In Thüringen gilt Zalando als Verräter: „Die hässliche Fratze des Kapitalismus“ | EUROtoday
Es ist 9.30 Uhr, als Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn am 8. Januar einen Anruf bekommt. Am Telefon ist Astrid Arndt, Vorstandsmitglied des Onlinemodehändlers Zalando. Sie teilt dem Stadtoberhaupt mit, dass das Unternehmen seinen Standort in Erfurt Ende September schließen werde.
Schlechter hätte das Jahr für den CDU-Politiker kaum beginnen können. Denn Zalando ist der größte Arbeitgeber in der thüringischen Landeshauptstadt, in seinem Werk arbeiten 2700 Beschäftigte. Der Logistikkonzern zahlt auch die meiste Gewerbesteuer, im letzten Jahr waren es wohl acht Millionen Euro.
Ob es irgendeine Chance gebe, die Entscheidung abzuwenden, fragt Horn. Nein, lautet die Antwort. Er habe erwartet, dass man früher mit ihm gesprochen hätte, sagt er noch. Das conflict’s. Wenige Minuten davor conflict Thüringens CDU-Ministerpräsident Mario Voigt informiert worden. Um kurz vor 11 Uhr teilt Zalandos Ko-Chef David Schröder der Belegschaft die Hiobsbotschaft mit. Der Betriebsrat hatte sie eine gute Stunde früher erfahren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Seitdem ist die Wut groß. Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken, heute Vizepräsident des Bundestags, setzte als Erster den Ton: „Raubtier-Kapitalismus brutal“. Bundesumweltminister Carsten Schneider von der SPD, der aus Erfurt kommt, sprach in einem Video von einer „perfiden Aktion“. Zalando zeige „die hässliche Fratze des Kapitalismus“. Das Unternehmen müsse seine Entscheidung rückgängig machen.
Als Schneider sein Video aufnimmt, hat Oberbürgermeister Horn schon eine Krisensitzung mit der Wirtschafts-, der Sozial- und der Finanzministerin Thüringens im Rathaus organisiert. Zalando-Vorständin Arndt ist nach Erfurt gereist. Fazit des Treffens: Die Entscheidung ist endgültig.
Zalando gilt als Verräter
Dass ein Konzern sich neu ausrichtet nach einer Fusion wie der, die Zalando vor intestine einem Jahr mit dem Mode-Onlinehändler About You einging, ist nicht ungewöhnlich. Doch in Thüringen gilt Zalando seitdem als Verräter – an der Marktwirtschaft, an Ostdeutschland und den guten Sitten.
In Erfurt hatte Zalando das erste eigene Logistikzentrum gebaut, es gilt als das Stammwerk. Von den insgesamt rund 15.000 Beschäftigten arbeitet hier quick ein Fünftel. Als Zalando sich 2012 für den Standort entschied, conflict es noch ein sich stürmisch entwickelndes Start-up, das eine große Investition wagte. Das Land Thüringen bot den jungen Leuten aus Berlin 22 Millionen Euro Fördermittel aus einem EU-Topf. Und eine Fläche von 20 Hektar. „Das waren unsere Vorteile“, sagt der damalige Wirtschaftsminister Matthias Machnig.
Er habe als Sozialdemokrat nur zwei Bedingungen gestellt: Das Unternehmen müsse Mindestlohn zahlen, und es müsse einen Betriebsrat geben. Die jungen Leute willigten ein. Zalando investierte 170 Millionen Euro in Erfurt. Es ließ eine Riesenhalle von 126.000 Quadratmetern bauen, den „größten Kleiderschrank Europas“. Das Werk wurde Vorreiter für die Logistikbranche in der Mitte Deutschlands. Erfurt liegt an zwei Autobahnen und hat einen ICE-Anschluss.

Doch die jungen Jahre des Onlineschuhhändlers, der sein Angebot auf Mode und Kosmetik ausweitete und dann auch in Österreich und der Schweiz aktiv wurde, sind vorbei. Der Dax-Konzern ist heute in 25 Ländern aktiv. Als er in Erfurt landete, gab es noch nicht einmal Smartphones, mittlerweile aber krempelt KI die Branche um. In Erfurt werden die Pakete noch von den Mitarbeitern gepackt. Am neuen Standort im hessischen Gießen dagegen werden Maschinen und Roboter einen großen Teil der Arbeit übernehmen.
Dort werden 1000 Menschen weniger arbeiten als in Erfurt. In Gießen verfüge man über „moderne Automatisierungstechnik, die für unsere langfristige Wettbewerbsfähigkeit entscheidend ist“, teilt der Konzern mit. Schneller und effizienter wolle man sein, jährlich fünf bis zehn Prozent wachsen, hatte Vorstandschef Schröder pünktlich zur Verkündung der Schließung im F.A.Z.-Interview gesagt.
„Das grenzt an arglistige Täuschung“
Was man Zalando in Thüringen vor allem übel nimmt, ist die Art, wie das Aus verkündet wurde. Die Belegschaft ließ man im Glauben, alles sei bestens. „Man hat die Mitarbeiter in Erfurt in Sicherheit gewiegt. Man hat ihnen noch auf der Weihnachtsfeier für ihr tolles Engagement gedankt, hat sie mit neuer Dienstkleidung ausgestattet. Das grenzt an arglistige Täuschung“, sagt Katharina Schenk, Thüringens Arbeitsministerin von der SPD.
Der Konzern habe seinen Entschluss „fast and soiled“ durchziehen wollen, sagt Wirtschaftsministerin Colette Boos-John. Doch damit habe man der Politik und den Beschäftigten die Möglichkeit genommen, Alternativen zu diskutieren. „Unternehmerisch kann man die Entscheidung möglicherweise noch nachvollziehen – die Kommunikation und der Umgang mit den Beschäftigten conflict seitens Zalando aber unterirdisch“, so Boos-John, die Unternehmerin ist und der CDU angehört.
In Erfurt wird vermutet, dass die Entscheidung im Oktober 2025 gefallen ist. Denn bis September hatte Zalando dort noch eingestellt. Der Konzern teilt auf Anfrage mit: „Wir haben die politischen Entscheidungsträger so früh wie möglich informiert.“ Das glaubt in Erfurt allerdings niemand.
Im Falle des Betriebsrats formuliert Zalando den Satz etwas anders. Man habe ihn „an dem aus unserer Sicht frühestmöglichen Zeitpunkt informiert“. Für Zalando ist dieser Punkt wohl wichtig. Denn eigentlich ist das Unternehmen nach dem Betriebsverfassungsgesetz verpflichtet, vor dem Beschluss zur Schließung den Betriebsrat umfassend und frühzeitig zu informieren – ein möglicher Verstoß könnte arbeitsrechtliche Folgen haben.

Für das linke politische Spektrum bietet das Zalando-Drama Raum für vielfältige Aktivitäten. Bodo Ramelow hat seine Rolle als Gewerkschafter wiederentdeckt, durch die er sich in Thüringen noch vor seiner Zeit als Ministerpräsident einen Namen machte.
Er ist jetzt Berater des Betriebsrats, mit dem er in engem Austausch steht. Ein Rechtsanwalt sei engagiert worden und eine Beratungsfirma aus Rheinland-Pfalz, die das Vorgehen von Zalando prüfen soll, berichtet er. Ramelow ist entschlossen, den Konzern nicht billig davonkommen zu lassen. Er hat sich umgehend an die Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende Bärbel Bas gewandt und an Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, um sich Unterstützung zu sichern. Auch in Erfurt hat er sich parteiübergreifend vernetzt.
Pfiffe und Buhrufe für die Zalando-Vorständin
Er will eine „mittelfristige Perspektive“ für den Standort Erfurt erreichen. Ein anderes Unternehmen könne das Objekt übernehmen oder ein Teil der Belegschaft in eine Transfergesellschaft wechseln. Auf der Betriebsversammlung in einer Erfurter Messehalle, zu der Anfang Februar 1500 Zalando-Mitarbeiter gekommen waren, sprach Ramelow als Erster, noch vor Ministerpräsident Voigt. Es gab Pfiffe und Buhrufe gegen die angereiste Vorständin Arndt, die Stimmung conflict aufgeheizt. Der Erfurter Standortleiter sagte, er habe auch nichts gewusst, berichten Teilnehmer. Journalisten waren nicht zugelassen.
Vor wenigen Tagen erreichte das Scherbengericht über den fahnenflüchtigen Konzern den Thüringer Landtag. Die Linke hatte eine Sondersitzung einberufen, warf Zalando „Fördermitteltourismus“ und „Förderhopping“ vor. Im Sinne: 22 Millionen Euro abgegriffen und sich dann aus dem Staub gemacht.
Allerdings waren die 22 Millionen an die Verpflichtung geknüpft, mindestens 500 Arbeitsplätze zu schaffen, was Zalando erfüllt hat. Und die Zeit, die das Unternehmen am Standort bleiben musste, ohne etwas zurückzuzahlen, lief schon 2019 aus. „Für den Standort Gießen erhalten wir keine Subventionen, sodass der Vorwurf des ,Hoppings‘ nicht haltbar ist“, schreibt Zalando zu dem Vorwurf.
Verhalten sei „asozial“ und „schäbig“
Die Linke aber schlägt vor, Fördergelder zukünftig nur an Firmen zu geben, die sich an Tarifverträge halten und Thüringen treu bleiben. Strengere Auflagen würden dazu führen, dass Unternehmen lieber woanders investierten, hält die CDU dagegen. Sie tut sich allerdings angesichts der allgemeinen Empörung schwer, den Linken entgegenzutreten. Zalando habe ein Vielfaches der Fördersumme an Gewerbesteuer bezahlt, sagte ihr wirtschaftspolitischer Sprecher Martin Henkel in der Debatte. Das Verhalten des Unternehmens sei dennoch „asozial“ und „schäbig“.
Doch die moralische Empörung über Zalando schlägt selbst bei Kritikern wie Ramelow mitunter in Sympathie um, „nicht nur, weil meine Frau da Kundin ist“, wie der Linken-Politiker sagt. Ramelow spricht etwa von der Diversität, die er bei dem Unternehmen schätze. Wer zum Schichtwechsel gegen 14 Uhr zum Werkseingang im Güterverkehrszentrum Erfurt geht, kann erleben, was das heißt.

Ältere und viele junge Leute kommen hier an, alle tragen die Arbeitskleidung, schwarzer Pulli oder Jacke mit dem orangefarbenen Zalando-Herz. Man hört viel Polnisch und Rumänisch. Adrian, ein junger Mann aus Rumänien, ist vor drei Jahren zur Arbeit nach Erfurt gekommen. Sein Deutsch ist schwach, aber er kann erklären, dass seine Frau schwanger ist, in zwei Monaten soll das Kind kommen. „Jetzt Zalando zu, Scheiße“, sagt er.
Die Beschäftigten nennen sich die Zalandos
Wer mit Irena Michel spricht, kann mehr erfahren über die Zalandos, wie sich die Beschäftigten nennen. Die Chefin der Bundesagentur in Erfurt ist seit Wochen im Einsatz, um Leute in Arbeit zu halten. Seit dem 19. Januar sind vier Teams zu je zwei Mitarbeitern in Büros auf dem Werksgelände tätig. Michel hat gute Erfahrungen mit dem Unternehmen gemacht. „Zalando hat der Diversität das Gesicht gegeben, das ich mir von vielen anderen Unternehmen wünschen würde“, sagt sie.
In Erfurt sind 1700 der 2700 Beschäftigten Ausländer, das macht 63 Prozent. Die größte Gruppe sind die rund 500 Polen, gefolgt von den Rumänen, sie nutzen die Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der EU. Dazu kommen Afghanen, Syrer oder Ukrainer, insgesamt Leute aus intestine 60 Nationen.
Bei der ersten Flüchtlingswelle um 2015 hat Zalando viele Leute eingestellt, ebenso als die Ukrainer vor Putins Angriffskrieg flohen. Eine kleine Zahl, etwa fünfzig Menschen, hat nur eine Duldung. „Berufliche Tätigkeit schützt nicht an sich vor Abschiebung“, sagt Michel, „aber wer bei Zalando arbeitet, wurde nicht abgeschoben.“ Das Unternehmen informiert die Mitarbeiter in vielen Sprachen.
Wenn Familien mit Kindern aus Thüringen weggingen, sei das deadly
Auch hat Zalando in Erfurt rund 170 Personen mit verschiedenen Beeinträchtigungen, etwa Gehörlose, eingestellt. Rund 80 Prozent der Beschäftigten haben keinen Berufsabschluss. Sie arbeiten in drei Schichten, manche nur nachts, um mehr Geld zu verdienen und ihre Angehörigen im Ausland zu versorgen. Dass die Arbeitslosigkeit heute in Thüringen nicht höher als im Bundesdurchschnitt ist, hat auch damit zu tun, dass viele Geringqualifizierte in Unternehmen wie Zalando untergekommen sind.
Die AfD kritisiert die „Anwerbung gering qualifizierter Ausländer“ als „völligen Irrweg“ und spricht im Landtag von Zalando als „Multikulti-Betrieb“. Wichtiger sei es, sich um deutsche Arbeitslose zu kümmern. Irena Michel kann diesem Gegeneinander nichts abgewinnen. „Wir brauchen hier jede Arbeitskraft“, sagt sie und erinnert daran, dass Thüringen, das Bundesland mit dem zweithöchsten Durchschnittsalter, von der demographischen Krise besonders betroffen sei. Wenn Familien mit Kindern weggingen, sei das deadly.
Vor wenigen Tagen hat Zalando zusammen mit der Bundesagentur eine Jobbörse für die Mitarbeiter im Erfurter Steigerwaldstadion veranstaltet. Mehr als 80 Firmen haben dort informiert, rund 1100 Beschäftigte sind gekommen.
Die Hoffnung, eine neue Stelle in Thüringen zu finden, ist groß. Viele Firmen suchen Fachkräfte. So will etwa Zeitfracht, ein Unternehmen, das von Erfurt aus vor allem Bücher verschickt, eine dreistellige Zahl von Zalando-Mitarbeitern einstellen. Auch Adrian aus Rumänien conflict im Stadion und sagt, er hätte vielleicht sogar eine Stelle in Aussicht. Aber der Betrieb ist 70 Kilometer von Erfurt entfernt. Das sei zu viel Geld fürs Benzin.
Ein anderer Mitarbeiter, ein Deutscher, der seinen Namen nicht nennen will, sagt, er sei von Anfang an bei Zalando dabei gewesen, additionally seit 14 Jahren. „Die Stimmung ist jetzt, na, sagen wir mal, am unteren Ende.“ Auch er conflict auf der Jobbörse im Stadion, eine neue Arbeit hat er noch nicht in Aussicht. Aber die Sache hat ihm Zuversicht gegeben. „Ich kenne immerhin die Richtung, wo es hingehen könnte“, sagt er – und muss gehen. Seine Schicht beginnt.
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