte beinahe zu einem Lese-Abbruch der um Fassung ringenden Autorin. Sie erhielt den Kelag-Preis (10.000 Euro). Ihre abgründige Erzählung mit feinen teils musikalischen Anspielungen, in deren Hintergrund auch Versehrungen des Jugoslawienkrieges auftauchen, hätte durchaus den Hauptpreis verdient.

Dieser mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis aber ging an den 1981 in Sarajevo geborenen Tijan Sila, der 1994 als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam. In vier Romanen, darunter „Tierchen unlimited“( 2017) und „Radio Sarajevo“ (2023) hat Sila bereits Erfahrungen des Bürgerkrieges verarbeitet; in der nun vorgetragenen Erzählung „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“ setzt er dies im charakteristischen Ton „unsentimentaler Lakonie“ fort: Darin kann man dem Juror Philipp Tingler, der Sila einlud, nur zustimmen. Auch die restliche Jury zeigte sich begeistert von dem Text, der nicht nur vom beginnenden Wahnsinn jener Mutter, sondern auch von einem Elektrotschrott sammelnden Vater handelt, der behauptet, man könnte doch „alles reparieren“. Am Ende hat der Erzähler, der den Vornamen des Autors trägt, die elterliche Wohnung samt seinem früheren Kinderzimmer auszuräumen. In einem Aperçu über das Messietum bezeichnete Klaus Kastberger es als jene Krankheit, „die man an dem Archiv gewinnt, von dem man sich selbst nicht mehr distanzieren kann“.

Neben dem Abstimmungsvorgang für die Preise am Sonntagmorgen, der die bange wartenden Autoren sowie die Jury selbst zu verwirren schien, bleibt dieses Jahr auch rätselhaft, wie der von der Jury am Lesetag sehr positiv bewertete und in vielen Gesprächen vor Ort als Favorit gehandelte Henrik Szanto am Ende leer ausgehen konnte. Der 1988 in Frankfurt geborene Autor mit finnisch-britischem Hintergrund hatte mit „Eine Treppe aus Papier“ auf Vorschlag von Mara Delius den literarisch wohl avanciertesten Text vorgelegt, in dem die in einem deutschen Haus spukenden Geister in der Wir-Form und aus überzeit­licher Perspektive von dessen Bewohnern erzählen. Ein solches an Döblins „Berlin, Alexanderplatz“ oder auch den Nouveau Roman erinnerndes Verfahren ist riskant, hier aber glänzend gelungen: Man kann nur hoffen, dass Henrik Szanto damit andere Erfolg erzielen wird.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/starkes-jahr-ingeborg-bachmann-preis-fuer-tijan-sila-19825022.html