Gluck's Iphigenie and Rameau's Samson on the Opera Festival in Aix | EUROtoday

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Im Zentrum der Tragödie „Iphigénie en Tauride“ von Gluck singt Iphigenie eine Arie in Dur; etwas hat sich in ihr gelöst, das Warten und Hoffen hat ein Ende. „O malheureuse Iphigénie! Ta famille est anéantie!“ (Unglückliche Iphigenie, deine Familie ist ausgelöscht). Kein Drama, keine Verzweiflung, sondern eine sublimierte Klage, in der die Oboe der Sängerin vorangeht in eine Sphäre, die nicht von dieser Welt ist. Der im emphatischen Sinn schöne Gesang hebt sich in erregender Weise ab von den vielen dramatischen Rezitativen, für die das Werk von 1778 zu Recht berühmt ist. Gluck hat den einen Ausdruck für Iphigenies Schicksal gefunden, Unglück im völligen Verlassensein.

Seit zwanzig Jahren versieht sie auf Tauris — heute Krim — Priesterdienst am Altar der Göttin Diana. Einst war sie in einer Wolke hierher gebracht worden, um nicht in Aulis geopfert zu werden für günstige Winde im Krieg der griechischen Flotte gegen Troja. Unerkannt kommen nun ihr Bruder Orest und dessen Freund Pylades an das „barbarische“ Gestade. Durch sie erfährt Iphigenie von dem zehn Jahre währenden Trojanischen Krieg, von der heimtückischen Ermordung des Vaters Agamemnon durch die Mutter Klytämnestra, von der Rache Orests, seinem vermeintlichen Tod, der Iphigenie in die Verlassenheit stürzt.

Tiefere Schichten Menschliches zutage fördern

Die transzendierende Arie lässt keinen Zwischenapplaus zu, weil sie eingebettet ist in musikalische Handlung; Iphigenie ordnet einen Totenritus für Orest an, den ihre Priesterinnen unter Gesang und Pantomime ausführen. Aus einer Kiste mit Habseligkeiten unter ihrem Bett holt Iphigenie ein Schwarz-Weiß-Foto des kindlichen Orestes heraus und gibt es ihren Gefährtinnen. Sie zündet eine Kerze an, setzt sich mit an den Tisch, das ist die ganze Zeremonie.

Dmitri Tschernjakow hatte vor einem Jahr eine „Così fan tutte“ in Aix inszeniert, bei der er manches Opernmäßige dekonstruierte, um in tieferen Schichten Menschliches zutage zu fördern. Seine Gluck-Produktion beim Festival d’Art Lyrique ist wieder auf der Suche nach „wahrer“ Humanität. Einer Anregung Pierre Audis folgend, der 2009 beide Iphigenie-Opern Glucks in Brüssel an einem Abend aufführte, bringt Tschernjakow nun „Iphigénie en Aulide“ und „Iphigénie en Tauride“ im Grand Théâtre de Provence nacheinander mit anderthalbstündiger Pause, die das Publikum unter Platanen und einem mediterran sich einfärbenden Abendhimmel genießen kann.

Im ersten Teil ist Iphigenie eine ernsthafte Tochter und Braut, deren gefühlsstarken Kern man aus der Musik heraushört. Sie kann jedoch an dem Drama, das um sie herum entsteht, weil sie auf göttlichen Wink hin geopfert werden soll, nichts ändern. Während alle wüten, prahlen und klagen, ist sie gehorsam bis zum Tod. Die fabelhafte Sopranistin Corinne Winters begeistert nicht nur durch ihre charaktervolle, biegsame Stimme, sondern auch durch ihre Darstellungskraft. Sie braucht keine überflüssigen Bewegungen, strahlt konzentrierte Energie aus, je mehr die Mutter Clytemnestre (Véronique Gens) und der Bräutigam Achille (Alasdair Kent) um sie herumwirbeln, die Königin im smaragdgrünen Kleid und der smarte Held im altrosafarbenen Anzug (Kostüme Elena Zaytseva). Doch gerade dem furchtlosen Liebhaber Achille fehlen Momente der Poesie, des Charmes, die eigentlich zur Rollenbeschreibung eines französischen Tenors gehören.

Wenn die Musik der Ouvertüre in ein Gewitter kippt

Zwanzig Jahre später, an einem unwirtlichen Ort. Iphigenies Haar ist silbern geworden, nicht wegen der Jahre, sondern wegen dem, was geschehen ist. Sie sitzt an einem schmalen Tisch und wärmt sich an Tee. Wenn die Musik der Ouvertüre in ein Gewitter kippt, greift die Frau zu Schal, Mütze, Handschuhen gegen Schüttelfrost und Fiebertraum. Andere Gestalten setzen sich an den Tisch, vom Krieg Übriggebliebene, Traumatisierte.

Auch Orest und Pylades erscheinen an diesem Ort nicht als edle Griechen, sondern als Umhergestoßene in abgerissener Camouflage-Kluft, verwildert und verletzt. Sie freuen sich auf den gemeinsamen Tod — so in Pylades’ wunderbarer A-Dur-Arie mit herausgehobenem Fagott — und klammern sich körperlich robust aneinander. Eine Verbindung zu Goethes „Iphigenie“, wo Pylades dem Freund Mut zuspricht: „Fühlst du den Arm des Freundes und der Schwester, / Die dich noch fest, noch lebend halten? Faß / Uns kräftig an: wir sind nicht leere Schatten.“

Ein Höhepunkt der Aufführung, die vom phantastischen Orchester und Chor Le Concert d’Astrée unter der Leitung von Emmanuelle Haïm stringent musiziert wird, ist Orests große Szene „Le calme rentre dans mon cœur …“ (Der Frieden kehrt in mein Herz). Hier sind Rezitativ, Arie, Pantomime, Chor und Tanz miteinander verbunden. Zu unerbittlich repetierten Bratschen-Synkopen kreist Orest in seinem durch Lichtstäbe begrenzten inneren Kerker (Licht: Gleb Filshtinsky) und mordet im Wahn pantomimisch in Wiederholungsschleife, vom Eumeniden-Chor aus dem Orchestergraben verfolgt.

Verhaltene Versöhnung

Beim Schlusschor kommt es zu einer verhaltenen Versöhnung zwischen Kriegsversehrten, es gibt wieder einmal nur Tee. Den geheilten Orestes hält es nicht im fremden Land, Iphigenie bleibt vorerst. Eine glaubhafte, niemals platte Antikriegsproduktion.

Mit „Samson“ zeigt das Festival eine barocke Uraufführung. Aus Chören, Arien und Tänzen von Jean-Philippe Rameau haben Raphaël Pichon und Claus Guth eine Montage gefertigt, die sowohl vom alttestamentlichen Simson-Stoff inspiriert ist als auch von dem Operntext „Samson“ von Voltaire (1732). Die fertige Oper von Rameau/Voltaire erschien seinerzeit aus Zensurgründen nicht auf der Bühne, der Komponist verarbeitete die Musik in anderen Werken. So waren die Nachschöpfer Pichon/Guth frei, eine Geschichte der menschlichen Leidenschaften zu erzählen und sich aus dem Reservoir verschiedener Rameau-Opern zu bedienen.

Samson ist ein gottgeweihter Mann von außerordentlicher Kraft, der die Israeliten gegen die Versklavung durch die Philister schützt. Seine Macht wankt, wenn er sich der Liebe hingibt. Mithilfe der Philisterin Dalila wird Samson von den Feinden überwältigt. Ein letztes Mal betet er um Kraft und bringt den heidnischen Tempel zum Einsturz, der auch ihn unter sich begräbt. Der Regisseur Claus Guth erzählt die archaische Geschichte mit expliziten Gewaltausbrüchen in Slow Motion und mit zu viel Blut. Sie kontrastieren mit weiblichen Leidensmomenten wie in der Arie „Coulez mes pleurs“ (Fließt, meine Tränen), die Lea Desandre mit Pamina-gleicher Innigkeit singt.

Der starke Samson (Jarrett Ott, mit schöner Stimme) ist ein Getriebener, der zu oft den Kontakt zu Gott verliert. Ihn als Verhöhnten an einen Abendmahlstisch zu setzen erscheint überzogen. Raphaël Pichon leitet das stilsichere Orchester Pygmalion mit dem gleichnamigen Chor in einer musikalisch formidablen Aufführung.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/glucks-iphigenie-und-rameaus-samson-beim-opernfestival-in-aix-19840671.html