Jacques Tilly: Der Düsseldorfer Satirekünstler spricht im Interview über den Prozess, der in Moskau gegen ihn geführt wird | EUROtoday

Ein Interview mit Jacques Tilly hat etwas von einer geheimen Mission. Der Besucher muss unter strenger Aufsicht an der Eingangstür zur Wagenbauhalle warten, bis er von Tilly abgeholt und in einen separaten Raum geführt wird. Keinesfalls darf vor Karneval bekannt werden, an welchen Themen und Motiven Tillys Team arbeitet.

WELT: Wie haben Sie von dem Prozess erfahren, der gegen Sie in Moskau läuft?

Jacques Tilly: Ende Dezember haben mir Mitglieder vom Verein Freies Russland NRW einen Text mit den Anklagepunkten geschickt. Dass ich bis heute nicht von russischer Seite über die Anklage informiert wurde, ist schon ein starkes Stück.

WELT: Und wie lauten die Anklagepunkte?

Tilly: Ich würde Falschmeldungen über die russische Armee verbreiten, aus eigennützigen Motiven und aus Hass handeln. Wahrscheinlich sind das irgendwelche Standardvorwürfe, die man auch gegen Kriegsgegner in Russland verwendet. Ich kann mir darauf keinen Reim machen. Einer solchen Anklage fehlt jede Verhältnismäßigkeit. Sie ist geradezu absurd.

WELT: Steht Ihnen jemand bei in diesem Prozess?

Tilly: Das Außenministerium hat mich zwischen Weihnachten und Neujahr angerufen, die beraten mich. Und ein Vertreter der deutschen Botschaft struggle beim Prozessauftakt am 24. Dezember dabei. Ich habe angeblich auch eine Pflichtverteidigerin, die ich aber noch nie gesprochen oder gesehen habe. Weil sie beim zweiten Termin nicht erschien, wurde der Termin jetzt auf den 28. Januar verschoben.

WELT: Was hat sich in Ihnen abgespielt, als Sie von der Anklage erfuhren?

Tilly: Es sind da zwei Gefühle, die sich abwechseln. Einerseits ist das natürlich bedrohlich, wenn man von Russland als Staatsfeind ins Visier genommen wird. Man weiß ja nie, was daraus entsteht. Andererseits denke ich: Ist doch eine tolle Bestätigung meiner Arbeit. Satire tut wohl doch weh. Dass das, was wir machen, nicht nur karnevalistische Unterhaltung ist, sondern sogar bei Putin ankommt – das motiviert mich.

WELT: Wie gehen Ihre Freunde und Ihre Familie damit um?

Tilly: Meine Kinder sind ja schon groß und aus dem Haus. Und sie sind einiges gewohnt.

WELT: Warum?

Tilly: Seit es die rechtspopulistischen Angriffe auf den liberalen Rechtsstaat gibt, nicht nur in Russland, sondern weltweit, lebe ich unter einer abstrakten Bedrohung. Ich habe schon viele Shitstorms und E-Mails abgekriegt, seit ich beispielsweise Wagen zur AfD gemacht habe. In solchen Mails sehe ich dann, wie das Weltbild der Rechten aussieht. „Man sollte dir ein Messer in den Hals rammen“, heißt es da. Oder: „Du Untermenschenratte. Ab ins Gas mit dir.“ „Nach der Machtergreifung werden wir dich vor ein Volksgericht stellen.“

WELT: Wissen Sie, was genau die jetzige Anklage ausgelöst hat? Sie haben schon viele Wagen mit Putin-Motiven gebaut. Ihr Wagen, auf dem Putin in einer Badewanne voller Blut zu sehen ist, stand 2024 vor der russischen Botschaft in Berlin.

Tilly: Keine Ahnung. Vielleicht struggle auch der Wagen „Putin in Jail“ der Auslöser, den wir 2024 vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt haben – anlässlich von Putins neuerlicher Amtseinführung als Präsident.

WELT: Sie arbeiten sich seit Jahren an Putin ab. Wann haben Sie damit angefangen?

Tilly: Das struggle 2009. Obwohl sich damals Putins despotische Ambitionen noch nicht so deutlich zeigten wie heute. Aber ich struggle nie ein Putin-Versteher und habe immer vor ihm gewarnt. Damals ging es mir um die Gefahr, der kritische Journalisten in Russland ausgesetzt waren. Ich habe ihn als Pistole gebaut, der Griff struggle sein Gesicht. Obendrauf stand: „Putins Pressefreiheit“.

WELT: Ist es früher schon vorgekommen, dass ein ausländischer Staatschef, der sich über seine Darstellung im Düsseldorfer Karneval aufgeregt hat, juristisch gegen Sie vorgehen wollte?

Tilly: Nein. Ärger gab es allerdings häufiger. Die polnische PiS-Partei hat sich zweimal bei der deutschen Regierung beschwert. Die damalige Regierungschefin Beata Szydlo schimpfte bei einem Besuch bei Angela Merkel über unseren Wagen. Geert Wilders von der niederländischen rechtspopulistischen Partei PVV hat einen ihm gewidmeten Wagen als krank bezeichnet.

WELT: Sie haben vorhin die Drohungen angesprochen, die Sie wegen kritischer Wagen bekommen haben. Wann hat das angefangen?

Tilly: Um das Jahr 2015 gab es einen Wendepunkt, an dem sich viele Milieus radikalisiert haben. Dank Social Media übrigens, das ist der Kanal für diese Gruppen. Nur so lassen sich diese Irrsinnsnarrative verbreiten. Und seitdem bekomme ich verstärkten Gegenwind. Ich und mein Team, wir sind zwar parteipolitisch impartial, aber wenn es um die Verletzung demokratischer Werte geht, dann sind wir sehr meinungsstark. Und der rechtspopulistische Angriff auf unsere Freiheit ist ein Bruch mit diesen Werten.

WELT: War es früher einfacher, Wagen zu machen – mit Motiven, die sich über die Obrigkeit lustig machen und sonst keinem wehtun?

Tilly: Meine Arbeit ist wichtiger geworden im Laufe der letzten Jahrzehnte. Davor struggle es halt eher harmlos. Man hat auf Merkel eingehauen. Oder auf Berlusconi. Oder auf Clinton. Das struggle das Geschäft. Aber seit zehn Jahren verschiebt sich die Grundtektonik der Gesellschaft, die Spannungen werden größer.

WELT: Karneval ist eigentlich ein integrierendes Fest, an dem sich alle in den Armen liegen und gemeinsam Spaß haben. Jetzt legen Sie sich mit einem Teil der Menschen an, die am Zugrand Ihre Wagen sehen.

Tilly: Natürlich gibt es immer welche, die sich aufregen und mir ihren Hass in Form der vorhin zitierten E-Mails mitteilen. Aber noch ist es zumindest in Düsseldorf so, dass die breite Bevölkerung die Wagen toll findet, weil sie Trump und Putin zutiefst ablehnen. Es geht darum, das in ein Bild zu setzen, was die Leute mehrheitlich fühlen, was atmosphärisch in der Luft liegt. Die Leute müssen ihr Handy zücken und sagen: tremendous Wagen! Dass ich nicht alle bedienen kann, ist klar. Wenn ich irgendwann merken sollte, dass ich die Mehrheitsmeinung nicht mehr spiegeln kann, würde ich aufhören. Und wenn das rechtspopulistische Weltbild mehrheitsfähig wird, kann ich nicht mehr arbeiten. Das wäre auch für den Karneval eine Bedrohung.

WELT: Gibt es auch Themen, bei denen Sie unsicher sind, was die Leute fühlen?

Tilly: Corona struggle so ein Thema. Da gab es nicht nur die Verschwörungsirren, die gegen die Corona-Maßnahmen waren, sondern auch Menschen mit vernünftigen Argumenten und berechtigter Kritik. Da habe ich mich zurückgehalten. Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Und ich bin nicht so wahrheitssicher, wie es vielleicht den Anschein hat. Auch der Israel-Palästina-Konflikt ist ein solches Thema.

WELT: Inwiefern?

Tilly: Ich habe schon zwei Mal Wagen dazu gebaut, aber die hatten beide Seiten kritisch im Blick. Ich bin zwar vom Existenzrecht Israels überzeugt und auch davon, dass Israel dieses Recht militärisch verteidigen darf. Aber der jüngste Krieg mit den Zehntausenden Opfern ging über jedes Maß hinaus. Inzwischen bin ich der Meinung, dass das Thema viel zu komplex ist, um es auf eine einfache Formel zu bringen. Mottowagen müssen aber ganz einfach sein, damit die Menschen sie sofort verstehen, egal welchen Bildungspegel sie haben. Ein Wort, ein Satz, eine einfache Bildformel.

WELT: Was ist Ihr innerer Kompass für Ihre Arbeit?

Tilly: Ich arbeite relativ konsequent nach den Werten, die meiner Meinung nach für unsere Gesellschaft wichtig sind – Menschenrechte, Pluralismus, offene Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit. Ich halte die Menschenrechte für die wichtigste Erfindung, die die Menschheit je gemacht hat. Es gibt keine Trennung mehr in „wir“ und „die“ – wir alle sind Menschheit. Bei den Menschenrechten wird die Binnenethik einer Stammeshorde auf alle Menschen dieser Welt ausgeweitet. Doch im Moment sind wieder die Menschenrechtsfeinde jedweder Couleur in der Offensive. Sie fragten vorhin danach, was sich verändert hat in den letzten Jahren: In meiner Jugend struggle ich sehr kritisch gegenüber der Gesellschaft, man struggle gegen Aufrüstung, Atomkraft oder Franz-Josef Strauß. Heute werde ich oft als Systemling beschimpft – da sage ich: Das bin ich auch! In einer Situation, in der dieses System als diktatorisch angegriffen wird, als „Honecker 2.0“, muss man sich vor dieses System stellen. Wir leben im freiesten Staat, den wir je auf deutschem Boden hatten.

WELT: Seit einiger Zeit beschweren sich Karnevalisten, die um sich greifende Wokeness mache bald jeden Witz unmöglich. Sie haben auch schon einen Wagen gebaut, mit dem Sie die Kritik an sogenannter kultureller Aneignung lächerlich gemacht haben.

Tilly (lacht): Natürlich sind viele Exzesse und Übertreibungen von Wokeness und linksidentitärem Übereifer lächerlich – und sie verengen den Blick. Und natürlich macht man sich als Karikaturist darüber lustig, wenn man die Begriffe Frau oder Mutter nicht mehr verwenden soll. Das ist genauso absurd wie die Tatsache, dass man in den 70er-Jahren in den WGs die Klotüren ausgehängt hat, damit es bloß keine Privatsphäre mehr gibt.

WELT: Sie scheinen sich dennoch nicht besonders darüber aufzuregen.

Tilly: Es gibt ja Leute im Karneval und in der Comedy, die ausschließlich auf die Wokeness und das linksliberale Milieu draufhauen. Das geht mir auf die Nerven, weil ich es für völlig unangemessen halte. Im Vergleich zu der rechten Repression, die uns etwa in Amerika erwartet, ist die Wokeness ein harmloser Spaß.

WELT: Ihr ganzes Erwerbsleben besteht daraus, dass Sie Wagen für den Düsseldorfer Karneval bauen. Wie kam es zu diesem eigenartigen Beruf?

Tilly: Das struggle Zufall. Nach Abitur und Zivildienst wollte ich eigentlich Journalist werden, die Welt verstehen. Ich wusste aber nicht, ob ich dafür intestine genug schreiben kann. Aber ich wusste, dass ich einigermaßen stark im Bild bin. Karikaturen etwa für die Schülerzeitung habe ich immer schon gemacht. Dann fragte mich ein Schulfreund, ob ich nicht im Karneval helfen wolle, da würden Leute gesucht. So kam ich mit 20 zum ersten Mal in die Wagenbauhalle, Helmut struggle grade Kanzler geworden. 1983 struggle das.

WELT: Und was hat Ihnen daran so intestine gefallen, dass Sie geblieben sind?

Tilly: Die Mischung aus Politik und Humor fand ich unwiderstehlich. Humor fand ich immer wichtig – aber nur wenn es dabei um etwas geht. Einfach so Slapstick ist nichts für mich. Die alten MAD-Satirehefte haben mich imprägniert, die haben mich mit einem Grundspott der Welt gegenüber ausgestattet.

WELT: Was struggle auf dem ersten Mottowagen zu sehen, den Sie gebaut haben?

Tilly: Helmut Kohl, der faul in der Matte lag und von Wirtschaftskrise und Lehrstellenmangel umschlungen wurde. Das ging mir alles leicht von der Hand. So bin ich im Jahr darauf wiedergekommen. Und ich dachte: Tolle Sache, Karneval findet jedes Jahr statt – wenn ich da einen Platz finde, habe ich einen Job bis ins Jahr 2050. Als Illustrator stehst du nach jedem Kinderbuch wieder vor dem Nichts.

WELT: Einen Job bis ins Jahr 2050? Sie gehen davon aus, dass es dann noch Rosenmontagszüge geben wird?

Tilly: Es gehört zum Biorhythmus des Rheinländers, einmal im Jahr die Sau rauszulassen. Also wird es auch immer Karneval geben. Aber ob wir dann immer noch die politischen Freiheiten haben werden wie im Moment, weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher. Aber ich bin auch kein Pessimist. Ich glaube nicht, dass Trump, AfD und Putin zum endgültigen Ende der offenen, freien Gesellschaft führen werden. Es ist ein Angriff, aber wir werden ihn abwehren.

WELT: 2050 werden Sie 87 Jahre alt. Wird man nicht irgendwann zu alt, um gute Satire zu machen?

Tilly: Die Frage ist mehr als berechtigt. Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Ich bin in einer sehr freien Zeit geprägt worden, in einer Zeit des Aufbruchs, in der es große soziale Bewegungen gab. Es ist immer ärgerlich, wenn alte Leute mit ihren Prägungen und Denkschablonen, die längst passé sind, versuchen, die Wirklichkeit einzuordnen. Darüber mache ich mir schon Gedanken. Allein schon wegen meiner bewussten Ignoranz den Social Media gegenüber. Da habe ich den Anschluss verloren und bekomme bestimmte Dinge nicht mehr mit. Ich habe zum Glück ein junges Team, das mich da korrigiert.

WELT: Wie groß ist der Anteil des Teams an einem Tilly-Wagen?

Tilly: Wir sind das ganze Jahr über acht Leute, in der heißen Phase kommen noch einige Freie hinzu. Viele meiner Bildhauer sind beim Herstellen der Maschendrahtgerüste besser als ich. Malen können sie sowieso quick alle besser als ich. Aber die inhaltlichen Ideen für die Wagen kommen nach wie vor von mir. Diese Arbeit ist nicht so einfach. Man muss meinungsstark sein, und man muss manchmal auch zu weit gehen. Aber eben doch nicht zu weit zu weit. Und knapp daneben ist auch vorbei.

WELT: Sind Sie selbst mal zu weit zu weit gegangen?

Tilly: In der Tat. Zum Beispiel 2011, als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktreten musste. Da haben wir einen Guttenberg gebaut, der mit Düsenjet ins Kanzleramt rast. Der Text dazu lautete: „Merkels 11. September“. Ein Attentat mit 3000 Toten als Karnevalspointe – im Rückblick würde ich sagen: Das struggle unangemessen. Auch wenn das damals seine Gründe hatte, dass wir das so gebaut haben.

WELT: Welche Gründe?

Tilly: Wir hatten schon Tage vorher einen Guttenberg-Wagen fertig. Dann brachte die Wochenzeitung „Die Zeit“ am Donnerstag vor Rosenmontag exakt unser Bild mit einer gekippten Statue auf der Titelseite. Reiner Zufall, denn wir haben ja strenge Geheimhaltung, was unsere eigenen Motive angeht. Da struggle ich sauer und dachte: Jetzt müssen wir ein härteres Bild bringen. Aber das struggle nichts. Ich sehe mich als Humanist – da kann ich keine Opfer verhöhnen. Genauso heikel ist es, Hitler zu karikieren. Zeigt man Hitler als Witzfigur mit Knollennase, verharmlost man damit den Holocaust. Ich habe Hitler schon zweimal gebaut – hatte dabei aber immer Bauchschmerzen.

Jacques Tilly, geboren 1963 in Düsseldorf, studierte in Essen Kommunikationsdesign. Als 20-Jähriger kam er erstmals als Aushilfskraft in die Wagenbauhalle des Düsseldorfer Karnevals. Tilly prägte in den folgenden Jahren den bissig-satirischen Stil, für den die Wagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs berühmt sind. Dabei verwendet er eine einfache Technik, die aus einer Innenkonstruktion aus Dachlatten, einem darüber geformten Geflecht aus Kaninchendraht sowie einer Schicht mit in Leim getränktem Papier besteht. Das macht es möglich, dass Tilly und sein Team innerhalb eines Tages einen Wagen bauen und so auf aktuelle Ereignisse eingehen können.

afa

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