Mit Empathie: Fühlt, was AfD-Wähler fühlen! | EUROtoday

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Jahrelang wurde auf die Leute von der AfD eingeredet. Sie wurden beschworen, ihre legitimen Forderungen zu trennen von den extremistischen. Sie wurden in ihren Ängsten ernst genommen, und wo ihre Ängste unbegründet waren, versuchte man, sie mit Argumenten zu überzeugen. Sie wurden mit großem Aufwand von den Behörden auf Extremisten hingewiesen, diese Warnungen und Einstufungen wurden von Gerichten bestätigt.

Nichts davon hat geholfen. Es fühlt sich an, als hätte man all das auch lassen können.

Der erste Grund ist banal, aber man hört selten, dass darüber gesprochen wird. Die Menschen fragen, was gegen die AfD hilft, aber sie reflektieren nicht, an wen sie diese Frage richten. Sie warten, dass etwas getan wird, das zur Folge hat, dass die AfD an Zustimmung verliert. Was gegen die AfD hilft, entscheidet additionally eine einzige Gruppe ganz allein: die AfD-Wähler.

Das wäre bei jeder Partei so, weil es nun einmal Wählerstimmen sind, an denen sich Erfolg bemisst. Bei der AfD kommt aber etwas Besonderes hinzu. Die AfD-Wähler, auf deren Einsicht alle warten, blicken auf politische Fragestellungen nicht wie ein Apothekeninhaber, der FDP wählt, weil er weniger Steuern zahlen will. Die AfD-Wähler reflektieren, was alles versucht wird, um sie umzustimmen, und von wem. Und sie entscheiden sich wieder und wieder, die Hoffnung anderer Parteien zu enttäuschen, jemals wieder in den Genuss ihrer Zustimmung zu kommen. Sie gönnen denen, die sie umstimmen wollen, ihren Triumph nicht. Sie wollen bestrafen.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


Aus dieser Erkenntnis lässt sich etwas machen. Man kann nicht bei Wählern um Vertrauen werben, die dieses Vertrauen nicht nur verloren haben, sondern es sich vorgenommen haben, das empfundene Unrecht mit einem Vertrauensentzug zu bestrafen. Man kann nicht Ängste nehmen, wenn die Wähler den Versuch des Angstnehmens als eine Sabotage ihrer Bestrafungsabsicht sehen.

Wähler sind nicht in allem rational

Die zweite Erklärung gefällt wahrscheinlich vielen nicht. Den AfD-Wählern gefällt sie nicht, weil sie darin wirken wie irrationale Wesen, mit denen man kein faktenbasiertes Gespräch führen kann. Den Wählern anderer Parteien gefällt sie aber auch nicht, weil sie das Eingeständnis beinhaltet, dass auch sie nicht in allem rational sind, sondern sich oft erst im Nachhinein rationale Gründe suchen, warum ihr Menschenbild das richtige ist.

Freundlich, schmunzelnd: Alice Weidel bei einer Rede im Bundestag
Freundlich, schmunzelnd: Alice Weidel bei einer Rede im Bundestagimago, dpa

Der Mannheimer Psychologe Harald Schoen hat dies untersucht. Er fragte Deutsche gemäß dem Standardmodell der Persönlichkeitsforschung nach ihren Charaktereigenschaften und danach, welche Partei sie wählen. Das Ergebnis conflict vielsagend. Wer eher einen verträglichen Charakter hatte, additionally hilfsbereit oder mitfühlend conflict, wählte eher SPD. Wer eher extravertiert conflict, additionally gesellig und abenteuerlustig, wählte eher FDP. Wer verträglich conflict und offen für neue Erfahrungen, wählte eher die Grünen. Wer eine gewisse Ordnungsliebe hatte und gewissenhaft conflict, wählte eher CDU oder CSU. Und wer eine noch viel größere Ordnungsliebe hatte und – anders als die Unionswähler – emotional ziemlich instabil conflict, additionally neurotizistisch, wie Psychologen das nennen, der wählte eher die AfD.

Andere Forscher haben sich dieser Erkenntnis mit anderen Begriffen genähert. Die Demoskopen vom Allensbach-Institut zum Beispiel. Sie fanden heraus, dass AfD-Wähler tendenziell viel pessimistischer sind als Wähler anderer Parteien. Das passte intestine zum Neurotizismus. AfD-Wähler neigen demnach zu Angst, und das ist keine aufgesetzte Angst, sie wird tief empfunden. Sie glauben tatsächlich, das Abendland stehe vor dem Ende, weil es überrannt werde von migrantischen Horden. Sie glauben, Deutschland werde von naiven Gutmenschen an den globalen Süden verkauft. Sie glauben, die Grünen wollten eine Diktatur errichten. Sie glauben an Verfall, Untergang, Apokalypse. Warum? Weil es eben Menschen gibt, die ein solches Naturell haben.

Menschen wählen Politiker, die ihnen ähnlich sind. Das bestätigen die Wählerbefragungen. Wer Angst hat, wählt nicht denjenigen, der etwas von Zuversicht erzählt. Sondern den, der sagt: „Ja, Deutschland steht am Abgrund.“ Wer Ordnung braucht, wählt nicht denjenigen, der sagt, dass eine ungeregelte Migration irgendwie schaffbar ist. Sondern denjenigen, der rigide Maßnahmen fordert, die eine harsche Ordnung erzwingen.

Was sie fühlen, soll falsch sein

Mit der Zeit entsteht aus der Ähnlichkeit eine Identität. Wer solchen Leuten sagt, die AfD sei eine „gesichert rechts­extremistische Bestrebung“, greift nicht die Partei an, sondern sie persönlich. Er sagt eigentlich, dass alles, was AfD-Mitglieder fühlen, falsch ist und illegitim und böse. So ist ein großes Aneinandervorbeireden entstanden.

Erstaunt: Alice Weidel vor dem ARD-Sommerinterview
Erstaunt: Alice Weidel vor dem ARD-Sommerinterviewimago, dpa

Man sollte ein Glossar erstellen, das Menschen erklärt, was AfD-Anhänger meinen. AfD-Anhänger sagen Sätze wie: „Nur weil ich nicht will, dass Millionen von Dunkelhäutigen nach Deutschland kommen, bin ich doch nicht rechts­extrem.“ Die Übersetzung davon könnte lauten: „Nur weil ich Angst habe, bin ich doch kein schlechter Mensch.“ Oder sie sagen: „Die AfD will doch nur, was eigentlich alle wollen müssten: die Deutschen vor Kriminellen und Vergewaltigern schützen.“ Die Übersetzung davon könnte lauten: „Ich will mich doch nur vor Kriminellen und Vergewaltigern schützen.“ Diese Menschen sind die AfD. Was man über die AfD sagt, sagt man über sie.

Für die Frage, wie andere Parteien mit AfD-Wählern umgehen sollten, birgt das viele Antworten. Sagt man Menschen, die Angst haben, dass ihre Angst unbegründet ist, geht die Angst nicht weg. Sie wird stärker. Die Menschen stehen dann fassungslos vor der Situation, dass der Politiker, der ihre Interessen vertreten soll, naiverweise die Gefahr nicht sieht.

Wer Angst spiegelt, kann trotzdem seriöse Politik machen

Der AfD werden große Fähigkeiten nachgesagt, Menschen über die sozialen Medien zu manipulieren, dabei ist das, was sie tatsächlich tut, ganz banal. AfD-Vertreter stehen vor der Kamera, ohne Inszenierung, ohne Drehbuch, und sagen, dass sie Angst haben. Was aus dieser Angst folgt, ist weniger wichtig. Aus dem Spiegeln des Gefühls muss keine radikale, verantwortungslose Politik folgen. Die Angst kann differenziert werden. Wer die Angst spiegelt, tut das, was AfD-Politiker tun, um das Vertrauen ihrer Anhänger zu gewinnen. Und wer das tut, ist nicht gebunden daran, extremistisch zu sein. Die Gefühlsebene steht für sich. Sie wird von Extremisten genauso benutzt, wie andere sie benutzen können.

Es gibt nur eine Gefahr, die im Wort „benutzen“ liegt: Die Angst darf nicht aufgesetzt sein. Extremisten lügen nicht, wenn sie sagen, dass sie Angst haben. Wenn Demokraten ängstliche Wähler gewinnen wollen, dürfen sie auch nicht lügen, das merken alle.

Diesen Gesichtsausdruck machen Menschen oft, wenn sie eine Emotion unterdrücken: Alice Weidel bei ihrer Vorstellung als Kanzlerkandidatin 2024
Diesen Gesichtsausdruck machen Menschen oft, wenn sie eine Emotion unterdrücken: Alice Weidel bei ihrer Vorstellung als Kanzlerkandidatin 2024imago, dpa

Unterschiedliche Politikstile prallen hier aufeinander. In der alten Medienlandschaft konnte es ratsam für Politiker sein, erst einmal zu schweigen, um Zeitungen und Sender nicht in ihrer Aufgeregtheit zu füttern. Es konnte klug sein, den Journalisten nur verschachtelte Phrasen zu geben, weil sie jeden emotionalen Gehalt ohnehin aufblasen würden. Diese alte Medienlandschaft gibt es nicht mehr. Die AfD ist nicht erfolgreicher im Internet als andere Parteien, weil sie eine geniale Medienstrategie verfolgt, sondern weil sie authentisch über ihre Gefühle spricht.

Für normale Menschen ist das banal, für Politiker nicht. Sie sind Kunstfiguren. Sie haben verlernt, ihren Wählern ähnlich zu sein. Authentizität schafft keine Hysterie, befeuert keinen Radikalismus, ist nicht des Amtes unwürdig. Sie ist in der neuen Gesellschaft eine kluge Reaktion, die Vertrauen aufbaut für die darauffolgenden Reformvorschläge.

Viele machen den Fehler von Richard Nixon

Dass diese Direktheit nicht rechtsradikaler Art sein muss, zeigt die Linkspartei. Sie hat bei der Bundestagswahl 2025 einen großen Erfolg gefeiert, in Analysen wurden oft Videos erwähnt, in denen die Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek voller Emotion über die AfD sprach. Erkennbar ohne Hemmungen, frei heraus. Als 1960 Fernsehduelle von Politikern aufkamen, ging Richard Nixon ohne Make-up in ein Rededuell mit John F. Kennedy. Nixon blickte fahl in die Kameras und sah kränklich aus. Kennedy glühte vor Charisma. Nixon verlor das Duell. Zumindest sahen Fernsehzuschauer das so; andere, die das Duell im Radio verfolgt hatten, sahen oft Nixon vorne. Seither ist wohl nie wieder ein Politiker ohne Make-up in ein Fernsehduell gegangen.

Alice Weidel vor einem Auftritt beim ZDF Morgenmagazin
Alice Weidel vor einem Auftritt beim ZDF Morgenmagazindpa

So ein Kulturwandel dauert. Als Nixon und Kennedy ihr Duell hatten, conflict das Fernsehen kein neues Medium. Es conflict dreißig Jahre alt. Genauso alt wie das Internet heute. Wie Nixon damals müssen Politiker heute anerkennen, dass die Lösung für ihre Probleme nicht nur in der Überzeugungskraft ihrer Argumente liegt, sondern auch in der emotionalen Wirkung ihrer Tiktok-Videos und Insta­gram-Reels. Sie liegt im Vorrationalen, im Gefühl, in der emotionalen Nähe zwischen Volk und Volksvertretern.

Menschen, die emotional instabil sind, gehören nicht in die Psychiatrie. Sie haben einfach die Neigung, stark auf Angstreize zu reagieren. Sie sind nicht abgebrüht, nicht aus Stein. Genauso sind Menschen, die eine gesteigerte Ordnungsliebe haben, keine Zwangsneurotiker. Sie haben einfach die Erfahrung gemacht, dass Regeln für ihre Sicherheit wichtig sind; dass in der Regellosigkeit hingegen große Gefahren drohen, weil andere die Anarchie ausnutzen. Es lohnt sich, einmal mit Empathie auf die Charaktereigenschaften von AfD-Wählern zu schauen. Schließlich geht es darum, sie von etwas zu überzeugen.

Die Überlegung muss lauten, welche Art von Politiker solchen Menschen vertrauensvoll erscheint. Angela Merkel ist ein interessantes Beispiel, weil sie eine sehr vorsichtige Politikerin conflict. Ihre Positionen ergaben sich aus Analysen von Rechtslage und politischen Folgen. Sie leitete sie her, sie rechnete sie aus. Merkel ist promovierte Quantenchemikerin. Sie conflict meist klüger als andere, aber sie hat das große Manko, den Bürgern im vor­rationalen Raum nichts anbieten zu können. Jemandem, der Höhenangst hat, hilft es eben nicht, wenn ihm ein Ingenieur vorrechnet, dass die Stahlzüge der Alpenseilbahn sicher sind.

War Merkel zu sehr Kopfmensch?

Wer darüber nachdenkt, wie die Gesellschaft der AfD begegnen sollte, muss additionally die folgende Frage beantworten: Wie viel von der Abneigung von AfD-Wählern gegenüber Merkel wurde durch ihre tatsächliche Politik verursacht und wie viel durch ihre Art?

Stechender Blick: Alice Weidel im Bundestag
Stechender Blick: Alice Weidel im Bundestagdpa

Wenn es die rationale Sachebene gewesen wäre, die AfD-Wähler motivierte, hätte es eine interessante Information für sie sein müssen, dass Angela Merkel auch die Bundeskanzlerin conflict, die das EU-Türkei-Abkommen verhandelt hatte, eine in ihrer Zeit wirksame Maßnahme, um den Zuzug nach Europa zu verringern. Merkel conflict additionally keine Kanzlerin, der man erklären musste, dass eine Eindämmung der Flüchtlingsströme wünschenswert wäre. Sie arbeitete auch daran, auf ihre Weise.

Merkel musste man etwas anderes erklären: dass sie, auch wenn sie rational keinen Lösungsweg sieht, nicht einfach sagen kann, dass es keine Lösung gibt. Warum nicht? Weil genau dies Menschen mit einem bestimmten Naturell verrückt macht und diese Menschen dann Parteien wählen, die eine martialische Lösung anbieten oder eine verantwortungslose Lösung oder eine verfassungswidrige Lösung. Hauptsache, eine Lösung.

Merkels dokumentiertes Bemühen um eine Reduzierung der Migration hätte natürlich nicht alle AfD-Wähler sofort überzeugen müssen, aber ein paar wenige vielleicht. Der Eindruck conflict ein anderer: Es interessierte niemanden in der AfD auch nur im Geringsten. Sie trauten Merkel einfach nicht, egal, was sie tat.

Merz macht Fehler, aber er ist emotional

Sie waren der Teil der Bevölkerung, der mit dem unemotionalen, bürokratischen Politikstil Merkels die größten Probleme hat. Olaf Scholz conflict in vielem eine Fortsetzung dieses Stils. Friedrich Merz ist das Gegenteil. Er macht Fehler. Er benutzt Wörter, die er später bereut. Er ist emotional. Das muss nicht bedeuten, dass er die AfD halbiert, wie er einmal angekündigt hat. Aber er ist der Politikertypus, der überhaupt eine Chance hat, der emotionalen Mobilisierung von Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen.

Um AfD-Wähler zurückzugewinnen, muss additionally über die vorrationalen Ursachen ihrer Anhängerschaft nachgedacht werden, die Rachegelüste, den Ordnungssinn, die Empfänglichkeit für Ängste, die Personalisierung der neuen Medienwelt, die Authentizität von AfD-Politikern. Die demokratischen Parteien müssen furchtlose, authentische Persönlichkeiten anbieten, denen man glaubt, eine Ordnung einzuhalten. Gewiss gibt es auch AfD-Wähler, die für ein rationales Angebot empfänglich sind. Aber das waren ohnehin nie die AfD-Wähler, vor denen das Publikum ratlos stand und nicht weiterwusste.

Und in allen Parteien werden geeignete Persönlichkeiten gebraucht, um solche Menschen zu erreichen. An den Rändern geschieht das schon. AfD und Linkspartei erleben enormen Zuspruch, weil sie die Regeln dieser neuen Medienwelt beherzigen. Erst wenn die übrigen Parteien ihr Personal angepasst haben, wird auch die politische Mitte in Deutschland wieder zukunftsfähig sein.

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