Volker Weidermanns Mann vom Meer als Hörbuch mit Hanns Zischler



Vom Buddenbrookhaus bis zur Lübecker Bucht bei Travemünde braucht man zwanzig Minuten, von Nidden auf der Kurischen Nehrung bis zum Haff keine fünf und vom San Remo Drive Nr. 1550 in Pacific Palisades, Los Angeles, vielleicht eine Viertelstunde bis zum Ozean. An diesen drei Orten standen Thomas Manns Geburtshaus, das Sommeranwesen des Nobelpreisträgers und die Re­sidenz des Emigranten. Die Nähe zum Meer verbindet sie zudem mit Schauplätzen wie dem Hotel Des Bains am Lido im „Tod in Venedig“ oder dem Strand von Forte dei Marmi, wo die Manns im Sommer 1926 den aufkommenden itali­enischen Faschismus erlebten. In der Novelle „Mario und der Zauberer“ wird der Ort dann Torre di Venere heißen und von einem Magier erzählen, der sein Publikum demütigt und hypnotisiert.

Volker Weidermann legt mit seiner an Hemingway anklingenden Neuerscheinung „Mann vom Meer“ (Kiepenheuer & Witsch 2023) ein weiteres Lebensbuch über Thomas Mann vor. Seine These: Vom Timmendorfer Strand bis zum kalifornischen Pazifik ist das Meer für Mann Quelle der Faszination, Sehnsucht, Kontemplation, aber auch der Angst. In seiner Literatur wird es zu einem zentralen Leitmotiv. Er nennt das ein „heimatliches Meeresdrama von verbotener Liebe, Todessehnsucht, Todesboten und plötzlichem Glück“. Belege dafür gibt es viele – Weidermann trägt sie als besessener Leser der Erzählungen, Romane, Briefe und Tagebücher nicht nur zusammen, sondern fügt sie geschickt zu einer begeisterten und begeisternden Geschichte zusammen.

Etwas mehr abwägende Distanz gegenüber seinem Helden, vom ersten Biographen Peter de Mendelssohn wie von der Familie „Der Zauberer“ genannt, lässt er allerdings vermissen. Hier spricht ein Emphatiker und treuer Bewunderer, was zugleich für die prominent besetzte Lesung des Schauspielers und Buchautors Hanns Zischler gilt. Hier ist viel Hingabe und fast Verklärung im Spiel, manchmal überkommt einen der Eindruck, Autor wie Sprecher veranstalteten insgeheim einen Wettstreit, dem aus alten Radioaufnahmen bekannten hohen Ton und gewählten Ausdruck des Meisters möglichst nahe zu kommen. Zum Glück vermischt sich das gelegentlich mit Ironie.

Ein letztes Winken

Was hier eine Spur zu bedeutsam vorgetragen wird, ist gleichwohl von erheblicher Bedeutung. Die konstante Rolle des Meers in Manns Leben und Werk ist nämlich noch nie so klar benannt und entwickelt worden. Erlebnisse aus den Sommerferien seit dem siebten Lebensjahr an der See, zugleich erste Begegnungen mit Musik im Kurtempel gehen am direktesten in die „Buddenbrooks“ ein. Mit dem zarten Hanno, dem der Arzt die kräftigende Wirkung des Meers verschreibt, das aber eher eine Todessehnsucht auslöst; oder mit Tony, die am Strand einer Leidenschaft für den blonden Medizinstudenten Morten nachgeht und mit ihm über Freiheit philosophiert. Zwar muss sie doch Grünlich heiraten, ihr „Traumaufenthalt am Meer“ bleibt aber Lebenskonstante.



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