Der Tschernobyl-Imperativ: Deutschlands normative Konsequenzen | EUROtoday
In stiller Nacht der dumpfe Knall einer Explosion. Der tausend Tonnen schwere Betondeckel wird in die Luft gesprengt. Purpurner Lichtschein überwölbt den zerborstenen, brennenden Kraftwerksblock, irgendwo dort hinter dem Eisernen Vorhang, in der fernen Sowjetunion. Ein Drama für die Menschen in der Ukraine und Belarus – mit Folgen weit darüber hinaus: Winde verteilen radioaktive Partikel über ganz Europa, bis in die Türkei, bis nach Lappland, bis nach Irland, auch nach Deutschland. Und die Wolken transportieren noch etwas anderes: Angst.
Mehr als 300.000 Menschen verlieren ihre Heimat – nur der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der Zerfall Jugoslawiens haben nach dem Zweiten Weltkrieg zu mehr Vertreibung in Europa geführt als Tschernobyl. Zehntausende Menschen bezahlen mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben. Eine halbe Million Soldaten und Freiwillige aus der gesamten Sowjetunion werden zu Aufräumarbeiten als „Liquidatoren“ eingesetzt. Doch trotz ihres wahrhaft heldenhaften Einsatzes: Die Folgen dieser Katastrophe lassen sich nicht liquidieren.
Kette von Fehlannahmen
Ein aktuelles Beispiel: Im Februar vergangenen Jahres durchschlägt eine russische Kampfdrohne die neue Schutzhülle in Tschernobyl und reißt ein fünfzehn Quadratmeter großes Loch. Erst vor neun Jahren wurde der 1986 improvisierte stählerne sogenannte Sarkophag durch diese zweite Schutzhülle eingeschlossen, dreimal so groß wie die Hamburger Bahnhofshalle, ein gigantisches Wunderwerk der Technik, Kosten: über zwei Milliarden Euro. Die Hülle sollte es ermöglichen, den maroden Sarkophag zu zerlegen, bevor er kollabiert, und zusammen mit dem darunter befindlichen hoch radioaktiven Atommüll zu bergen. Eine Herkulesaufgabe für hundert Jahre, knapp kalkuliert.
Aber infolge der Drohnen-Explosion breitete sich ein Schwelbrand im Raum zwischen Außen- und Innenwand über riesige Flächen aus, der erst nach drei Wochen gelöscht werden konnte. Als Folge ist das System der Feuchtigkeitsreduktion schwer beschädigt. Wenn deshalb aber nun Stahlteile rosten, droht die Lebensdauer der Schutzhülle für die Bergung des Atommülls nicht mehr auszureichen.
Die Kosten für geplante Reparaturen werden jetzt mit einer halben Milliarde Euro veranschlagt. Bei der Konzeption der Schutzhülle warfare der mögliche Angriff einer Kampfdrohne nicht in Betracht gezogen worden. Eine Fehlannahme. Und genau hierin liegt die bittere Ironie: Die Geschichte von Tschernobyl besteht aus einer endlosen Kette von Fehlannahmen.

Die historische Bedeutung des Unfalls reicht weit über die radioaktive Verseuchung und die gesundheitlichen Folgen hinaus. Rückblickend räumte Michael Gorbatschow ein, damals der Machthaber im Moskauer Kreml: „Die Kernschmelze von Tschernobyl warfare wohl – mehr noch als meine Perestroika – die wahre Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion.“ Dazu passt die Einordnung der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko: „Das Schicksal der Ukraine wurde durch die Katastrophe von Tschernobyl besiegelt. Denn danach begann die ukrainische Gesellschaft, die jahrzehntelange Angst abzuschütteln, die die Nation gelähmt hatte.“ Aber warum ist das Interesse an Tschernobyl auch in Deutschland bis heute ungebrochen?
Verharmlosende Informationspolitik
Natürlich konnte man am 26. April 1986 die Explosion in Deutschland nicht hören. Was man hörte, warfare Werner Veigels unverwechselbare „Tagesschau“-Stimme, stets kontrolliert und doch heat und leicht rauchig: „In der Sowjetunion hat sich offenbar ein ernster Atomunfall ereignet.“ Da brannte der Reaktorblock bereits seit siebzig Stunden. Das Wort „offenbar“ stand hier für den Versuch der Sowjetregierung, den Reaktorunfall zu vertuschen.
Für viele Menschen in der DDR, die von Tschernobyl aus dem Westfernsehen erfuhren, warfare dies der Moment, in dem sie nicht nur ahnten, sondern bewiesen bekamen, dass der Staat sogar bei existenziellen Gefahren nicht die Wahrheit sagte. Mitglieder der Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR verteilten Rundbriefe und verfassten Aufrufe an die Volkskammer. Aufmerksamkeit erregte der Appell „Tschernobyl wirkt überall“ an den DDR-Ministerrat, der die verharmlosende Informationspolitik der Regierung scharf kritisierte und 141 Unterschriften aus der Umwelt-Szene trug.
Die Stasi warfare alarmiert und erließ einen zentralen Befehl, die Unterzeichner ausfindig zu machen, weitere Aktionen zu unterbinden und bereits zirkulierende Exemplare des Aufrufs zu beschlagnahmen. Kurz darauf erklärte Erich Honecker etwas kryptisch, die Kernenergie sei „nicht das letzte Wort“. Man hatte wohl Sorge, dass das Thema Atomkraft virulent werden könne wie im Westen. Dennoch, Tschernobyl warfare sicher nicht die „wahre Ursache“ für den Zusammenbruch der DDR. Und doch lieferte Tschernobyl eine weitere Bestätigung für das tiefe Misstrauen gegenüber der Regierung und verstärkte den Unmut, dreieinhalb Jahre vor dem Mauerfall.

In der Bundesrepublik warfare bereits in den frühen 1970er Jahren eine Antiatombewegung entstanden: 1972 initiierte die Bürgerinitiative Umweltschutz im Breisgau eine Unterschriftenkampagne gegen ein geplantes Atomkraftwerk in Breisach – mit Erfolg. Diese Erfahrung wirkte mobilisierend: Es folgten drei Jahre später die Bauplatz-Besetzung in Wyhl und im Lauf der Jahre immer größere und massivere Antiatomproteste, zum Teil begleitet von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei: Wackersdorf, Brokdorf – 1981 mit hunderttausend Teilnehmenden – und natürlich Gorleben.
Die Bundesregierung reagierte anfangs demonstrativ gelassen auf die Nachrichten aus der Sowjetunion. Ein lächelnder Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann von der CSU erklärte, eine Gefährdung der Bevölkerung in der Bundesrepublik sei „definitiv auszuschließen“, Maßnahmen seien nicht erforderlich.
Aber in den Tagen danach schnellten die gemessenen Strahlenwerte in die Höhe, vor allem in Bayern. Der Unfall traf die Behörden ähnlich unvorbereitet wie in der DDR. Es fehlte sowohl an einheitlichen und verbindlichen Grenzwerten als auch an Notfallplänen und klaren Handlungsanweisungen. Widersprüchliche Hinweise verunsicherten die Bevölkerung nur noch mehr. Viele Menschen reagierten darauf, indem sie auf frische Lebensmittel verzichteten und stattdessen zu haltbaren Produkten wie H-Milch oder Konserven griffen. Spielplätze wurden geschlossen, Sportveranstaltungen abgesagt.
Ganz Europa warfare betroffen
Die Detonation erzeugte eine Diskursverschiebung mit einer Art gesellschaftlichen Beweislastumkehr: Fortan mussten nicht mehr Atomkraftgegner belegen, dass es eine Atomkatastrophe geben könne – sondern die Atombefürworter mussten belegen, dass eine Atomkatastrophe auszuschließen sei. Und das konnten sie nicht. Umfragen zeigten, dass sich nach Tschernobyl die Zahl der überzeugten Atomgegner sprunghaft von 13 auf 27 Prozent verdoppelte.
Ganz Europa warfare betroffen, aber die Tschernobyl-Rezeption in der Bundesrepublik unterschied sich erheblich von der in anderen europäischen Staaten: Hier traf die Tschernobyl-Katastrophe auf eine sehr spezifische politische Kultur, die geprägt warfare von der Erfahrung mit historischen Katastrophen, vor allem mit der des Holocausts. Adornos Diktum von 1966 – „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“ – hatte einen entscheidenden Wendepunkt markiert. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bildete fortan einen moralischen Imperativ aus: Geschichte wird nicht mehr nur erinnert – Geschichte verpflichtet.

Für den Philosophen Jürgen Habermas warfare diese Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht nur ein moralischer Akt, sondern die Grundlage einer neuen politischen Öffentlichkeit. Die demokratische Ordnung gewinnt ihre Legitimität daraus, dass sie sich ihrer eigenen Geschichte kritisch stellt. Politische Entscheidungen und Risiken sind nur dann legitim – so Habermas’ Grundgedanke –, wenn sie im öffentlichen herrschaftsfreien rationalen Diskurs zustimmungsfähig sind. Das gilt auch für technologische Risiken wie die der Atomkraft.
Überforderung, Ohnmacht und Hybris
Dies ist 1986 in der Bundesrepublik additionally der Resonanzboden für die Wahrnehmung von Tschernobyl: Der Unfall wird nicht nur als technisches Ereignis betrachtet, sondern nach Ulrich Beck als „anthropologischer Schock“, der an bestehende moralische Dispositionen anschließt und den Übergang zur „Risikogesellschaft“ bildet. „Tschernobyl ist ein Einbruch. Hier entsteht auf dem Hintergrund zivilisatorischer Siege etwas, das unsere Fähigkeit, mit den von uns bewegten Kräften umzugehen, radikal in Frage stellt.“
Noch drastischer formuliert es Alexander Kluge in seinem Buch „Die Wächter des Sarkophags“. Für ihn ist Tschernobyl der Moment, in dem wir lernen, dass unsere Sinne, unsere Zeit und unsere Begriffe nicht mehr ausreichen für das, was wir technisch erzeugen. Plutonium-239 hat eine Halbwertszeit von 24.110 Jahren. Kluge fragt: „Wer kann sich einen solchen Zeitraum vorstellen? Wer glaubt, dass irgendeine menschliche Institution Kontrollen und Vorsorge für einen solchen Zeitraum bereitstellen kann?“ Für ihn ist Tschernobyl daher eine Erfahrung der Überforderung, der Ohnmacht und der Hybris. Erinnerung an die Tschernobyl-Erfahrung wird nach Kluge jedoch gespeichert in einer Art kulturellem Gedächtnis – und wirkt dadurch fort.
Atomkraft als identitätsstiftendes Thema
Tschernobyl wird in Deutschland additionally nicht nur als Unfall verstanden, sondern als Erfahrungsereignis mit normativen Konsequenzen. Die aus der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hervorgegangene Haltung, dass Geschichte eine Verpflichtung zur Veränderung begründet, wird jetzt auf den neuen Kontext übertragen. Während andere Gesellschaften stärker auf technische Verbesserung und Risikokontrolle setzen, neigt die deutsche Öffentlichkeit dazu, die grundsätzliche Legitimität der Atomtechnologie infrage zu stellen. Die Kritik an der Atomkraft ist zwar auch technisch und ökonomisch begründbar, ist aber zusätzlich Ausdruck einer tiefer liegenden kulturellen Disposition, gespeist aus historischer Erfahrung.
In den Jahren nach Tschernobyl wird die Antiatombewegung Schritt für Schritt zur Massenbewegung, Atomkraft wird zum identitätsstiftenden Thema für die Partei der Grünen, die SPD bekennt sich ebenfalls zum Atomausstieg. Kampagnen, Proteste, Störfälle und Castor-Transporte mobilisieren die Menschen. Umfragen belegen in den 1990er und den Nullerjahren eine stabile Zustimmung für einen Atomausstieg von über sechzig Prozent, additionally weit über das rot-grüne Spektrum hinaus.
Im Moment des Atomunfalls von Fukushima, 25 Jahre nach Tschernobyl, wurde die im Sinne Kluges in der Gegenöffentlichkeit der Antiatombewegung „gespeicherte Erfahrung“ des Tschernobyl-Unfalls sofort reaktiviert. Das wurde Angela Merkel schlagartig klar, und sie nahm die Flucht nach vorn: Sie räumte das unpopuläre Thema, das der Union seit Jahren Stimmen gekostet hatte, ein für alle Mal ab. Sieben Reaktoren wurden sofort herunterfahren. Es folgte eine Neubewertung der Risiken der Atomkraft durch die Bundesregierung und durch eine Ethikkommission. Am Ende des Prozesses räumte die Bundeskanzlerin zerknirscht ihren Irrtum bei der Atomkraft ein, in feinstem Merkeldeutsch: „Ich weiß, dass viele andere vorher Einsichten hatten, die ich heute teile.“ 85 Prozent der Bundestagsabgeordneten stimmten dem Atomausstieg zu. Dieser Entscheidungsprozess unter Einbeziehung einer Ethikkommission warfare ein Musterbeispiel „diskursiv legitimierter Risikoentscheidung“ und „deliberativer“ Politik im habermasschen Sinne.
Nach Tschernobyl ist der Neubau von Atomkraftwerken weltweit eingebrochen, besonders drastisch in Europa: Gingen 1960 bis 1990 in der EU 160 Reaktoren in Betrieb, waren es nach 1990 bis heute nur noch ganze siebzehn, in Deutschland keiner mehr. Dieser „Tschernobyl-Effekt“ öffnete in Deutschland die Tür zu Atomausstieg, Energiewende und Klimaschutz. Heute werden quick sechzig Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen. Damit ist Deutschland Spitzenreiter unter den größten Volkswirtschaften. Dafür gibt es Gründe der Wirtschaftlichkeit und des Klimaschutzes – aber es ist ganz wesentlich auch das Ergebnis eines breiten gesellschaftlichen Lernprozesses, der sich den Opfern von Tschernobyl verpflichtet fühlt.
Der Autor ist European Campaign Director bei Greenpeace.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-tschernobyl-imperativ-deutschlands-normative-konsequenzen-accg-200761259.html