Was Autofahrer fühlen, wenn sie an der Zapfsäule stehen | EUROtoday

Es ist Dienstag Morgen, kurz nach 9 Uhr, eine kleine Tankstelle in einem kleinen Ort an einer großen Autobahn. Schon von Weitem leuchten rot die Spritpreise:

Darunter läuft ein Spruch langsam und immer wieder durch die Anzeigetafel: „SCHÄTZELE, ICH MACH DIE PREISE NICHT!!“

Den Spruch hat sich die stellvertretende Tankstellenchefin ausgedacht. Typ: frei Schnauze. Raucherstimme, blond, tätowiert, norddeutsch, Mitte 60, additionally kurz vor der Rente. Direkt ist sie, aber nicht taktlos. Humorvoll, aber nicht verächtlich. „Ich bin bekannt dafür, dass ich schneller rede, wie ich denke“, sagt sie.

Der Spruch mit dem „Schätzele“ solle die Leute ein bisschen lockerer machen. Da kämen gerade so viele Kunden, sagt sie, die zögen morgens schon ein mieses Gesicht. Am schlimmsten seien die Rentner, die meckerten ständig über die hohen Benzinpreise. Männer. „Die wohnen nur drei Häuser weiter, aber fahren mit dem Auto her für die Bildzeitung. Da sage ich zu denen: Leute, lauft doch!“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


Manche lesen dann ihren Spruch an der Anzeigetafel. „Die fragen dann mürrisch an der Kasse: ,Wer hat denn das geschrieben?‘, und wenn ich dann sage, ich war das, dann grinsen die.“

Im Lauf der Jahre hatte sie schon alles Mögliche an der Anzeigetafel stehen. Stolz ist sie auf: „Liebling, ich habe Frühstück gemacht“ – um die Kunden zu Brötchen und Kaffee hereinzulocken. Oder: „Leute, die ich mag, duze ich, das sollten Sie wissen“, soll heißen: Wen sie nicht mag, siezt sie. Und von dem will sie auch gesiezt werden. Die ganze Duzerei nervt sie.

Dabei duzt sie selbst nicht wenige. Es ist eine freie Tankstelle, immer ein paar Cent billiger als die umliegenden. Es kommen also viele Kunden regelmäßig, die Bauern, die Handwerker, die Taxifahrer, manche täglich, die kennt die Tankwartin alle, und auch die Not, die sie durch hohe Spritpreise haben. Ein Unternehmen kommt jeden Morgen und tankt für etwa 700 Euro. Derzeit sind es täglich aber 1000.

„Und die Spargelbauern, reden Sie mal mit den Spargelbauern! Der größte bei uns hat 50 Autos. Und der braucht ja jedes einzelne Auto, weil die immer hin- und herfahren. In eineinhalb Wochen kommen die Helfer an. Letztens kam die Bäuerin vorbei. Ich habe sie gefragt: ‚Wie macht ihr das denn jetzt?‘ Sie hat gesagt: ‚Ich weiß es nicht.‘“

Tipps und Tricks von der Tankwartin

Die Tankwartin fühlt mit denen, die den Preisen ausgeliefert sind. Mit den anderen weniger. „Wer schlau ist, tankt nie zwischen 10 und 14 Uhr“, sagt sie den Kunden, wenn sie vormittags kommen und rumnölen. Und sie gibt ihnen noch mehr Tipps: „Leute, tankt doch nur für 10 Euro. Ihr müsst doch nicht volltanken.“

Oder wenn sie gerade tanken und der Preis umspringt, dann sollen sie einfach einhängen, sie drücke dann auf Kaufunterbrechung, und die Kunden können danach billiger weitertanken. „Aber das raffen die nicht. Da haben die sich schon so in Rage wegen irgendwas geredet, da wollen die nicht zuhören.“

An diesem Morgen redet sich gottlob niemand in Rage. In den kommenden Stunden werden viele Kunden vorbeikommen. Sie lassen sich grob in vier Kategorien einteilen, und zwar je nach dem, wie weit ihre Sorgen reichen.

1. Die, die sich gar keine Sorgen machen, weil sie eh nix ändern können.

2. Die, die sich um ihren Geldbeutel und ihre Zukunft sorgen.

3. Die, die sich um Deutschlands Zukunft sorgen – und meist schwer enttäuscht und auch wütend auf die Regierung sind.

4. Die, die sich um die politische Weltlage insgesamt sorgen – und dabei entweder fassungslos zuschauen oder langsam ihr Vertrauen in alles verlieren.

Das sind zum Beispiel Jan und Michelle. Er ist 24, sie 28. Sie sind mit Michelles Auto unterwegs, weil das von Jan zu viel Sprit frisst. Im Monat tankt er für etwa 400 bis 450 Euro, jetzt sind es 550. Er merkt den Preisunterschied „extrem“. Und wägt am Wochenende ab, ob er Ausflüge mit dem Auto unternimmt. Nicht, weil es unmöglich sei, sondern weil er beim Tanken schon „ein bisschen geizig“ ist.

Michelle tankt ihren Wagen auf.Michael Hinz

„Alles wird teurer, das nervt tierisch“, sagt er. Dabei hat er vor einiger Zeit den Job gewechselt, verdiene nun gut. Vorher hatte er als gelernter Bodenleger ein Einkommen von 1800 Euro netto. „Dann zahlst du 800 Euro Miete, hast noch ein Auto. Und stehst am Ende des Monats da und denkst dir: Was esse ich jetzt eigentlich? Ravioli werden auch teurer.“ Wenn er überlege, wie es Leuten gehe, die eine Ausbildung machten oder gerade erst anfingen zu arbeiten, dann verstehe er nicht, warum die Politik nichts dagegen mache.

Alles bleibt gleich, nur die Preise steigen

Einen Tag später wird die Politik etwas machen. Wirtschaftsministerin Kathe­rina Reiche kündigt an, dass Deutschland seine Ölreserven anzapft, dass Tankstellen zukünftig nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen und dass das Kartellamt stärker prüfen soll, ob Preisaufschläge missbräuchlich sind – und konkret auch, wie die jüngsten Preissprünge zustande kamen.

Jan antwortet auf die Frage, was er sich von der Politik wünsche, er wisse es nicht. Aber was er weiß, ist, dass er immer wieder hört, „dass alles geändert wird, aber dann am Ende doch alles doch irgendwie gleich bleibt – außer dass eben die Preise steigen.“ Klar, sein Gehalt steige auch regelmäßig. Aber es fühlt sich für ihn nicht so an, als käme es hinterher. Wenn er dann so Sachen hört wie „Kauft euch ein Elektroauto“, dann kommt er sich „ein bisschen verarscht“ vor.

Denn auch der Strom werde ja immer teurer. Außerdem gebe es in der Nähe keine Ladestationen, und sich so was zu Hause einzurichten, koste auch „massig Geld“. Jan sagt: „Ich bin jetzt 24. Also wenn das so weitergeht die nächsten 20 Jahre – ich weiß nicht. Ich habe Angst, dass dann irgendwann kein Geld mehr da ist, dass dann alles so teuer ist, dass man sich gar nichts mehr leisten kann.“

„Der Trump labert so viel“

So geht es vielen: Barbara, 76 Jahre, alleinstehend, bedrücken die hohen Kosten für Lebensmittel. Oder Masod, 45 Jahre, der einen Fahrservice zum Flughafen betreibt und unter den Benzinpreisen leidet. Er kann die höheren Kosten nicht direkt auf die Kunden umlegen, weil die ihm sonst weglaufen. Oder Julia, 46 Jahre, deren Weg zur Arbeit wöchentlich 500 Kilometer beträgt und die den „Öloligarchen“ nicht noch mehr Geld in die Taschen schieben will. Oder Tamara, 43 Jahre, Pflegerin, die bei ihrem Privatauto derzeit darauf achtet, nur abends zu tanken. Wenn es billiger ist.

Jetzt aber ist es morgens und mittlerweile 10 Uhr. Die Zeit also, zu der man nach Aussage der Tankwärtin lieber einen großen Bogen um Tankstellen fahren sollte, weil es nun teurer wird.

Trotzdem kommen weiter Autos. In einem sitzt Reza, 42 Jahre. Er muss „zum Glück“ nicht so viel fahren, arbeitet im Homeoffice. Er sagt, er hat zu lange mit dem Tanken gewartet. Ständig habe er geglaubt, es werde am nächsten Tag besser. Aber es wurde schlimmer. Also habe er heute beschlossen, zuzuschlagen. Auf seiner Tank-App stand, dass es hier drei Cent billiger ist als bei ihm zu Hause. Er tankt Diesel.

„Wenn man sich die Situation im Iran anschaut, dann glaube ich nicht, dass die Preise so bleiben“, sagt er. Er habe zwar gehört, dass Trump am Tag zuvor getönt habe, der Krieg sei bald vorbei. Aber er glaubt Trump nicht. „Der labert so viel! Und er macht nur, was er will, das macht mich sauer.“ Als Reza fertig ist, öffnet er seinen Kofferraum. Darin steht ein großer Kanister, den er zusätzlich füllt – „falls es noch teurer wird“.

Auf dem Heckfenster prangt ein großes Bild. Es sieht ein wenig so aus, als würde ein Mann auf zwei großen Adlerflügeln reiten. „Das steht für Persien“, sagt Reza. „Meine Familie wohnt in Teheran.“

Als der Krieg begann, war seine Mutter glücklicherweise gerade bei ihm zu Besuch. Sie konnte ihr Visum verlängern. Aber viele andere seiner Familie seien noch in der Hauptstadt. „Es gibt keine Iraner, die froh sind, dass Trump angegriffen hat“, sagt Reza. Diejenigen, die das feierten, seien „Kiddies“ und „Dummies“. „Die denken, Trump bringt mit Raketen und Bomben die Freiheit. Aber das wird nicht funktionieren.“

Rezas Familie wohnt in Teheran, nur seine Mutter ist zufällig gerade in Deutschland.Michael Hinz

Viele an der Tankstelle schimpfen an diesem Vormittag auf den amerikanischen Präsidenten und seine „sinnlosen Kriege“ (Julian, 28). Christine, 48 Jahre, im Familienwagen unterwegs, sieht auch keinen Unterschied mehr zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sie ärgert, dass trotzdem überall „Putin immer der Schlimme und Trump immer der Gute“ sei.

Es sind verschiedene und starke Gefühle, die sie derzeit umtreiben. Sie sei „total sauer“, aber sie habe auch Angst, wenn sie sich überlege, wo überall gerade Kriege angezettelt würden und wo die NATO gerade Kriegsgerät hintransportiere. Von der Bundesregierung und vor allem von Friedrich Merz ist sie enttäuscht. Die CDU mag sie eigentlich, aber „ihn mag ich nicht“, vor allem nicht, seit er „mit Trump Chichi macht“.

Und immer wieder, nach jedem Beispiel ihrer Enttäuschung, das sie erzählt, wiederholt sie einen Satz: „Ich kann das alles nicht mehr tolerieren.“

Für Christine ist der Benzinpreis ein Symptom für ein „Riesengemauschel mittlerweile“, „das stimmt hinten und vorne nicht mehr“. Bei der letzten Wahl habe dieses Gefühl bei ihr angefangen. „Da merkt man, dass es egal ist, was du wählst, wie du dich entscheidest, es wird sowieso alles so gedreht, wie die es am besten hinkriegen.“

„In Frankreich würden schon Autos und Häuser brennen“

Und auch Dieter, 79 Jahre, poltert direkt richtig los: „Das ist für mich ’ne Abzocke, ganz einfach.“ Die Ölkonzerne hätten die Lager voll mit billigem Sprit, aber „unsere Regierung steht nur da und guckt zu, weil sie ja mitverdient – das meiste sind ja Steuern“, die sollen die doch bitte jetzt mal 10 bis 20 Cent senken. Der hohe Spritpreis macht ihm persönlich gar nichts aus. „Ich kann mir das leisten.“ Er tankt immer voll, egal wie hoch der Preis ist. Sorgen mache er sich um die anderen Menschen, sagt er, die zur Arbeit fahren müssen.

Eine ähnliche Distanz, wenn nicht sogar Misstrauen gegenüber dem Staat beschreiben andere Autofahrer auch. Daniel, 39 Jahre, redet davon, dass die Deutschen nur noch „funktionierendes Personal“ seien. In Frankreich wären die Leute schon längst auf die Straße gegangen, da würden die Autos und Häuser brennen. Aber hierzulande würde „nur funktioniert“. Und eine 51 Jahre alte Frau, die nicht mit Namen genannt werden will, sieht überall nur noch „Politikerscheiß“, während die Bürger „überall die Leidtragenden“ seien – ohne etwas dazuzukönnen. „Merz soll weg“, sagt sie, denn „Schuld sind die, die die Gesetze machen“. Deutschland, glaubt sie, gehe den Bach runter.

Es ist kurz nach 11. Die Preise gehen wieder ein wenig nach unten.

Die Tankwartin sagt, so ein kleiner Ausschlag sei regular. Nachher schnelle das rasch wieder nach oben. Ein Audi steht an der Zapfsäule, und Reiner steigt aus, 77 Jahre, schwarzer Kapuzenpulli, struggle beruflich erfolgreich und nicht unbekannt in der Gegend. Auch er tankt Diesel.

Reiner sorgt sich um die Generationen nach ihm.Michael Hinz

Das „Schlimme“ sei, sagt Reiner, dass derzeit die Welt nur noch durch „Machtpolitik“ bestimmt werde. „Was kümmert es mich, ob ich 50 Euro mehr oder weniger monatlich auf dem Sparbuch habe, wenn meine Enkelkinder oder meine Kinder in eine solche Welt hineinwachsen, eine Welt, wo ich mich frage: ‚Was wird mal aus denen?‘ Das macht mir viel mehr Sorgen.“ Seine Generation, sagt Reiner, habe „wirklich Glück gehabt“. Sie habe keine schlechten Zeiten erlebt, es sei alles „perfekt gelaufen“. Nun aber wählten die Amerikaner einen wie Trump!

Reiner hat dort lange gearbeitet, aber er versteht die Amerikaner nicht mehr. Ähnlich „unbegreiflich“ ist für ihn, wie die AfD in Baden-Württemberg auf solche Ergebnisse kommen kann. Im Osten, ja, das könne er nachvollziehen, den Menschen sei zum Teil übel mitgespielt worden. Aber im Westen? „Die Leute können doch nicht unzufrieden sein“ – sein Satz ist ein Ausruf, und zugleich eine Frage.

Um kurz vor 12 Uhr steht die Tankwartin vor dem Kassenhäuschen und sagt, nun beginne die „tote Zeit“. Da bremsten die Leute nur, schauten sich die Schilder an und führen weiter. Sie drückt eine Zigarette aus, dreht sich um und geht wieder rein.

Ihr weißer Pulli läuft hinten tief zu einem großen V zusammen. Man kann chinesische Schriftzeichen den Rücken runterlaufen sehen. Ihr Vorname. Er besteht unter anderem aus den Zeichen für Frieden und Liebe. „Wirklich?“, fragt die Tankwartin. „Das ist intestine. Denn manchmal schreiben die da ja einfach drauf ,Nummer 43 mit Reis‘, und man merkt es nicht.“ Sie lacht herzhaft. „Liebe und Frieden – das müssen Sie dazuschreiben!“

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