„Polizeiruf 110“ aus Rostock: Wer bin ich?

In der Toilette des Clubs vor dem Spiegel: Ist das da, das Ich im Spiegel, seitenverkehrt? Ist dieses Ich identisch mit dem Selbst? Transmann Daniel (Jonathan Perleth) beobachtet. Selbst- und Fremdbild verbinden sich zu einer attraktiven, interessanten Erscheinung, deren Züge Daniel wie ein Naturkundler studiert.

Mit den Zuschauern in Daniels Nacken und dem Blick über seine Schulter beginnt der Rostocker „Polizeiruf 110: Daniel A.“ (Kamera Clemens Baumeister und Alex Bloom). Gleich darauf verabschiedet Daniel sein Date Nathalie (Lea Freund) auf dem Parkplatz. Es ist nicht sehr spät am Abend, wirklich aufregend kann das Treffen nicht gewesen sein. Er ruft bei Hanna (Alina Stiegler) an. „Love has no gender“ steht auf einer Postkarte im nahe geparkten Caravan, den Daniel mithilfe des Transmanns Armin (Bernd Hölscher) zum Rückzugsraum umgebaut hat. Kein Tageslicht fällt hinein. Kleidung hängt überall, Accessoires und Schminkutensilien. Bilder und Ermutigungsworte rahmen einen sehr großen Spiegel. Vor dem Club gab es Streit. Nathalie wurde von ihrem Ex bedrängt, und der schubste sie. Sie fiel unglücklich und verletzte sich tödlich. Daniel ist der einzige Zeuge.

In Rostock geht die Nach-Bukow-Zeit in die zweite Runde. Seit 2010, 24 Folgen lang, war Polizei-Outsider Sascha Bukow (Charly Hübner) „Keiner von uns“ (so der Titel des letzten Films mit Hübner) und doch „Einer von uns“ (Titel der ersten Folge). Danach, in „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“, kam Bukows Halbschwester Melly Böwe (Lina Beckmann) ins Spiel, mit einem Fall, in dem sie erst solo ermittelte und dann gemeinsam mit Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zuschlug. Am Ende bekam sie Bukows Posten.

Tragödie mit ungewöhnlichem Schluss

Der Fall „Daniel A.“ ist ihr regulärer Dienstantritt. Im Rostocker Präsidium wird erst einmal gefremdelt. Bukows Schreibtisch ist leer. Die Neue zögert, seinen Platz einzunehmen. Das ist eine hübsche Geste des Buchs von Benjamin Hessler und der Regie von Dustin Loose gegenüber dem Erfinder und Begleiter der Figuren, Eoin Moore, aber nicht viel mehr als das. Die Horizontalerzählung geht nämlich in die Brüche. Katrin König wirkt mal erratisch, mal obercool und konzentriert, ernährt sich von Energydrinks und malträtiert ihren definierten Körper bis zur Erschöpfung. Melly Böwe fällt als warmherzige Bäckerin und Mutter aus Passion auf („Ich komme in Frieden und bringe Küchenbrötchen mit“). Die Kollegen Thiesler (Josef Heynert) und Pöschel (Andreas Guenther) warten auf den „Zickenkrieg“, Revierleiter Röder (Uwe Preuss) ist desorientiert. Mit Transition, so scheint es, kann man im Kommissariat schlecht umgehen. Nur Böwe ist eine einzige Komfortzone.

Frank Adamek (Jörg Witte), Einsatzleiter der uniformierten Polizei, sucht besonders gestresst nach Normalität. Denn eine „Lachnummer“ sei seine Familie geworden, gefundenes Fressen für die Lästereien der Kollegen. Die Frau ist auf und davon, die jüngere Tochter Charly (Daria Wolf) ist mit fünfzehn schwanger und nun überfordert mit dem Baby. Daniela, das Vorzeigekind, große Schwester und fürsorgliche Tante, ist zu Hause der Ruhepol. Ginge sie beziehungsweise ihr anderes Selbst Daniel zur Polizei, wäre das sein Outing. Also schminkt er sich, trägt Lipgloss in girliehaftem Rosé auf, lässt das Busenabbinden sein, pflanzt sich Mamas Haarspange auf. Die Regie inszeniert die Verwandlung in einer stillen Szene.

So wenig die Figurenzeichnung des Stammpersonals überzeugt (Beckmann ist als nette Kuchentante unterfordert), so authentisch wirkt das Drama des Transmanns Daniel, herausragend verkörpert von Jonathan Perleth. Warum man diese Geschichte um Fragen der Identität, Liebe und Selbstbestimmung als Krimi erzählt, erschließt sich nicht. Zumal eine tödliche Nebenhandlung nötig ist, um den „Polizeiruf“-Konventionen zu genügen. Die Kommissarinnen haben nicht viel zu tun. Als Tragödie mit ungewöhnlichem Schluss ist „Daniel A.“ stark. Als Rostocker Ensembleleistung lässt der Film zu wünschen übrig.

Der Polizeiruf 110: Daniel A. läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Source: faz.net

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