Ukraine-Krieg: Warum der Donbass gerade der tödlichste Kriegsschauplatz der Welt ist | EUROtoday
Einfahrt ins Donbass bei Nacht. Vorne ein Kontrollpunkt der Ukrainer. Licht aus. Die Russen sind nah, und Scheinwerfer ziehen Drohnen an. Also Dunkel-Slalom durch die Sperren. Der Posten, ein schwarzer Schattenriss vor gestapelten Betonblöcken, nickt, winkt freie Fahrt.
Das Donbass im Osten der Ukraine ist gerade der tödlichste Kriegsschauplatz der Erde. Seit vier Jahren versucht Wladimir Putin, es zu erobern. Die russische Armee verliert dabei nach westlichen Schätzungen etwa tausend Soldaten am Tag, aber sie kommt nur zentimeterweise voran, weil die Ukrainer sich verbissen wehren. Der alte Verwaltungssitz des Gebiets, die Millionenmetropole Donezk mit ihren Gruben und Stahlhütten, ist zwar längst unter der Herrschaft der Besatzer, aber den nördlichen Zipfel, den Ballungsraum um die Industriezentren Kramatorsk und Slowjansk, haben die Russen bis heute nicht nehmen können.
Jetzt aber könnten Kramatorsk und seine Nachbarstädte Opfer eines Großmachtdeals werden. Donald Trump scheint für Putins Eroberungsdrang Verständnis zu haben, und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt, Amerika verlange von ihm, Kramatorsk und Umgebung kampflos aufzugeben. Dafür könnte es dann Garantien geben, die aus ukrainischer Sicht aber noch nicht konkret genug sind. Der amerikanische Außenminister Marco Rubio stellt das zwar anders dar, aber westliche Gesprächspartner der F.A.S. bestätigen, dass Trump für die künftige Verwaltung dieses Gebiets auch seinem „Friedensrat“ eine möglicherweise lukrative Rolle geben will. Der selben Organisation unter seinem lebenslangen Vorsitz additionally, die auch das zerstörte Gaza zur Goldgrube befreundeter Investoren machen soll.
Die ukrainische Führung wehrt sich, so intestine sie kann. Der von Kiew eingesetzte Gouverneur Vadim Filaschkin, ein Mann, der bei Interviews mit Pistole auftritt, sagt der F.A.S., in den verbliebenen Siedlungen der Region lebten noch 178.000 Menschen. Aber nicht nur sie kämen in Gefahr, wenn Russland einmarschieren würde. Die ganze Ukraine ginge ein Risiko ein, denn die Armee hat das Gebiet um Kramatorsk militärisch so stark ausgebaut, dass Russland beim Schneckentempo seines jetzigen Vormarsches nach Ansicht der Analysegruppe Deep State zwei Jahre brauchen würde, um es zu erobern. Die Verluste wären dabei enorm. Weil aber die Hoffnung der Ukraine aufs Überleben vor allem auf dem Kalkül beruht, dass Russland solche Verluste nicht ewig wegstecken kann, ist man in Kiew überzeugt: Wenn wir unseren „Festungsgürtel“ im Donbass aus der Hand geben, öffnen wir Putin die Tür. Dann haben wir verloren.
Die Hauptstraße nach Kramatorsk ist gesperrt, es geht seitlich über die Dörfer. Die Piste ist durch kilometerlange Netztunnel gegen Drohnen gesichert, sie ist eine Mondlandschaft, nachdem ein langer Winter und viele Hundert Panzer über sie hinweggegangen sind. Pick-ups, Lastwagen und die Tieflader des Militärs fahren Kurven zwischen scharfkantigen Schlaglöchern. Das Tempo ist trotzdem wild, denn wenn Drohnen kommen, trifft es den Langsamsten. Alle paar Kilometer sieht man Männer mit Stirnlampen kaputte Reifen wechseln.
Kramatorsk ist eine Industriestadt vom Reißbrett. Vor etwa neunzig Jahren, als das Donbass noch kein Kriegsgebiet warfare, sondern eines der wichtigsten Kohle- und Stahlkonglomerate der Sowjetunion, wuchs hier um einen Kern aus neun Maschinenfabriken und Kraftwerken ein Raster aus Wohnblocks in die Steppe.
Jetzt sind nur noch wenige Fenster hell, viele Blocks sind beschädigt. Viele Fenster sind hohl, in den Dächern klaffen Krater, aber oft scheint nur einen Treppenaufgang weiter dann wieder Licht. Die Maschinenfabriken sind zerschossene Skelette, und an den Stalin-Tempeln und um den Friedensplatz, früher Leninplatz, sind quick alle Fenster mit Spanplatten zugenagelt. Der Bahnhof ist geschlossen. Er warfare die Keimzelle der Stadt, als Kramatorsk im 19. Jahrhundert als Station der Linie Kursk–Charkiw–Asow in der Steppe gegründet wurde. Jetzt, nach einigen tödlichen Treffern, kommt hier kein Zug mehr, und die Hotdogbuden am Vorplatz haben den Betrieb eingestellt.
Viele sind ausgewandert. Der Gouverneur sagt, von einst 147.000 Einwohnern seien vielleicht noch 50.000 in Kramatorsk. Zuletzt habe sich die Zahl allerdings stabilisiert, denn neben Auswanderung gebe es auch Zuwachs: Immer, wenn draußen in der Todeszone wieder ein Dorf an die Russen falle, kämen neue Bewohner in den Schutz der Stadt.
Die ist auf den Kampf vorbereitet. Die Parks sind von Schützengräben durchzogen, die Tankstellen mit Sandsäcken verbarrikadiert, und für die Passanten stehen Schutzhäuschen aus Betonfertigteilen auf den Gehsteigen. Auf den Straßen sieht man die Mad-Max-Mobile der ukrainischen Armee: Pick-ups ohne Nummern und Kotflügel aus aller Herren Länder, mit aufgeschweißten Drahtkäfigen und Störsendern am Dach gegen Drohnen gesichert. Manche Sender sehen aus wie Irokesenfrisuren, andere wie Pilze oder Kochtöpfe. An den Imbissbuden essen Soldaten Hamburger.
Und dann gibt es noch die ganz normalen Leute. Sie stehen an Haltestellen in Hundegebell und fernem Geschützdonner, sie quetschen sich in überfüllte Busse, weil die Straßenbahn nicht mehr fährt, und manche ziehen auf Handkarren Wasserbehälter hinter sich her. Kinder sieht man kaum, die Schulen sind geschlossen.
Außer auf dem „Planeten des Wissens“. Da gibt es Kinder, denn der „Planet des Wissens“ ist eine Privatkita mit zugenagelten Fenstern, in welche manche der verbliebenen Bewohner von Kramatorsk ihre Kinder bringen. Das ist sicherer als zu Hause. Im Kindergarten sind zwar in den letzten Tagen gleich zweimal nach Treffern in der Nachbarschaft die Fenster rausgeflogen, aber der Keller ist geräumig und trocken. Die Kinder sind den ganzen Tag unten. Nur zum Essen kommen sie hoch, denn oben ist der Speisesaal.
Hier kämpfen farbige Lampions gegen die Traurigkeit, und gerade kommen die Kinder die Treppe herauf. Es ist Mittag, es riecht nach Buletten, und Jelena Boyko dirigiert ein Dutzend Mädchen und Jungs zu ihren Tischchen. Sie kichern und giggeln in ihren Micky-Maus- und Pokémon-T-Shirts, quick so, als gäbe es keinen Krieg. In einer Ecke steht in großen Plastikbehältern neben einem Notstromaggregat die Wasserreserve. Für alle Fälle.
Jetzt erzählt Jelena, wie sich der Wortschatz der Kinder verändert hat. „Gleitbombe“ oder „Shahed-Drohne“ kommen schon Fünfjährigen glatt über die Lippen, und sie kennen auch den Unterschied zwischen „ausgehendem“ und „einkommendem“ Feuer. „Wir versuchen sie abzulenken“, sagt sie. „Das hilft uns allen. Den Kindern, den Eltern und auch uns selbst – damit wir hier nicht verrückt werden.“
Jelena gehört zu denen, die mit Familie geblieben sind. Ihr Mann arbeitet an einer Tankstelle, ihre Tochter ist mit zwei Kindern auch noch da, der Mann der Tochter ist im Krieg. „Die Stadt ist nicht tot“, sagt Jelena. Es gebe, was man brauche: Krankenhäuser, Restaurants und sogar Tanzschulen. „Die Stadt lebt.“
Das Donbass warfare mit seinen Zechen und Walzwerken das Ruhrgebiet der Ukraine, aber jetzt, sagt der Gouverneur, haben die russischen Bomben von der alten Schwerindustrie nur Trümmer zurückgelassen.
Was außerdem noch übrig ist, sieht man am Straßenrand: Winkemännchen werben für Fast-Food-Buden, Reklametafeln für Militärbedarf. Im „Freunde der Pizza“, einem der Restaurants, die noch in Betrieb sind, sitzen quick nur Männer. Mit Bärten und Tattoos geschmückt tragen sie die lässig-wilden Kampfmonturen der ukrainischen Armee und trinken Energydrinks. Die Speisekarte ist per QR-Code aufrufbar, sie zeigt ein Menü von Borschtsch bis Sushi. Bier gibt es nur alkoholfrei, denn im Donbass ist Alkohol seit Russlands Großüberfall verboten.
„Die Stadt ist nicht tot. Die Stadt lebt.“
JELENA, Erzieherin
Wer sich umsieht, versteht: Diese Stadt wird von der Armee nicht nur geschützt. Sie lebt auch von der Armee. Das „Zentralkaufhaus“, seit sowjetischen Zeiten der wichtigste Warenumschlagplatz der Stadt, beherbergt in seinem noch quick unbeschädigten Erdgeschoss neben einem Lebensmittelladen vor allem einen intestine sortierten Supermarkt für Soldatenbedarf: Schlafsäcke, Helme und Mehrzweckmesser füllen die Regale, dazu Minihandgranaten für den Schlüsselbund. Und weil all diese Soldaten ja auch irgendwo wohnen müssen, haben die Leute von Kramatorsk noch ein weiteres Geschäftsfeld entdeckt: Sie vermieten leer stehende Wohnungen ans Militär. Zwei Zimmer, Küche, Bad für hundert Euro im Monat.
Die Verwaltung versucht, die Stadt in Schuss zu halten. Wird eine Straße zu oft von Drohnen angegriffen, stellt sie Warnschilder auf, damit die Leute Gas geben. Der Gouverneur sagt, man bemühe sich nach jedem russischen Treffer, die Ruine zu sichern und den Schutt in spätestens drei Tagen wegzuräumen. Dem Augenschein nach gelingt das auch ganz intestine, Kramatorsk wirkt trotz Schäden aufgeräumt. Vor allem die wenigen noch befahrbaren Ausfallstraßen zur freien Ukraine werden everlasting repariert. Immer wieder sieht man Bautrupps im Dampf von frischem Asphalt. Straßen sind lebenswichtig für die Verteidigung. Wenn sie ausfallen, fällt die Stadt.
Allerdings sind nicht alle in Kramatorsk für die Ukraine. Als Stalin hier vor drei Generationen Kohlegruben in die Erde trieb und Stahlwerke aus dem Boden stampfte, brachte er Arbeiter aus der ganzen Sowjetunion. Ihre gemeinsame Sprache warfare Russisch, das Ukrainische wurde immer seltener. Eine spezielle Sonderidentität entstand. In der Volkszählung von 2001 gaben 67 Prozent Russisch als Muttersprache an, aber zugleich beschrieben 70 Prozent ihre Nationalität als „ukrainisch“. Eine Umfrage des Kiewer Rasumkow-Zentrums von 2007, additionally aus der Zeit vor Putins erstem Überfall im Jahr 2014, ergab, dass im Gebiet Donezk nur 14 Prozent der Befragten gerne zu Russland gehören würden. In solchen Umfragen zeigte sich der Typus des Russisch sprechenden Ukrainers.
Es gab verschiedene Grade von Mischidentitäten. Jelena zum Beispiel, die Erzieherin unter der Erde, sprach als Kind eine Mischung aus Russisch und Ukrainisch namens „Surschyk“. Das ist ein Dialekt, der in vielen Regionen der östlichen und südlichen Ukraine vorkommt und überall anders klingt. Sie sagt, vor dem Krieg hätten die Leute in Kramatorsk Russland noch gemocht. Seit aber Putin jeden Tag Gleitbomben schicke, sei das vorbei. „Alle, die ich kenne, sind für die Ukraine. Was Russland uns antut, ist schwer zu verzeihen.“
Neuere statistische Daten sind nicht sehr aussagefähig. Das Kiewer Umfrageinstitut KIIS zum Beispiel führt für das Donbass keine gesonderten Umfragen durch. Deshalb kann es nur auf die relativ kleine Zahl von Donbass-Stimmen zurückgreifen, die in seine gesamtstaatlichen Erhebungen einfließen. Bei einer der letzten Befragungen waren das insgesamt 23 Personen. Nur sechs waren bereit, den Russen ihr Land zu überlassen. Die große Mehrheit wollte das nicht. Allerdings ist das Ergebnis bei einer so kleinen Gesamtzahl nicht repräsentativ.
„Alle, die ich kenne, sind für die Ukraine. Was Russland uns antut, ist schwer zu verzeihen.“
JELENA, Erzieherin
Der Augenschein scheint es aber zu bestätigen. Im Fanshop von Schachtar Donezk, dem Fußballklub, der für die Identität des alten Donbass quick genauso wichtig warfare wie der Qualm über den Kokereien, sind die Regale nicht nur voller Schachtar-Schals und -Mützen, sondern auch voll von Hoodies mit ukrainischen Kampfmotiven. Wahlweise gibt es Samurais mit Kalaschnikow und Kosaken mit Reitersäbeln.
Hinter der Theke steht Lilia Ostrojuschko. Sie ist Mitte zwanzig, und schon ihr Vater und ihr Großvater waren Fans von Schachtar. Unter den Jungen, sagt sie, seine heute alle für die Ukraine. Ihr Freund sei bei der Armee.
Es gibt allerdings auch die „Schduny“. „Schduny“ heißt „Wartende“ und bezeichnet Leute, die nur deswegen in Kramatorsk geblieben sind, weil sie hoffen, dass die Russen bald kommen. Man trifft sie nicht oft, vielleicht auch, weil sie lieber schweigen, als ihre wahren Sympathien zu zeigen. Aber Lilias Freund, der Soldat, hat erzählt, eine alte Frau habe ihn neulich wüst beschimpft „Warum seid ihr da?!“, habe sie gerufen. „Warum bringt ihr uns um?“
Auch andere Soldaten berichten von gemischten Erlebnissen. Ein Panzersoldat erzählt vor seinem Käfig-Mobil, wie unterschiedlich die Leute reagierten, wenn die Armee ein Haus mieten wolle, um Soldaten oder einen Gefechtsstand darin unterzubringen: Manche freuten sich und böten das Haus free of charge an, andere verlangten Wucherpreise, und wieder andere hätten russische Fahnen im Flur. Manche Leute kämen mit Wasser und Essen zu den Soldaten, andere verrieten ihre Stellung an die Russen.
Eines aber haben alle gemeinsam: Die Leute von Kramatorsk haben gelernt, mit dem Krieg zu leben. An den Bushaltestellen heben sie kaum noch die Augen, wenn wieder einmal eine ferne Druckwelle durchrast, weil ein paar Straßen weiter etwas explodiert ist. Jelena macht dann Witze: „Kino haben wir keines mehr. Aber unser ganzes Leben ist ja Kino. Mit Spezialeffekten“.
Und was, wenn Trump und Putin eines Tages ihren Deal besiegeln und Kramatorsk am Ende doch russisch wird? „Das fürchte ich mehr als alles“, sagt Jelena. „Dann müssen wir weg.“
https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/ukraine-krieg-warum-der-donbass-gerade-der-toedlichste-kriegsschauplatz-der-welt-ist-200693114.html